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Hannover „Wir bereiten Opfer auf das vor, was sie im Gerichtssaal erwartet“
Nachrichten Hannover „Wir bereiten Opfer auf das vor, was sie im Gerichtssaal erwartet“
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16:42 06.07.2017
Von Michael Zgoll
Psychosoziale Prozessbegleitung bei Gericht, hier: Prozessbegleiterin Juliane Frank kümmert sich im Schwurgerichtssaal um das Opfer des Hamelners, der die Frau am Auto hinter sich hergeschleift hatte (rechts Nebenklage-Anwalt Roman von Alvensleben). Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

Selten stand Juliane Frank so sehr im Rampenlicht wie beim Prozess gegen den Peiniger von Kader K.: Der 39-Jährige hatte seine frühere Lebensgefährtin hinter seinem Auto durch Hameln geschleift. Die 32-jährige Sozialpädagogin bereitete die traumatisierte Frau, die das Martyrium schwer verletzt überlebte und nun unter Schlafstörungen und Albträumen leidet, auf die Verhandlungen im hannoverschen Schwurgerichtssaal vor, wo sie dem Täter gegenübertreten musste. Juliane Frank saß im Zeugenstand neben dem Opfer. Auch, als die 28-jährige Kurdin anschließend am Tisch der Nebenklage Platz nahm, war Frank an ihrer Seite - zusammen mit Anwalt Roman von Alvensleben. Juliane Frank ist psychosoziale Prozessbegleiterin.

Seit dem 1. Januar haben Opfer bestimmter schwerer Straftaten bundesweit einen Rechtsanspruch darauf, im Zuge ihres Verfahrens von speziell ausgebildeten Sozialarbeitern, Pädagogen oder Psychologen betreut zu werden.

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Juliane Frank hatte die junge Frau, deren ehemaliger Partner später wegen versuchten Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt wurde, erst eine Woche vor Prozessbeginn kennengelernt, vermittelt über deren Anwalt. „Insofern war die Vorbereitungszeit sehr kurz“, erzählt die Fachberaterin der Stiftung Opferhilfe, „aber das Opfer hat eine starke Persönlichkeit, wirkte erstaunlich taff.“

„Wir bereiten Opfer auf das vor, was sie im Gerichtssaal erwartet“, erklärt Fachberaterin Birgit Peper-Gaum vom hannoverschen Opferhilfebüro. Bei der psychosozialen Prozessbegleitung bekommen etwa Opfer sexueller Gewalt den Tipp, bei der Zeugenvernehmung immer den Richter anzuschauen, nicht den Angeklagten. Mit besonders aufgeregten Opfern machen die Begleiter im Vorfeld Entspannungsübungen. „Eine 84-jährige Dame, der Trickbetrüger ihr Geld abluchsen wollten, hat im Gerichtssaal so sehr gezittert, dass sie keinen Ton mehr herausbrachte“, erzählt Peper-Gaum. Doch mithilfe der Fachberaterin konnte sich die Seniorin fassen, „und dann lief’s wie am Schnürchen“.

Begleiter müssen neutral bleiben

Zu den Aufgaben von Prozessbegleitern zählt auch, ihren Klienten beim Ausfüllen von Anträgen zu Heilbehandlungen oder Renten nach dem Opferentschädigungsgesetz zu helfen. „Oder wir vermitteln therapeutische Hilfe, stellen beispielsweise bei posttraumatischen Belastungsstörungen Kontakte zu Psychologen her“, ergänzt Frank. Die Unterstützung kann schon im Vorfeld von Ermittlungen gewährt werden - und auch weit über den Prozess hinausgehen. „Manche Opfer betreuen wir Monate oder gar Jahre“, sagt Peper-Gaum.

Es gibt aber auch Dinge, die psychosozialen Prozessbegleitern nicht erlaubt sind. So dürfen sie mit Verletzten und ihren Angehörigen nicht über die eigentliche Tat sprechen, keine therapeutische Hilfe leisten und - ganz wichtig - keinen Einfluss auf deren Zeugenaussagen nehmen. Sie müssen neutral bleiben. „Sollte das Opfer auf derartige Gespräche mit uns bestehen, müssen wir das dokumentieren und Staatsanwaltschaft wie Gericht informieren“, erläutert Frank.

