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Hannover Tod auf der Limmerstraße: Kampfsportler zu Haftstrafe verurteilt
Nachrichten Hannover Tod auf der Limmerstraße: Kampfsportler zu Haftstrafe verurteilt
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00:16 03.05.2019
Muharrem C. entschuldigte sich in seinem Schlusswort bei der Familie des Opfers – „aufrichtig“. Quelle: Rainer Dröse
Hannover

Das Schwurgericht hat den 28-jährigen Radfahrer, der am 8. Oktober 2018 in der Limmerstraße einen Fußgänger durch vier bis fünf Faustschläge tödlich verletzte, zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Wolfgang Rosenbusch sprach Muharrem C. einer Körperverletzung mit Todesfolge schuldig. Das Gericht folgte damit im Grundsatz den Plädoyers von Staatsanwältin Kathrin Heuer und der Verteidiger Torben Müller sowie Prof. Helmut Pollähne, die am Dienstag ebenfalls für eine Verurteilung des Angeklagten wegen Körperverletzung plädiert hatten – nicht wie die ursprünglich angeklagt und bis zum Schluss von den Nebenklage-Anwälten gefordert für eine Verurteilung wegen Totschlags. Das Gericht stufte die Tat nicht als minderschweren Fall ein, billigte dem Drogenkonsumenten allerdings eine verminderte Schuldfähigkeit zu.

Auf der Limmerstraße gedachten Passanten im Vorjahr des Opfers mit Blumen und Fotos. Quelle: Foto: Clemens Heidrich

Die Kammer ordnete zudem an, dass C. wegen seiner Drogen- und Alkoholsucht eine – erfahrungsgemäß 24 Monate dauernde – Entziehungskur machen muss. Bevor er im Maßregelvollzug untergebracht wird, muss er neun Monate seiner Haftzeit absitzen; von dieser werden die bisherigen sechs Monate Untersuchungshaft angerechnet. Die Staatsanwältin hatte am Montag für ein Strafmaß von fünf Jahren und acht Monaten plädiert, die Verteidiger forderten am Dienstag eine deutlich geringere Freiheitsstrafe, ohne eine konkrete Zahl zu nennen.

Eine letzte Entschuldigung

In seinem letzten Wort entschuldigte sich der Angeklagte bei der Familie des Opfers „aufrichtig für das, was passiert ist“. Den gesamten Prozess über hatte der 28-Jährige – der sich seit einigen Wochen wieder auf freiem Fuß befindet – fast ständig mit gesenktem Kopf auf den Boden vor der Anklagebank geblickt.

Staatsanwältin und Verteidiger vertraten die Ansicht, dass der Radfahrer, der zwischen 2013 und 2015 in einer Kampfsportschule als Kickboxer trainierte, den Tod von Ilja T. keineswegs billigend in Kauf genommen habe, sondern diesen höchstens verletzen wollte. Dies sahen die Anwälte Harald Lemke-Küch und Fritz Willig, die den Bruder sowie die Eltern des Getöteten vertreten, anders. Der Angeklagte habe die tödliche Wirkung seiner Schläge ins Kalkül gezogen – spätestens, als er dem schon wehrlos am Boden liegenden 40-Jährigen einen weiteren mächtigen Hieb verpasste. Insofern habe es sich bei der Tat um ein Totschlagsdelikt gehandelt.

Aufforderung zum Boxkampf

C. hatte an jenem verhängnisvollen Montagnachmittag im Oktober 2018 den 40 Jahre alten Ilja T. attackiert, weil dieser unvermittelt auf die Fahrbahn der Limmerstraße getreten war und den Jüngeren auf seinem Rad zu einem Ausweichmanöver gezwungen hatte. Die beiden Männer beschimpften sich, T. trat gegen das Fahrrad des 28-Jährigen und es kam zu einer vorerst harmlosen körperlichen Auseinandersetzung, die bald beendet war. Doch dann flammte der Streit wieder auf. Am Ende forderte C. den Fußgänger zu einem Boxkampf auf – den dieser nicht führen wollte – und schlug vier- oder fünfmal kräftig auf den Kopf von T. ein; der 40-Jährige starb drei Tage später in einer Klinik an schweren Hirnverletzungen.

Wolfgang Rosenbusch wendete sich bei der Urteilsverkündung mehrfach an den 39-jährigen Bruder des Opfers, der während des gesamten Prozesses anwesend war. Bei der Frage, nach welchem Paragrafen des Strafgesetzbuches C. zu verurteilen sei, bewege man sich „auf einer messerscharfen Linie“. Hatte der Täter – wohl wissend, dass seine kräftigen Faustschläge tödliche Wirkung entfalten können – gemeint, das Ganze werde höchstens mit Verletzungen seines Kontrahenten enden, oder war es ihm egal, ob T. ums Leben kommt? „Die Kammer will das Geschehen nicht bagatellisieren“, erläuterte der Vorsitzende Richter, „doch wir müssen uns an die objektiv feststellbaren Fakten halten, auch wenn das für die Familie des Opfers schwer auszuhalten ist“. C. habe keine Morddrohungen ausgestoßen, sei nach der Tat nicht geflüchtet, habe seine Schuld eingeräumt und sei bislang noch nie als Gewalttäter in Erscheinung getreten: All dies müsse man berücksichtigen.

Rechtsanwalt Harald Lemke-Küch (l.) vertritt den Bruder des Opfers (Mitte) als Nebenkläger, Anwalt Fritz Willig (r.) die Eltern des getöteten Ilja T. Quelle: Rainer Dröse

Das nach den Worten von Rosenbusch „völlig unangemessene, nicht mehr nachvollziehbare Verhalten“ des Schlägers, das möglicherweise durch den jahrelangen Konsum von Marihuana, Kokain und Alkohol mitverursacht wurde, kann sich nach Ansicht des Schwurgerichts jederzeit wiederholen. Deshalb müsse C. eine Entziehungskur absolvieren.

Nach der Verhandlung trat der Bruder des Opfers, der mit T. eine Ferienwohnungs-Vermittlung betrieben hatte, an den Richtertisch. Auch wenn das Urteil „für mich als Normalsterblicher schwer nachzuvollziehen ist“, sagte der 39-Jährige, „will ich Ihnen trotzdem danken, auch im Namen meiner Familie“. Anwalt Fritz Willig, der die Eltern des Opfers vertritt, erklärte, die Familie werde nun beraten, ob sie Revision einlegt – er werde ihr das empfehlen.

Von Michael Zgoll

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