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Hannover Immer mehr Kinder können schlecht Deutsch
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08:36 29.06.2017
Von Jutta Rinas
„Ich spreche Kinder wie sie vorsichtig an, aber ich dränge sie nicht“: Die 65-jährige Carina Pjechgott übt in der Kita Eichsfelder Straße mit Hanna (4, von links), Ela (3) und Mahdi (5) spielerisch Deutsch – bei einer Partie Uno. Fotos: Franson (2) Quelle: Samantha Franson
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Hannover

"Ich auch". Es ist der einzige, bruchstückhafte Satz, den Ela an diesem Morgen sagt. Den allerdings spricht das Mädchen mit dem kessen Pferdeschwanz mit leiser, fester Stimme. Mitspielen beim Uno-Kartenspiel will die kleine Türkin nämlich unbedingt. Und immerhin hat Sprachpatin Carina Pjechgott gerade erst gefragt, wer diesmal mit dabei sein will. Da muss die Vierjährige sich in der Kita Eichsfelder Straße in Stöcken mit ihrem „Ja“ ganz schön beeilen. Kumpel Darius (5) lässt es sich nämlich nicht nehmen, im Eiltempo die Karten neu zu mischen. Fast jeden Spielzug kommentiert der polnische Junge, der erst seit dem Sommer in der Kita ist, in fließendem Deutsch. Ela dagegen wendet die Uno-Regeln zwar sicher an: Farbe gehört auf Farbe, Zahl auf Zahl. Aber sie spricht kein Wort. Das kleine Mädchen nickt oder schüttelt den Kopf, wenn es sich verständigen will. Manchmal reicht ein Augenkontakt, um Carina Pjechgott etwas mitzuteilen. „Ich spreche Kinder wie sie vorsichtig an, aber ich dränge sie nicht“, sagt die 65-Jährige: „Ela lernt ja schon viel, wenn sie mich Deutsch sprechen hört.“

Sprachdefizite in vielen Familien

Sprachzauber“ heißt das Projekt des hannoverschen Freiwilligenzentrums, in dem Pjechgott seit 2015 Sprachpatin ist. Einmal in der Woche kommt die frühere Verwaltungsangestellte der MHH für zwei Stunden in die Kita Eichsfelder Straße in Stöcken, ehrenamtlich, um Kindern spielerisch die deutsche Sprache näherzubringen. „Sprachzauber“ will Kindern mit Migrationshintergrund beim Deutschlernen helfen. Aber nicht nur. Auch in deutschsprachigen Familien häuften sich die Defizite, sagt die Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums, Almut Maldfeld. Der Grund ist erschreckend: „Viele Eltern“, sagt die 53-Jährige, „haben kaum noch Zeit, sich ihrem Kind zu widmen.“ Berufstätige Alleinerziehende oder Doppelverdiener könnten ihre Kinder oft nur noch abends oder am Wochenende sehen.

Almut Maldfeld, Neue Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums (Foto: Rainer Surrey)

Ehrenamtliche überall gefragt

Auch Fernsehkonsum, Internet und Handy verkürzten die Zeit, in der Eltern und Kinder miteinander redeten. Die Folge: Nicht nur in prekären Stadtteilen, sondern auch in gut situierten Vierteln Hannovers sind Ehrenamtliche gern gesehen, die die Sprachkompetenz von Kindern fördern. 35 Kindergärten, auf ganz Hannover verteilt, machen nach Angaben von Maldfeld bislang beim „Sprachzauber“-Projekt mit. Damit es noch mehr werden, sucht das Freiwilligenzentrum ehrenamtliche Helfer. Wer möchte, kann sich bei Projektleiterin Constance Meuer unter (05 11) 30 03 44 78 melden.

Ausländeranteil 71 Prozent

Sprachpatin Carina Pjechgott hatte den ausdrücklichen Wunsch, sich in einer „Multikulti-Kita“ zu engagieren. Sie bringt gute Voraussetzungen für so eine Einrichtung mit. Neben Deutsch spricht sie fließend Englisch, dazu Spanisch und ein paar Brocken Türkisch, könnte sich also auch mit Kindern dieser Muttersprache verständigen. Nötig ist die Mehrsprachigkeit nicht. Im Gegenteil: „Sprachzauber“-Leiterin Meuer betont, dass die Ehrenamtlichen sich mit den Kindern nur auf Deutsch verständigen sollen. In der Kita Eichsfelder Straße würden sie allerdings auch in vielen anderen Sprachen fündig: Viele türkische Kinder gibt es hier. 1700 Türken und Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund leben in Stöcken, die meisten in ganz Hannover. Dazu kommen afrikanische Kinder, in deren Heimatländern als Zweitsprache Englisch gesprochen wird. Kinder aus Mazedonien, Serbien, Polen, dem Libanon oder von der Elfenbeinküste tummeln sich an diesem Morgen in der „Eisbären“- oder „Spatzen“-Gruppe. Der Ausländeranteil beträgt nach Angaben von Kitaleiterin Sabina Grass-Cremerius 71 Prozent. Manche Eltern verständigten sich zu Hause in den ersten drei Lebensjahren mit ihren Kindern nur in der Muttersprache. „Je sicherer die Kinder dort aber sind“, sagt Grass-Cremerius, „desto schneller lernen sie die deutsche Sprache“.

