Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Prozess: Trickbetrüger zahlt zu schlecht und wird verpfiffen
Nachrichten Hannover Prozess: Trickbetrüger zahlt zu schlecht und wird verpfiffen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
00:20 19.01.2019
Vor dem Prozessauftakt im Kieler Landgericht: Der Angeklagte (26) verbirgt sein Gesicht vor dem Kameras hinter einem Aktendeckel. Quelle: Thomas Geyer
Anzeige
Kiel/Hannover

Ein mutmaßliches Mitglied einer Trickbetrügerbande aus dem Raum Hannover muss sich derzeit vor dem Kieler Landgericht wegen bandenmäßigen Betrugs verantworten. Dem 26-Jährigen wird vorgeworfen, 2018 als Mittelsmann bei zwei Polizeitricks mit einer Beute von insgesamt 200.000 Euro in einem noblen Villenviertel der Fördestadt agiert zu haben. Die Taten flogen nur deshalb auf, weil zwei engagierte Geldabholer sich ungerecht bezahlt fühlten – als Lohn sollten sie bloß mehrere Hundert Euro bekommen. Daraufhin ging ein anonymer Hinweis bei der Polizei Hannover ein.

Laut Anklage agierte der Beschuldigte von Langenhagen aus im Auftrag von Drahtziehern im türkischen Izmir. Im März vergangenen Jahres soll er in zwei Fällen als „Logistiker“ auf der mittleren Täterebene tätig gewesen sein. Der Prozess kam schon im Dezember vor Gericht, doch damals platzte er wegen einer Besetzungsrüge durch die Verteidigung. Nun wird der Fall erneut verhandelt. Bereits im ersten Anlauf hatte der Anwalt des 26-Jährigen eine schriftliche Erklärung verlesen, wonach sein Mandant zufällig von einem Bekannten in einer Shisha-Bar von den „sehr guten Verdienstmöglichkeiten“ durch den Polizeitrick erfahren habe. In Izmir habe der Angeklagte schließlich die Feinheiten gelernt.

Anzeige

Erstes Ziel: Eine Millionärswitwe

Als im Februar 2018 schließlich ein wichtiger Komplize wegfiel, soll der 26-Jährige bei den Trickbetrügern eingesprungen sein. Die Bande gaukelte der 84-jährigen Witwe eines ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten vor, die Millionärin müsse ihren Schmuck im Wert von 100.000 Euro vor angeblichen Einbrechern in Sicherheit bringen und die Wertsachen den falschen Polizisten übergeben. Für 2000 Euro pro Einsatz habe er zwei Geldabholer engagiert und die Beute in die Türkei geleitet.

Zum Verhängnis wurde dem 26-Jährigen aber offenbar die zweite Tat: Die Bande gab sich gegenüber einem Ehepaar als Polizei aus und erbeutete erneut 100.000 Euro in Form von Goldbarren und Krügerrand-Münzen. Bei ihren Anrufen fälschten die Betrüger sogar die Telefonnummer, sodass diese wie die der Polizei und Staatsanwaltschaft aussahen. Nachdem die Opfer ihr Schließfach leergeräumt hatten, übergaben sie die Wertsachen den als Zivilbeamte verkleideten Geldabholern.

300 Euro Lohn für 2,5 Kilo Gold

Doch auf der Rückfahrt nach Hannover sahen die Komplizen in der Tasche nach und entdeckten die insgesamt 2,5 Kilogramm schweren Goldbarren. Besonders der Fahrer, der 300 Euro bekommen sollte, fühlte sich übers Ohr gehauen. Die Männer fürs Grobe forderten mehr. Der Angeklagte telefonierte hektisch mit dem Drahtzieher in Izmir. Nun sollten die Helfer, denen demnächst ebenfalls der Prozess gemacht wird, je 2000 Euro bekommen. Das war womöglich noch zu wenig: Bei der echten Polizei in Hannover ging zwei Tage später ein anonymer Hinweis ein. Der Anrufer verfügte über detailliertes Täterwissen und beschuldigte namentlich den Angeklagten. Der 26-Jährige wurde nach dreimonatiger Überwachung festgenommen, seit Mitte Juni 2018 sitzt er in Untersuchungshaft.

Schon 516 Anrufe von Trickbetrügern

516 Anrufe von Trickbetrügern hat die Polizei Hannover vom 1. bis 15. Januar 2019 bereits registriert. Allein am 9. Januar sei es laut Behördensprecher Philipp Hasse zu mehr als 70 Fällen gekommen. Der Schaden ist immens: In den ersten 15 Tagen erbeuteten die Trickbetrüger, die sich als Polizisten ausgeben, rund 230.000 Euro. Der größte Coup gelang ihnen am 14. Januar, als sie einen Rentner überredeten, seine Wertsachen aus einem Bankschließfach zu holen. Vor dem Geldinstitut entrissen die Täter dem Mann das Geld und Goldmünzen im Gesamtwert von 120.000 Euro.

Laut Hasse nimmt das Leerräumen von Schließfächern „immer mehr zu“. Dadurch umgehen die Trickbetrüger skeptische Bankangestellte, denen das Abheben von hohen Geldbeträgen suspekt vorkommt. Die Polizei rät, seine Daten aus dem Telefonbuch streichen zu lassen. „Zumindest den Vornamen“, sagt Hasse. Unter anderem daran orientieren sich die Täter, um möglichst ältere Menschen anzurufen. Allerdings greifen die Trickbetrüger mitunter auch auf alte Telefonbuchexemplare zurück, in denen die Daten noch vollständig zu sehen sind. Hasse: „Einen vollkommenen Schutz gibt es nur, wenn man sich eine neue Nummer zulegt und diese dann nicht im Telefonbuch erscheint.“

Von Thomas Geyer

Anzeige