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Hannover Blinde Jugendliche komponieren ohne Noten
Nachrichten Hannover Blinde Jugendliche komponieren ohne Noten
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00:17 28.03.2019
Landesblindenzentrum: 14 blinde Schüler haben gemeinsam mit der Oper Musikstücke entwickelt und führen ihre Improvisationen vor. Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

Schon das Intro ist ergreifend: Der 16-Jährige Alex lässt mit seinem Saxofon ganz langsam und gefühlvoll den Mond (nach Matthias Claudius) aufgehen. Dann gesellt er sich zu den anderen Musikern auf der Bühne der Aula im Landesbildungszentrum für Blinde (LBZB), um sie dort bei ihren musikalischen Improvisationen zu unterstützen. Die Staatsoper und das LBZB haben in diesem Jahr miteinander im Projekt „Ohrlabor“ kooperiert. 14 blinde Schüler haben in wöchentlichen Workshops den improvisatorischen Umgang mit Musik gelernt, angeleitet von der ebenfalls blinden Cellistin Corinna Eikmeier. Sieben Wochen lang haben sich die Jugendlichen mit dem Thema „Nacht“ auseinandergesetzt und dabei ganz eigene Stücke über die Dunkelheit entwickelt.

Musik ohne Noten

Bei dem Projekt „Ohrlabor“ geht es darum, Musik nicht nur zu hören, sondern selber zu komponieren. „Es ist eine Art musikalische Improvisation“, sagt Maike Fölling, die Leiterin der Musiktheaterpädagogik an der Oper. Jugendliche sollen einen eigenen Zugang zu Musik bekommen. „In diesem Fall war es eine besondere Herausforderung, da ja nicht mit Noten gearbeitet werden kann“, so Fölling. Musiklehrerin des LBZB, Paulina Pöpperl, und Corinna Eikmeier haben mit ihrem engagierten Ensemble nur zehnmal geprobt – das Ergebnis kann sich hören lassen. Die Jugendlichen wurden unterstützt vom Streichquartett des Staatsorchesters und legen ihren ganz persönlichen Klangteppich rund um das Thema Nacht. Da spielen Katzen eine Rolle, Eulen, aber auch Grusel und Geister. Und auch, wer noch kein Instrument beherrscht, wird klangvoll mit einbezogen – nicht zuletzt beim begleitenden Gesang. Streichinstrumente, Klanghölzer, Akkordeon, Xylofon, Klavier und nicht zuletzt das Saxofon kommen zum Einsatz, die Geschichten aus der Dunkelheit hat die Gruppe melodisch und phantasievoll umgesetzt.

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„Der Prozess ist eigentlich das Ziel“, sagt Maike Fölling. Alle Teilnehmer hätten sehr viel Spaß bei den Proben gehabt, Stille zugelassen und einander zugehört. Und es sind auch kleine Profis dabei. Alex spielt sein Instrument zwar erst seit eineinhalb Jahren, dafür sitzen die Töne erstaunlich perfekt. Außerdem spielt er Akkordeon und Klavier seit er drei Jahre alt ist. „Wenn ich etwas höre, kann ich es meistens schnell nachspielen, ich brauche keine Noten“, erzählt Alex. Sein Blasinstrument übt er täglich, „nur wenn Mama Nachtschicht hatte, muss es leise bleiben“, sagt der 16-Jährige. Sein Projekt-Mitstreiter Dennis steht am Xylofon auf der Bühne, „aber eigentlich spiele ich mehr Gitarre und Keyboard“, meint der 15-Jährige. Musik nur zu hören reicht dem Rap-Fan nicht. „Ich möchte immer selber etwas machen.“ Das „Ohrlabor“-Projekt dürfte dafür bestens geeignet sein.

Von Susanna Bauch