Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Angeklagter ist voll schuldfähig
Nachrichten Hannover Angeklagter ist voll schuldfähig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:24 25.11.2018
Der Angeklagte ist schon häufig durch Gewalttaten aufgefallen. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover / Barsinghausen

 Das Fazit, das der psychiatrische Sachverständige Tobias Bellin am Donnerstag als Ergebnis seiner Untersuchung des Angeklagten präsentierte, war eindeutig: Ronald C. wäre voll schuldfähig – sollte ihn das Schwurgerichts wegen des Mordes an der 16-jährigen Anna Lena in Barsinghausen verurteilen. Der 24-Jährige weise zwar „dissoziale Charakterzüge“ auf, leide aber nicht unter einer tiefgreifenden Persönlichkeitsstörung, die seine Steuerungsfähigkeit in der Tatnacht im Juni 2018 ernsthaft beeinträchtigt haben könnte. Auch eine Affekthandlung, eine organische Schädigung des Hirns oder eine wesentliche Beeinträchtigung durch Alkohol und Drogen zur Tatzeit schloss der Gutachter bei C. aus.

Keine Einsichtsfähigkeit

Wie Bellin erläuterte, habe der 1999 als Kind aus der Dominikanischen Republik nach Deutschland übergesiedelte C. seine Jugend bei Eltern, Großeltern, Stiefvater und in verschiedenen Heimen verbracht. Schon seit Grundschulzeiten sei C. durch Disziplinlosigkeiten und später auch Gewalttaten aufgefallen, hatte offenbar große Probleme, Autoritäten anzuerkennen. Im Laufe der Jahre wurde er wegen Körperverletzungs-Delikten, schwerer Brandstiftung, Raub, Diebstahl, Betrug und Sachbeschädigung verurteilt, verbrachte auch schon einige Zeit im Gefängnis. „In unseren Gesprächen hat er aber alle früheren Taten abgestritten oder sie anders eingeschätzt als die Gerichte“, führte Bellin aus. Auch im aktuellen Mordprozess gehe C. von einem Freispruch aus.

Anzeige

Bellin sagte, aufgrund der langen Kette von „Rohheitsdelikten“ sei die Überlegung statthaft, ob es bei C. einen Hang zu Gewalttaten gebe. Dies könnte im Extremfall zu einer Sicherungsverwahrung führen. Allerdings müsse man berücksichtigen, so der Gutachter, dass der Angeklagte erst 24 Jahre alt sei und sich seine Persönlichkeitsstruktur noch nicht so verfestigt habe wie bei einem 40- oder 50-Jährigen. Auch gelte es herauszufinden, ob C. – sollte er der Täter sein – den Mord an Anna Lena begangen habe, um eine Sexualstraftat zu verdecken.

Von Michael Zgoll