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Hannover Wie wollen Sie den Mühlenberg voranbringen, Herr Hansmann?
Nachrichten Hannover Wie wollen Sie den Mühlenberg voranbringen, Herr Hansmann?
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10:19 27.09.2019
SPD-Oberbürgermeisterkandidat Marc Hansmann spricht mit Sozialarbeiterin Petra Bleichwehl und Schülern der Leonore-Goldschmidt-Schule. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Die heiße Wahlkampfphase beginnt. Die drei aussichtsreichsten Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters überbieten sich jede Woche mit Forderungen zu verschiedenen Themen. Und jede Woche treffen sich Marc Hansmann (SPD), Eckhard Scholz (CDU) und Belit Onay (Grüne) auf Einladung von Vereinen und Verbänden zu Podiumsdiskussionen. Doch wie reagieren die Kandidaten, wenn sie die Komfortzone verlassen und mit den Problemen der Stadt unmittelbar konfrontiert werden? Die HAZ lädt Hansmann, Scholz und Onay ein, Orte zu besuchen, an denen Probleme sichtbar werden. Zugleich treffen die Kandidaten dort auf Menschen, die von ihren alltäglichen Mühen berichten und Antworten verlangen.

Zu Beginn der Reihe „Kiezgespräche“ spaziert die HAZ mit SPD-Kandidat Hansmann durch den Mühlenberg. Das multinationale Viertel gerät immer wieder in die Schlagzeilen, zuletzt, als Müll von Balkonen im Canarisweg auf ein Kita-Außengelände geworfen wurde. Es fehlen Kita-Plätze, Menschen fühlen sich auf bestimmten Straßen nicht mehr sicher, und in Schulen haben Lehrer mit Kindern zu tun, die kaum einen Stift halten können. Wie konnte es in einer rot-grün geführten Stadt so weit kommen? Diesen und anderen Fragen geht die HAZ beim Rundgang durchs Viertel nach. Mit dabei sind drei Jugendliche von der Leonore-Goldschmidt-Schule (ehemals IGS Mühlenberg), der didaktische Leiter der Schule, Joachim-Andreas Rocholl, und Petra Bleichwehl, die die Nachbarschaftsarbeit im Canarisweg leitet.

Mit Marc Hansmann (Zweiter v. li.), Sozialarbeiterin Petra Bleichwehl und Jugendlichen gehen HAZ-Reporterchef Heiko Randermann (re.) und Lokalredakteur Andreas Schinkel (li.) durch den Mühlenberg. Quelle: Tim Schaarschmidt

Kita sollte Übergangslösung sein – 43 Jahre lang

Bleichwehl zeigt auf einen eingezäunten, etwas zugewucherten Spielplatz. Dahinter erhebt sich wie eine riesige Mauer ein Wohnkomplex. „Die Kita im Canarisweg sollte nur eine Übergangslösung sein. Die Lösung hat 43 Jahre gedauert“, erzählt die Sozialarbeiterin. Es ist dieselbe Kita, auf die Hausbewohner aus den oberen Stockwerken Flaschen und Aschenbecher geworfen haben und die kurz danach geschlossen wurde. Jetzt ist in den Räumen ein Hort untergebracht. „Wir haben hier zu wenig Kindergartenplätze und zu wenig Angebote für die Sechs- bis Zwölfjährigen“, sagt Bleichwehl. Da die Mütter aus Kulturen stammten, in denen Frauen nicht auf die Straße gehen, um auf Probleme aufmerksam zu machen, seien die Mängel bei der Stadtverwaltung kaum aufgefallen. Vor zwei Jahren sei es ihr endlich gelungen, eine Demonstration für mehr Kita-Plätze auf die Beine zu stellen. „Und dann flog der Aschenbecher auf das Kita-Gelände im Canarisweg“, sagt Bleichwehl.

SPD-Kandidat Hansmann hört sich das an und nickt. Tatsächlich hätten Eltern in der List oder in der Südstadt längst protestiert, sagt er. Zugleich verweist er auf das gut ausgestattete Familienzentrum im Mühlenberg, das er kürzlich besucht habe. „Dort wurde mir erzählt, dass viele Mütter ihre Kinder nicht gerne im Kleinkindalter in eine Krippe geben“, sagt Hansmann. Das sei offenbar kulturell bedingt. Bleichwehl nickt. „Aber für den Kindergarten wollen die Mütter ihren Nachwuchs durchaus anmelden“, sagt sie. Insbesondere Plätze im Familienzentrum seien begehrt – und häufig schon belegt.

Sorgen im Canarisweg: Müll auf Hausfluren, aggressive Jugendgangs auf der Straße

Auf der anderen Seite des riesigen Wohnkomplexes im Canarisweg werden zwei ältere Damen auf die Gruppe aufmerksam. „Dieses Haus ist eine Katastrophe. Überall liegt Müll herum, auch in den Hausfluren“, erzählt eine der beiden. Hansmann will sich die Misere ansehen und betritt das Gebäude. Im Hausflur hängt ein Schild: „Rauchen verboten. Das gilt auch für Rauschmittel“. Während sich Hansmann erzählen lässt, wie viel Dreck die neu eingezogenen Roma-Familien verursachen, blickt Sven Grobecker, einer der IGS-Schüler, auf die Straße. „Abends würde ich hier nicht entlanggehen“, sagt er. Zu viele Jugendgangs, die alkoholisiert und aggressiv unterwegs seien.

