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Hannover Reichstagsbrand: Dokument eines SA-Manns aus Hannover ist jetzt im Archiv
Nachrichten Hannover Reichstagsbrand: Dokument eines SA-Manns aus Hannover ist jetzt im Archiv
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15:03 29.11.2019
Amtsgerichtspräsident Götz Wettich (re.) übergibt die eidesstattliche Versicherung zum Reichstagsbrand an Antje Lengnik und Nicolas Rügge vom Landesarchiv. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Dieses Dokument hat im Sommer viel Wirbel verursacht: In den Archiven des Amtsgerichts lag die Eidesstattliche Versicherung des ehemaligen SA-Manns Hans-Martin Lennings, der 1955 notariell zu Protokoll gegeben hatte, beim Reichstagsbrand mitgewirkt zu haben. Es ist das bisher einzige amtliche Dokument, das eine Beteiligung der Nationalsozialisten an dem Feuer nahelegt, das im Februar 1933 unmittelbar zur Machtergreifung der Nazis führte. Jetzt hat das Gericht die Urkunde an das Landesarchiv übergeben, wo es der historischen Forschung zur Verfügung gestellt werden soll.

LKA hatte das Lennings-Dokument zum Reichstagsbrand entdeckt

Das Lennings-Dokument: In seiner vierseitigen Eidesstattlichen Versicherung schildert der ehemalige SA-Mann seine Erinnerung an den Reichstagsbrand. Quelle: Katrin Kutter

„Wir haben schier endlose Regalkilometer mit Dokumenten in unserem Archiv“, sagt Amtsgerichtspräsident Götz Wettich: „Es gibt keinen Menschen, der detailliert weiß, was in den Gerichts- und Notarakten verborgen ist.“ Das Lennings-Dokument war bei Forschungen des Landeskriminalamts zu seiner eigenen Geschichte aufgetaucht; der Düsseldorfer Publizist Hersch Fischler hatte die entscheidenden Hinweise für den Fund gegeben. Dass das Dokument existiert, hatte die HAZ Ende Juli erstmals publiziert – und damit den Historikerstreit über den Kriminalfall Reichstagsbrand neu entfacht.

„Ein eigenartiger Brandgeruch“ im Reichstag

Archivdirektor Nicolas Rügge sagt, erst durch die Berichterstattung der HAZ sei das Landesarchiv auf die Bedeutung des Dokuments aufmerksam geworden. „Von historischem Interesse“ sei die notarielle Aussage Lennings, dass er den später zum Tode verurteilten Brandstifter Marinus van der Lubbe am Abend des 27. Februar auf Befehl von Vorgesetzten in den Reichstag gebracht habe, als bereits „ein eigenartiger Brandgeruch herrschte und (...) auch schwache Rauchschwaden durch die Zimmer hindurchzogen“. So der Wortlaut der Versicherung, der darauf schließen lässt, dass eben doch die Nazis den Brand gelegt haben könnten.

Marinus van der Lubbe ein Alleintäter?

Das Lennings-Dokument: In seiner vierseitigen Eidesstattlichen Versicherung schildert der ehemalige SA-Mann seine Erinnerung an den Reichstagsbrand. Quelle: Katrin Kutter

Diese symbolträchtige Frage, wer gezündelt hat, ist nie wirklich geklärt worden. Dass die Nationalsozialisten Nutznießer der Brandstiftung waren, ist historisch unbestritten. Das Magazin „Spiegel“ aber prägte ab 1959 in einer elfteiligen Enthüllungsserie die Lesart, dass der niederländische Anarchist Marinus van der Lubbe ein Alleintäter gewesen sei. Autor der „Spiegel“-Serie war der hannoversche Verfassungsschutz-Mitarbeiter Fritz Tobias. In seinem Nachlass fand sich eine Abschrift des Lennings-Dokument. Dass er es kannte, hat er der Öffentlichkeit aber gezielt vorenthalten. „Im Rückblick hat man den Eindruck, dass Tobias die Aussage verschwiegen und unter den Teppich gekehrt hat, weil sie nicht hineinpasste in seine Alleintätertheorie“, sagt Amtsgerichtspräsident Wettich.

Gericht lehnt Anfragen zum Lennings-Dokument ab

Das Lennings-Dokument: In seiner vierseitigen Eidesstattlichen Versicherung schildert der ehemalige SA-Mann seine Erinnerung an den Reichstagsbrand. Quelle: Katrin Kutter

Bis zu 100 Jahre lang hebt das Amtsgericht Notarurkunden in einem großen Lager am Alten Flughafen auf, sortiert nach Nummern, aber ohne Überblick der genauen Inhalte. Ein- bis zweimal im Jahr kommt Landesarchivarin Antje Lengnik und sucht in den Beständen nach besonderen Unterlagen, die auf Ewig ins Landesarchiv übernommen und damit vor der Vernichtung gerettet werden. Das Lennings-Dokument werde jetzt für die Archivierung vorbereitet, sagt sie. Dann könnten Wissenschaftler und Interessierte Einsicht nehmen. Zuvor musste Amtsgerichtssprecherin Catharina Erps „zahlreiche Anfragen“ von Historikern und Journalisten ablehnen: „Wir sind kein Archiv, wir geben Einblick in die Dokumente nur bei nachgewiesenem besonderen Interesse.“

„Ein Schatz von großer Bedeutung“

Amtsgericht: Übergabe der eidesstattlichen Versicherung zum Reichstagsbrand durch Präsident Götz Wettig (re.) an Antje Lengnik und Nicolas Rügge vom Hauptstaatsarchiv. Quelle: Katrin Kutter

Als einen „Schatz“ bezeichnet Amtsgerichtspräsident Wettich das Lennings-Dokument: „Sie merken bei der Lektüre: Das ist von großer Bedeutung. Es gehört in die Hände derjenigen, die es professionell auswerten und der Öffentlichkeit zuleiten.“

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Das Testament der Klara Berliner

Außer dem Lennings-Dokument hat das Amtsgericht auch das Testament der Klara Berliner, Nichte des hannoverschen Grammofon-Erfinders Emil Berliner, an das Landesarchiv übergeben. Klara Berliner war im Dezember 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt gestorben, wohin die Nazis sie deportiert hatten. Am Tag vor ihrem Tod schrieb sie das Testament. Es erlangt jetzt historische Bedeutung in Zusammenhang mit der Provenienzforschung des Museums August Kestner. Das ist im Besitz eines wertvollen Rokokoschranks, den 1942 der damalige Museumsleiter Ferdinand Stuttmann „mit den besten Empfehlungen und Heil Hitler!“ von der Stadt für das Museum erwarb – wohl wissend, dass der Schrank aus der Wohnung der deportierten Klara Berliner stammte. Das Möbelstück war in dem Museum kürzlich Teil einer Ausstellung zu Raubkunst aus der Nazizeit. Im Zuge der Recherche hatte das Museum wegen des Testaments im Amtsgericht angefragt. „Ohne solche Anfragen von Forschern hätten wir keine Vorstellung davon, was in unseren Archiven lagert“, sagt Amtsgerichtspräsident Götz Wettich. In der Akte von Klara Berliner lagert ein ganzes Konvolut von Dokumenten aus Theresienstadt und Hannover, die jetzt über das Landesarchiv der Forschung zugänglich werden.

Von Conrad von Meding

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