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Hannover Mordprozess mehr als 34 Jahre nach der Tat eröffnet
Nachrichten Hannover Mordprozess mehr als 34 Jahre nach der Tat eröffnet
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00:17 18.02.2019
Der 62-jährige Jakub S. äußerte sich mit keinem Wort zum Tatgeschehen im Juni 1984. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

 Ein 62-jähriger Kosovo-Albaner muss sich seit Freitag vor dem Schwurgericht wegen versuchten Mordes aus Verdeckungsabsicht und gefährlicher Körperverletzung verantworten – gut 34 Jahre, nachdem er als Einbrecher einem damals 24 Jahre alten Kriminalbeamten in Zivil in den Rücken geschossen und diesen lebensgefährlich verletzt haben soll. Der angeklagte Jakub S. gab vor Gericht ein anderes Geburtsdatum an als früher bei der Polizei und war zur Tatzeit demnach 27 Jahre alt. Er äußerte sich mit keinem Wort zu dem Tatvorwurf, auch sein Verteidiger Joe Thérond gab keine Erklärung ab. Erschütternd waren die Schilderungen des Opfers und seiner damaligen Ehefrau, wie das Verbrechen in der Oeltzenstraße (Calenberger Neustadt) die junge Familie aus der Bahn warf. Der 59-jährige Polizist, der in jüngerer Vergangenheit jahrelang krank geschrieben war, wirkte sehr angegriffen und brach während seiner Zeugenvernehmung mehrfach in Tränen aus.

Die Kugel steckt nach wie vor im Rücken des Kriminalbeamten, der vor gut 34 Jahren Opfer eines Einbrechers wurde. Quelle: Michael Zgoll

Die damalige Ehefrau des Polizeibeamten, heute 56 Jahre alt, hatte am 8. Juni 1984 gegen 4.30 Uhr in der gemeinsamen Wohnung in der Brühlstraße 21 verdächtige Geräusche gehört. Im Erdgeschoss, eine Etage tiefer, befand sich zur damaligen Zeit ein Fachgeschäft für Windsurfartikel. Die Mutter einer kleinen Tochter, die gerade mit einem zweiten Kind schwanger war, blickte vom Balkon auf den Innenhof und sah zwei verdächtige Gestalten. Sie rief „Haut ab“ und verständigte per Notruf die Polizei. Ihr Ehemann, selbst Polizist, zog sich blitzschnell ein paar Sachen über und rannte auf die Straße, um die Täter zu stellen. Diese hatten zwei Seesäcke mit Diebesgut im Wert von 3000 Mark in den Händen, rannten die Oeltzenstraße Richtung Gerberstraße. Unterwegs sei der Kleinere von beiden stehengeblieben, habe ihm „Lass, lass“ zugebrüllt und einen Schuss in die Luft abgegeben, sagte der 59-Jährige aus: „Ich dachte, das sei eine Gaspistole.“

Schuss aus nächster Nähe

Als er den größeren der beiden Flüchtigen festhalten wollte, so der Beamte, habe ihm der Kleinere plötzlich eine Waffe direkt zwischen die Schulterblätter gepresst und abgedrückt – es war eine Pistole vom Kaliber 6,35, wie sich später herausstellte. Die Kugel verfehlte sein Herz nur um zwei Zentimeter, prallte von der Wirbelsäule ab und blieb in einem Lungenflügel stecken. Vier Tage lag der 24-Jährige auf der Intensivstation, war anschließend fünf Wochen dienstunfähig. Das Projektil steckt bis heute in seinem Körper, verursacht ihm aber keine unmittelbaren Beschwerden. Doch das Verbrechen zog andere, schwerwiegende Folgen nach sich.

Aufgrund der eingeschränkten Lungenfunktion konnte der Beamte nie mehr in gleichem Maße Sport treiben wie früher. Ein Vorgesetzter habe ihn verdächtigt, mit den Einbrechern unter einer Decke gesteckt zu haben, berichtete das Opfer, Kollegen hätten ihm unprofessionelles Verhalten vorgeworfen, seine Wohnung sei durchsucht und das Vorleben von ihm und seiner Ehefrau unter die Lupe genommen worden. „Die Geschichte hat meinen Mann völlig aus der Bahn geworfen, er hat viel von seiner Lebenslust verloren und wurde irgendwann depressiv“, erklärte seine damalige Frau, von der er seit etlichen Jahren geschieden ist, vor Gericht. Er leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, erklärte der Beamte, und seine psychischen Probleme hätten in den vergangenen Jahren eher zu- als abgenommen: „Ich kann bis heute nicht begreifen, dass mich einer wegen eines geklauten Videorekorders totschießen wollte.“ Dieses Gerät war neben den Seesäcken in der Oeltzenstraße gefunden worden.

Zunächst suchte die Polizei nach dem falschen zweiten Mann - dem Bruder von Jakub S., der jetzt auf der Anklagebank sitzt. Quelle: Archiv

Der Angeklagte, ein kleiner Mann mit Halbglatze, wagte es während der Befragung des Opfers nicht, dem Polizisten in die Augen zu schauen. Dieser konnte den Täter nicht direkt identifizieren, kaum verwunderlich nach einer Verfolgungsjagd bei Dunkelheit und in einem Jahr, als noch Kohl, Strauß und Genscher regierten. Einer der Einbrecher, ein 19-Jähriger, war am Tattag festgenommen und später wegen Diebstahls mit Waffen zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden. Als zweiten Verdächtigen hatten die Ermittler zunächst einen Bruder von Jakub S. im Visier, dies entpuppte sich 1992 aber als Irrtum.

Fingerabdrücke halfen weiter

Der jetzt Angeklagte soll sich nach 1984 in Monaco, Mazedonien, dem Kosovo und Albanien aufgehalten haben, konnte aber trotz internationalen Haftbefehls viele Jahre nicht gefasst werden. 2016 nahmen sich Zielfahnder aus Hannover erneut des Falls an und wurden schließlich mithilfe von Landes- und Bundeskriminalamt fündig: Fingerabdrücke aus dem Kosovo schlugen die Brücke zu S. Im September 2016 wurde der Verdächtige in Tirana verhaftet, kurzzeitig entlassen, im November 2017 erneut festgenommen und im August 2018 nach Deutschland ausgeliefert.

Das Schwurgericht unter Vorsitz von Hanni Peiffer hat für den Prozess wegen versuchten Mordes vier Verhandlungstage anberaumt. Peiffer vertritt den etatmäßigen Vorsitzenden Wolfgang Rosenbusch – dieser war an dem Verfahren vor 34 Jahren als Staatsanwalt beteiligt und darf deshalb nicht auf der Richterbank Platz nehmen.

Von Michael Zgoll

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