"Sprachpate kann im Prinzip jeder werden"

Ein bisschen kampferprobt im Umgang mit kleinen Kindern sollte man schon sein. Dazu muss man fließend Deutsch sprechen können. Aber mehr als diese beiden Eigenschaften braucht es nach Angaben von Projektleiterin Constance Meuer nicht, um als ehrenamtlicher Sprachpate beim „Sprachzauber“ des hannoverschen Freiwilligenzentrums mitzumachen.

35 Ehrenamtliche gibt es mittlerweile bei dem Projekt, das 2015 an den Start ging und von der Bürgerstiftung mit 23. 000 Euro jährlich gefördert wird. Im Schnitt 66 Jahre sind sie derzeit alt, beruflich gibt es keine Beschränkungen: „Vom Hochschullehrer bis zur Reiseverkehrsfrau ist alles dabei.“ Einmal in der Woche besuchen die Sprachpaten einen der 35 Kindergärten in Hannovers Stadtgebiet und stürzen sich dort zwei Stunden lang ins Alltagsgetümmel. „Sprachzauber“ sei kein reines Vorleseprojekt, betont Projektleiterin Constance Meuer. Philosophie sei es vielmehr, „die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen“. Wenn die Kinder an einem Vormittag also drinnen Karten spielten, geselle sich der Pate dazu und versuche, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Wenn ein Ausflug in die Bäckerei anstehe, werde eben dort über das Brotbacken und anderes geredet. Eigene Neigungen und Fähigkeiten einbringen könne man natürlich, sagt Meuer. Wer gut singen könne, versuche vielleicht eher über Lieder mit den Kindern in Kontakt zu kommen. Wer schauspielerische Fähigkeiten habe, greife möglicherweise zu Spielen, die über die Mimik oder Reime funktionierten. Im Prinzip seien der Fantasie, so Meuer, aber keine Grenzen gesetzt: Ein Sprachpate habe mit den Kindern auch schon Drachen gebastelt.

Wer sich für die Arbeit als ehrenamtlicher Sprachpate bei „Sprachzauber“ interessiert, bekommt - bevor es losgeht - eine dreitägige Schulung über Sprachentwicklung und Methoden zur Sprachförderung. Und: Verlässlichkeit ist wichtig. Man muss sich für ein Jahr verpflichten, regelmäßig einmal in der Woche für zwei Stunden in die Kita zu gehen. jr

Spielerisch lernen

Normal ist es in der sogenannten Erschwernis-Kita, in der auch viele Familien von Hartz IV leben, dass zu Beginn des Kitajahres Kinder kommen, die kein Wort Deutsch sprechen. Mithilfe einer türkischen Erzieherin, mit privaten Englisch- und Französischkenntnissen, versuche man die erste Zeit zu überbrücken. Manche Sätze seien gerade während der Eingewöhnung extrem wichtig. „Mama kommt in einer halben Stunde“ könnten manche Erzieherinnen zur Not auch auf Türkisch sagen. Die Kinder selbst gingen unterschiedlich mit ihrer Sprachlosigkeit um. Manche seien zurückhaltend, schüchtern. „Andere“, sagt die 43-jährige Kitaleiterin, „quatschen uns den ganzen Tag auf Albanisch voll.“ Dafür, dass es nicht dabei bleibt, sind Sprachpaten wie Carina Pjechgott da. Hingebungsvoll widmet sie sich an diesem Tag ihren Uno-Partnern, kuschelt mit Hanna, smalltalkt mit Kumsal oder Mahdi - und achtet sorgfältig darauf, dass sie ein grammatikalisch einwandfreies Deutsch spricht. „Ich korrigiere nicht, aber ich greife falsche Sätze in normalem Deutsch wieder auf“, sagt Pjechgott. Zu viel rumdoktern sei nicht gut: „Der ,Sprachzauber’ soll ja spielerisch sein.“ Das hilft nicht nur Kindern, die kaum Deutsch können. Es hilft auch, wenn Eltern nur brüchig Deutsch sprechen - und sich fehlerhaftes Deutsch tief in den Sprachschatz der Kinder eingräbt. „Ich geh’ bei Kindergarten“ oder „Du komme“ sind Sätze, die man an diesem Tag häufiger hört. Es sei oft schwieriger, solche Fehler zu korrigieren, als die Sprache neu zu lernen, sagt Grass-Cremerius.

Es gibt aber auch erstaunliche Erfolgsgeschichten. Amar, erzählt Pjechgott, habe kein Wort Deutsch gesprochen, als er in die Kita kam. Jetzt rede er auf Deutsch wie ein Wasserfall. Kaum gesagt, flitzt der vierjährige Bosnier auch schon um die Ecke. „Ich will Fangen spielen, mit Ela“, sagt er, grinst, und ist wieder weg. Wie ein Papagei habe er alles Gehörte nachgesprochen, sagt Pjechgott. Das sei sein Erfolgsrezept.

Keinen einzigen Tag gefehlt

Stundenlang, das merkt man, könnte die 65-Jährige weiter über ihre Schützlinge sprechen. Man merkt auch: Eigenschaften wie Kinderliebe, Einfühlungsvermögen und Begeisterungsfähigkeit machen eine gute Sprachpatin neben guten Deutschkenntnissen auch aus. „Ich habe Kinder unheimlich gern und hatte leider keine eigenen“, sagt die Rentnerin, bevor sie sich wieder ihren Kitakindern widmet. Bei „Sprachzauber“ habe sie „noch keinen einzigen Tag gefehlt“.

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