Weiterentwickelt nach österreichischem Vorbild wurde das Konzept in Deutschland vom Opferschutz-Institut „Recht würde helfen“ und vom niedersächsischen Justizministerium. Schließlich fand die psychosoziale Prozessbegleitung 2015 Eingang in das 3. Opferrechtsreformgesetz; die Eckpunkte für diese Form der kostenfreien Betreuung sind im Gesetz über die psychosoziale Prozessbegleitung im Strafverfahren (PsychPbG) festgeschrieben. Einen verbrieften Rechtsanspruch haben in Niedersachsen Opfer schwerer Straftaten unter 18 Jahre sowie Behinderte.

Dagmar Freudenberg vom Landespräventionsrat Niedersachsen sprach jüngst bei einer Veranstaltung im Landgericht von einem „riesengroßen Schritt für die Opfer“. Allerdings liege es bei bestimmten Taten immer noch in der Entscheidungsgewalt von Ermittlungs- oder Strafrichtern, ob eine kostenlose psychosoziale Begleitung gewährt wird: bei Opfern von versuchten Tötungsdelikten oder Angehörigen von Mordopfern, bei vergewaltigten Ehefrauen, Zwangsprostituierten oder Opfern schwerer Gewaltverbrechen. Auch gebe es bei der praktischen Umsetzung noch viel Sand im Getriebe - auch, weil bei Polizei und Justiz Wissenslücken existieren. Und darum werden Mitarbeiter von Organisationen wie Weißer Ring oder Opferhilfe häufig erst sehr kurzfristig ins Boot geholt - oder gar nicht.

Solche Fälle kennt auch Andrea Behrmann von Violetta, der Fachberatungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen und junge Frauen in Hannover. „Jüngst hat sich eine betroffene 14-Jährige erst eine Woche vor Prozessbeginn bei uns gemeldet, sie war von niemandem über die Möglichkeiten einer Nebenklage oder einer psychosozialen Prozessbegleitung informiert worden“, berichtet sie.

Viele als Zeugen geladene Opfer hätten zudem große Angst vor dem ersten Verhandlungstermin. „Ihnen erklären wir, dass die Wahrheitsbelehrung des Richters niemanden einschüchtern soll und dass ein ,Vorhalt’ nicht im Sinne eines Vorwurfs zu verstehen ist“, sagt Behrmann. „Wenn ein Zeuge weniger Stress verspürt, wird sein Erinnerungsvermögen oft auch besser“, weiß Behrmann. Somit hilft die psychosoziale Prozessbegleitung nicht nur den Opfern, sondern erleichtert auch die Arbeit der Justiz.

Viele Organisationen können helfen

Mehr als 30 anerkannte Prozessbegleiter gibt es in Niedersachsen – nahezu ausschließlich Frauen. Die entsprechenden Zusatzqualifikationen konnten Sozialarbeiterinnen und -pädagoginnen hier schon seit 2006 erwerben. Birgit Peper-Gaum vom hannoverschen Opferhilfebüro nennt beispielhaft die Aufteilung der Fälle in der Region für 2015: Gut ein Drittel der Betreuten waren Opfer von Körperverletzungsdelikten und häuslicher Gewalt, ein knappes Drittel wurde durch ein Sexualdelikt geschädigt. Auch Opfer von Einbruchsdiebstählen, Stalking, versuchten Tötungsdelikten und Hinterbliebene von Mordopfern wurden beraten.

Betroffene können bei verschiedenen Organisationen gezielte Informationen einholen: dem Bundesverband Psychosoziale Prozessbegleitung, dem Verein „Recht würde helfen“, den ehrenamtlichen Helfern des Weißen Rings oder in den elf Büros der Stiftung Opferhilfe Niedersachsen. Das Justizministerium fasst auf seiner Webseite unter Opferschutz alle Regelungen zusammen; hier ist auch ein Verzeichnis aller anerkannten Prozessbegleiter in Niedersachsen zu finden.

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