Marc Hansmann macht sich ein Bild vom Zustand des Wohnblocks am Canarisweg. Quelle: Tim Schaarschmidt

Hansmann schlägt Kauf der Wohnblöcke vor

Hansmann scheint überzeugt, dass sich im Canarisweg etwas ändern muss – und macht einen weitreichenden Vorschlag. „Die städtische Immobiliengesellschaft Hanova sollte den Komplex dem Privateigentümer, der Vonovia, abkaufen – aber nicht zu jedem Preis“, sagt der SPD-Kandidat. Hanova habe nicht nur Erfahrung mit der Sanierung von Gebäuden, sondern auch mit Quartiersmanagement. Entscheidend sei auch, noch stärker auf Sauberkeit zu achten und unter anderem Grillreste wegzuräumen, die Ratten anlocken. Auch den Einsatz von Sicherheitsdiensten will Hansmann nicht ausschließen. Den gesamten Block zu sprengen und neu zu errichten, hält der SPD-Kandidat angesichts der derzeit angespannten Wohnungslage für keine gute Idee. Sollte sich der Wohnungsmarkt entspannen, wäre ein Abriss aber zu überlegen.

Schüler kritisieren gegenüber Marc Hansmann (re.), dass der neue Schulhof zugepflastert wurde. Quelle: Tim Schaarschmidt

Schüler kritisieren: Warum hat die Stadt den Schulhof asphaltiert?

Für Abriss und Neubau hat sich die Stadt Hannover vor einigen Jahren bei der IGS Mühlenberg entschieden. Fast 70 Millionen Euro hat das neue Gebäude für rund 1800 Schüler gekostet. Parallel ließ die Stadt auch das Stadtteilzentrum neu errichten. „Das war nicht selbstverständlich, schließlich gehören Freizeitheime zu den freiwilligen Angeboten einer Kommune“, sagt Hansmann. Der Schulneubau fiel in eine Zeit, als Hansmann Kämmerer der Stadt Hannover war. Entsprechend stolz ist er auf den Vorzeigebau, aber die Schüler üben auch Kritik.

Der 17-jährige Sven Grobecker zeigt auf den Schulhof. Eine weite, asphaltierte Fläche erstreckt sich zwischen den Unterrichtsgebäuden. „Im Sommer heizt sich der dunkle Beton stark auf. Es fehlen Pflanzen und Bäume“, sagt er. Nahe der Mensa hat die Stadt mehrere Tische und Bänke im Boden verankert. Im Grunde eine gemütliche Sitzecke, aber ohne Schatten. „Im Sommer ist es dort kaum auszuhalten“, sagt Grobecker. Wie könne man im Angesicht des Klimawandels und heißer Sommer so etwas planen, fragen sich die Schüler.

Hansmann will Schulhof wieder aufreißen und Bäume pflanzen

Hansmann will wissen, ob die Schüler in die Planungen eingebunden waren. Die Jugendlichen schütteln die Köpfe. Der ehemalige Kämmerer taxiert das Gelände und meint dann: „Es dürfte nicht so wahnsinnig teuer sein, den Asphalt an der einen oder anderen Stelle aufzureißen und Bäume zu pflanzen“, sagt er. Da könne die Stadt durchaus 50.000 Euro in die Hand nehmen. Zuvor aber wolle er, falls er OB werde, eine Arbeitsgruppe einsetzen, in der Schüler und vielleicht auch Lehrer vertreten seien. Die Gruppe solle sich Gedanken machen, was sich auf dem Schulhof ändern soll.

Kein Hallenbad für Schwimmunterricht

Die Jugendlichen nicken, aber da sei noch etwas anderes, meinen sie. „Wir haben in Hannover Probleme mit Schwimmbädern. Wenn das Stadionbad tatsächlich für zwei Jahre geschlossen wird, wissen wir nicht, wo unser Schwimmunterricht stattfinden soll“, sagt Grobecker. Lehrer Rocholl bestätigt die Misere. „Wir haben schon bei einer Eigentümergemeinschaft im Viertel gefragt, ob wir deren kleines Schwimmbad als Lehrbecken nutzen können, aber ohne Erfolg“, erzählt der didaktische Leiter der IGS. Insbesondere in einer Schule mit vielen Kindern aus Einwandererfamilien sei der Schwimmunterricht wichtig. „Wir fragen uns, ob die Stadt nicht ein kleines Hallenbad auf dem Schulgelände errichtet. Das Bad könnten auch Vereine nutzen“, sagt Rocholl.

Hansmann ist nicht abgeneigt. Eine Schwimmhalle mit 25-Meter-Becken sei durchaus mit geringem Aufwand zu realisieren. „Belastender sind die Folgekosten für den Betrieb des Bads“, sagt er. Sozialarbeiterin Bleichwehl verweist auf die Sportvereine im Stadtbezirk. „Die könnten wir auch ins Boot holen“, sagt sie.

Hansmann will IGS fördern – aber die Brennpunkte sind woanders

Dem SPD-Kandidaten scheint der mögliche Bau eines Schulschwimmbads ins Konzept zu passen. Er will Gesamtschulen besser ausstatten, weil auf ihren Schultern die Integration von Einwandererkindern laste. „Ich will auch mit dem Land über mehr Personal für Gesamtschulen verhandeln“, sagt er. Manche Roma-Kinder könnten kaum eine Schere halten. Das stimme, sagt Sozialarbeiterin Bleichwehl. Aber mehr Hilfe benötigten eigentlich die Peter-Ustinov-Schule und die Johannes-Kepler-Schule. Dort seien die wahren Härtefälle aus dem Viertel versammelt.

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Von Andreas Schinkel

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