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Hannover Claudia Schüßler: Die Frau, die sich was traut
Nachrichten Hannover Claudia Schüßler: Die Frau, die sich was traut
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00:17 30.04.2019
Claudia Schüßler vorm Landtag, ihrem Arbeitsplatz. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

 Es lief dann alles wie am Schnürchen, einerseits. Claudia Schüßler, 51 Jahre alt und Landtagsabgeordnete aus Barsinghausen, ist neue Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Region Hannover. In der Geschichte der Sozialdemokratie, die stets Gleichstellung als politisches Prinzip vertritt, hat es nur etliche Jahrzehnte gedauert, ehe tatsächlich eine Frau Chefin wurde. Das erste, was sie tun muss: Trümmer beseitigen, die ein Mann mit ausgeprägtem Revierverhalten hinterlässt. Stefan Schostok, Hannovers Oberbürgermeister, dürfte bald zurücktreten. Und so bleibt Claudia Schüßler, die viel lieber Sachthemen voranbringen würde und stattdessen wohl zügig einen Wahlkampf auf die Straße bekommen muss, andererseits nur eine nüchterne Feststellung: „Das ist natürlich ein Anfang, den man sich nicht wünscht.“

Ein paar Tage vor ihrer Wahl. Claudia Schüßler hat einem Treffen zugestimmt, was ein bisschen überraschend ist, üblicherweise warten Kandidaten Ergebnisse ab, um bei Delegierten nicht den Eindruck zu erwecken, die Birne sei schon vorher geschält. Nun kommt sie flott die Stufen zum Landtag hoch. Sie setzt sich für Fotos auf die Treppe und wirkt ein wenig überrascht vom Interesse, das es mit sich bringt, wenn jemand vom Beisitzer im Vorstand diesen Vorstand bald leiten wird. Dabei ist es das, was sie will: An der Spitze stehen, um Dinge zu bewegen.

„Es ist Zeit für einen Wechsel“

Später bei einem Cappuccino möchte man natürlich auch wissen, was Schüßler zum Fall Schostok sagt. Sie zögert, blödes Thema, zu diesem Zeitpunkt hatte sich noch kein Genosse öffentlich auf eine Position festgelegt. Man ahnt, dass sie dessen Beharrungsvermögen im Amt eher nicht schätzt. Ihre Antwort ist aber, dass sie dazu eigentlich nichts sagen möchte.

Weiterlesen: Die Rathausaffäre ist noch nicht vorbei                        

Tage später ändert sich die Lage. Die Staatsanwaltschaft wird Anklage gegen Schostok erheben, der Verdacht schwerer Untreue steht im Raum. Hannovers Genossen rücken ab vom Rathauschef, also noch ein Anruf bei der Kandidatin, und jetzt sagt auch Claudia Schüßler, was Herz und Verstand längst wussten: „Es ist Zeit für einen Wechsel. Es mag sein, dass er freigesprochen wird, aber das Rathaus muss regiert werden.“

Sie hat sich an die Spielregeln gehalten, die Sozialdemokraten schätzen, Beschlüsse abgewartet und sich erst danach geäußert. Jetzt muss Schüßler, gemeinsam mit Hannovers Parteifreunden, schnell einen Kandidaten finden. Womöglich muss die SPD bei einer Neuwahl um das Rathaus an der Leine bangen, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Hat Stefan Schostok mit der Rathausaffäre den Ruf der Sozialdemokraten beschädigt? Sie antwortet diplomatisch: „Alles, was nicht gut läuft, finden Wähler nicht gut.“ So beginnen, unverschuldet, Claudia Schüßlers Tage im Amt.

13 Jahre Studium unterbrochen

In der Partei legte die Landtagsabgeordnete den klassischen Weg zurück. Ortsverein, Ortsrat, Stadträtin in Seelze, erst seit 2017 hat sie ein Mandat im Parlament und ist eher ein unbeschriebenes Blatt. Bis dahin arbeitete die Juristin mit Schwerpunkt Arbeits- und Sozialrecht als Rechtsanwältin mit einer Kollegin in der Wunstorfer Kanzlei. Das Studium in Hannover hatte sie früh unterbrochen, ganze 13 Jahre lang, um ihre beiden Töchter groß zu ziehen. Kinder und Universität, „ich dachte, es geht schon irgendwie, aber an der Uni war es sehr schwierig mit der Betreuung“.

Sie stellte dann fest, dass ihr Familienleben auch gefällt. Als Mutter saß sie später unter lauten jungen Menschen im Hörsaal. Sie lacht über diese Jahre, auf eine Art, die die Fotografin an die Schauspielerin Meryl Streep erinnert und findet diesen gelösten Moment ganz wunderbar. Dabei möchte die Kandidatin im Gespräch lieber ernsthaft rüberkommen und privates Zeug kurz halten.

Keine Lust auf Paris

Aber mehr als Forderungen nach sozialem Wohnungsbau, Tempo-30-Zonen vor Kindergärten, gerechter Rente, fehlgeleiteter Förderung von Job-Centern und ihre Ablehnung der Berliner Koalition beschreibt Claudia Schüßler eine Geschichte, die von Paris handelt. Ihr Freund, ein Soldat, dem sie als junge Frau aus dem heimischen Idar-Oberstein nach Hamburg und später Hannover gefolgt war, wurde an die Seine versetzt. Es war sein großer Traum, für ihn klar, dass die Jurastudentin an seiner Seite ein drittes Mal ihre Zelte abbrechen würde, um seine erneut aufzubauen.

Doch dieses Mal ging Claudia Schüßler nicht mit. Sie tat, was sie wollte, „diese Entscheidung war ganz wesentlich für meine Biografie“. Das Paar trennte sich. In Bemerode fand sie eine Wohngemeinschaft, es war noch vor der Expo 2000, sie fand den Stadtteil schnuckelig, er erinnerte sie an zu Hause. In einer Stadt zu leben, die vielen Menschen verlockend erscheint, das war nicht ihre Vorstellung vom Leben. „Paris, ich hatte diese Wünsche irgendwie nie, mir war ja schon Hamburg zu groß.“

Jetzt führt Claudia Schüßler eine der größten SPD-Organisationen in Deutschland. Sie sagt von sich, dass sie Konflikte nicht scheut, und das kann, will man eigene Vorstellungen durchsetzen, eine nützliche Eigenschaft sein im Umgang mit Platzhirschen und Parteifreunden wie Regionspräsident Hauke Jagau und Ministerpräsident Stephan Weil. Vielleicht schaut sie sich etwas von ihrem politischen Vorbild ab. „Helmut Schmidt. Er hatte Haltung, das fand ich gut.“

Weiterlesen: Die Ära Schostok: Das große Missverständnis                 

Von Gunnar Menkens

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