Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Rückruf von Herzschrittmachern: Antworten auf die wichtigsten Fragen
Nachrichten Hannover Rückruf von Herzschrittmachern: Antworten auf die wichtigsten Fragen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 17.02.2019
Der Schrittmacher steuert mit elektronischen Impulsen den Rhythmus des Herzens. Quelle: Archiv
Anzeige
Hannover

Die Nachricht hat viele Herzpatienten aufgeschreckt: Rund 680 Herzschrittmacher, die in Kliniken in Hannover in den vergangenen Jahren implantiert worden sind, können fehlerhaft sein. Der Hersteller hat deshalb eine Rückrufaktion gestartet. Die HAZ beantworte dazu die wichtigsten Fragen.

Wer ist betroffen?

Es geht um weltweit 157.000 in den Jahren 2017 bis 2019 implantierte Herzschrittmacher des Unternehmen Medtronics. Rund 590 Geräte wurden im Regionsklinikum implantiert, 70 in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Anzeige

Wie erfahren Patienten, ob sie betroffen sind?

Die Kliniken haben nach der Unterrichtung durch den Hersteller die Patientenakten durchgesehen und die betroffenen Patienten vor rund 2 Wochen schriftlich benachrichtigt. Frauen und Männer mit Herzschrittmacher, die keinen entsprechenden Brief bekommen haben und unsicher sind, ob sie nicht auch betroffen sind, sollten bei Ihrem Kardiologen oder in der Klinik nachfragen.

Müssen jetzt alle betroffenen Herzschrittmacher ausgetauscht werden?

Nein, das wird nach Ansicht der Experten nur in den wenigsten Fällen nötig sein. In der Regel reicht eine Überprüfung und gegebenenfalls die Umprogrammierung des Herzschrittmachers (siehe Interview).

„Es gibt keinen Grund zur Panik“

Prof. Andreas Franke, sie sind Chefarzt der Kardiologie im Klinikum Siloah, besteht für die betroffenen Patienten Grund zur Beunruhigung?

Nein, keineswegs. Es gibt keinen Grund zur Panik.

Wenn jetzt Patienten mit dem Betroffenen Herzschrittmacher zu ihnen kommen, was wird da genau gemacht?

Die Herzschrittmacher sind heutzutage fernsteuerbar. Das heißt, dass wir ein kleines Gerät von der Größe einer Computermaus auf die Haut über den Herzschrittmacher legen. So können die Daten aus dem Herzschrittmacher abgegfragt werden. Wenn es dann Probleme mit der Programmierung gibt, können wir das umprogrammieren. Das heißt, längst nicht alle der betroffenen Herzschrittmacher müssen neu programmiert werden. Und nur in seltenen Fällen ist ein Austausch des Herzschrittmachers nötig.

Wie hoch ist der Anteil derjenigen, deren Herzschrittmacher durch einen neuen ersetzt werden muss?

Eine Antwort auf diese Frage ist sehr spekulativ, aber es ist eine absolute Minderheit von Patienten. Möglicherweise liegt der Anteil der Patienten, bei denen der Herzschrittmacher umprogrammiert werden muss, bei 5 Prozent. Eine neue Programmierung kann aber möglicherweise Beschwerden hervorrufen, durch die sich der Patient zu einem Austausch entscheidet.

Die Technik in den Herzschrittmachern hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr verbessert. Zudem wurden die Geräte stärker digitalisiert, erhöht das nicht die Störanfälligkeit?

Man kann es vielleicht mit den Autos vergleichen. Je intelligenter die Technik ist, desto bequemer ist es für uns. Und das bringt uns enorme Vorteile. Aber klar bringt mehr Technik auch Probleme mit sich. Während bei den Herzschrittmachern andere Probleme zurückgegangen sind, kann es jetzt mehr Probleme mit der Elektronik geben.

Warum wurde der Herzschrittmacher der Firma Medtronic überhaupt verbaut, es gibt doch noch andere Hersteller?

Medtronic ist einer der großen Hersteller von Herzschrittmachern mit einem Marktanteil in Deutschland von über einem Drittel. Die Kliniken versuchen natürlich mit der Abnahme größerer Mengen den Preis zu senken.

Wie verbreitet sind Herzschrittmacher?

In Deutschland werden jedes Jahr rund 80.000 der Geräte eingesetzt, die heute ungefähr so groß sind, wie eine Zwei-Euro-Münze. Im Klinikum Siloah zum Beispiel werden jährlich rund 220 Herzschrittmacher implantiert. Bekanntester deutscher Herzschrittmacherpatient war der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Ihm wurde 1981 ein Herzschrittmacher eingesetzt. Kettenraucher Schmidt war 2015 im Alter von 96 Jahren gestorben.

Wozu ist ein Herzschrittmacher gut?

Die Herzfrequenz liegt normalerweise bei 60 bis 80 Schlägen in der Minute. Unter 60 Schlägen kann es gefährlich werden, denn dann wird der Körper unter anderem nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Das kann zu Schwindel und Bewusstlosigkeit führen.

Wie arbeitet ein Herzschrittmacher?

Die Geräte arbeiten individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt. Die mit einem kleinen Schnitt unterhalb des Schlüsselbeins eingesetzten Geräte werden mit einem oder zwei Kabeln mit dem Herzen verbunden. Sie überwachen über die Kabel die Herzfrequenz. Sinkt die Herzfrequenz oder gibt es Rhythmusstörungen, sendet der Schrittmacher elektronische Impulse an das Herz, dadurch wird der Herzrhythmus normalisiert.

Wie wird die Batterie beim Herzschrittmacher gewechselt?

Die Batterie ist fest eingebaut. Sie hält, je nach Nutzungsintensität, 8 bis 15 Jahre. Wenn die Batterie das Gerät nicht mehr versorgen kann, wird der Herzschrittmacher in einer Operation komplett ausgewechselt.

Lesen Sie hier weiter: Hersteller ruft Hunderte Herzschrittmacher zurück

Von Mathias Klein