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Hannover 20 Jahre eine Selbsthilfegruppe geleitet : Jens-Uwe Pagel bekommt das Bundesverdienstkreuz
Nachrichten Hannover 20 Jahre eine Selbsthilfegruppe geleitet : Jens-Uwe Pagel bekommt das Bundesverdienstkreuz
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00:16 11.05.2019
Vor 30 Jahren DDR-Flüchling, jetzt Preisträger: Jens-Uwe Pagel bekommt für sein Engagement in einer Selbsthilfegruppe für manisch-depressive Menschen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Es ist eine Geschichte, wie sie eigentlich nur das Leben schreiben kann. Vor 30 Jahren ist Jens-Uwe Pagel als einer der ersten DDR-Flüchtlinge über die Prager Botschaft nach Hannover gekommen, heute wird ihm von der Ersten Stadträtin und Umweltdezernentin Sabine Tegtmeyer-Dette im Namen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ausgezeichnet wird der 53-Jährige für sein mehr als 20-jähriges ehrenamtliches Engagement als Leiter einer Selbsthilfegruppe für manisch-depressiv Erfahrene.

Erste Selbsthilfegruppe dieser Art in ganz Niedersachsen

Als er die Gruppe in Hannover gründet, ist es die erste Selbsthilfegruppe für Menschen mit bipolarer Störung in ganz Niedersachsen. Man trifft sich jeden Freitag, redet über seine Alltagserfahrungen, hilft sich aus den dunklen Phasen der Krankheiten, Zwanzigjährige sind unter den Mitgliedern genauso wie über 65-Jährige, Männer wie Frauen. Über die Jahre haben sich tiefe Freundschaften entwickelt. Diese Beziehungen, aber auch die anderen Freunde haben Jens-Uwe Pagel hier eine Heimat bereitet.

Nach einem Fluchtversuch fliegt er von der Schule

In der Enge der DDR hat er es schon als Jugendlicher nicht ausgehalten. Bei seinem ersten Fluchtversuch ist er in der 9. Klasse, er trampt von Brandenburg nach Warnemünde, will dort mit einer Schwedenfähre fahren. Von seinen Plänen hat er niemandem erzählt, nicht mal seiner Mutter oder seiner Schwester. Doch er wird erwischt, fliegt von der Schule und darf kein Abitur machen. Also macht er nach dem Realschulabschluss erst eine Schlosserlehre und holt dann das Abitur an der Volkshochschule auf dem zweiten Bildungsweg nach. Von Rückschlägen lässt er sich schon damals nicht unterkriegen.

Eigentlich will Jens-Uwe Pagel Psychologie studieren. Weil dafür damals die Voraussetzung nicht nur Regimetreue, sondern auch ein mehrjähriger Militärdienst ist, entscheidet er sich lieber für das Lehramtsstudium. In den 18 Monaten Pflichtmilitärzeit hat er genug Schikane und Willkür von Vorgesetzten erlebt. Widerspruch ist in der Nationalen Volksarmee nicht gern gesehen. In Magdeburg schreibt er sich 1987 an der Universität ein, will Lehrer für Deutsch und Geschichte werden. Bücher sind bis heute seine Leidenschaft, die Vergangenheit, gerade die jüngere deutsche Geschichte, ist sein Hobby.

Im ersten Zug gen Westen

Der Wunsch nach Freiheit lässt den Studenten nicht los. Im September 1989 reist er nach Prag. Der Leistungssportler, ein Kanute, will ursprünglich durch die Donau in den Westen schwimmen. Von einer Freundin lässt er sich überzeugen, dass der Weg über die bundesdeutsche Botschaft der sicherere ist. Abiturienten aus Ronnenberg helfen ihm, dorthin zu kommen. Pagel klettert über den Zaun, verbringt einen Tag und eine Nacht mit Tausenden Flüchtlingen in der Botschaft. Dann kommt der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und spricht die erlösenden Worte. Die DDR-Flüchtlinge dürfen ausreisen und der 23-Jährige sitzt im ersten Zug, der gen Westen fährt.

Freiheit heißt für Pagel nicht nur, endlich zu sagen, was er denkt, sondern auch zu reisen. Mit seinem Berliner Onkel fährt er nach Bayern, Österreich und in die Schweiz, besucht schließlich die Schüler aus Ronnenberg, die ihm in Prag geholfen haben, und beschließt, sein Studium in Hannover fortzusetzen. „Die Stadt hat mir einfach gefallen“, sagt er. Ein Satz, den in Hannover Geborene eher selten sagen. Die HAZ berichtet schon vor 30 Jahren über ihn. Als DDR-Flüchtling ist er so wenige Wochen nach dem Mauerfall ein Exot. 2009 hatte er sich längst eingelebt.

Mit 27 wird die Krankheit diagnostiziert

Der Start im Westen läuft erst gut. Pagel findet schnell viele Freunde, macht das Erste Staatsexamen und beginnt sein Referendariat. Dann schlägt die Krankheit zu, die extremen Stimmungsschwankungen, die tiefe, dunkle Depressionen, die unsteten manischen Phasen machen das Leben schwer. Er ist 27, als seine Krankheit diagnostiziert: bipolare Störung, umgangssprachlich manisch-depressiv genannt. „Das Schlimme daran ist die Unberechenbarkeit“, sagt Pagel. „Man weiß nie, wann die nächste Phase kommt und warum.“

Mittlerweile kann er mit seinen Stimmungsschwankungen besser umgehen: „Ich versuche, die Krankheit zu beherrschen und nicht von ihr beherrscht zu werden.“ Sein Referendariat muss er erst abbrechen, schafft es im dritten Anlauf dann aber doch ebenso das zweite Staatsexamen. Er jobbt als Reiseleiter in Amsterdam, Wien, London, begleitet Jugendgruppen auf die griechischen Inseln und immer wieder nach Korsika, gibt Deutschunterricht für Migranten, erfüllt sich seinen Traum von einer USA-Reise, besucht diverse Rockkonzerte.

Richtig angekommen im Westen

Seit 15 Jahren arbeitet Jens-Uwe Pagel als pädagogischer Mitarbeiter an einer Grundschule. Er ist angekommen im Westen. Für die Ostdeutschen, die auf den Mauerfall schimpfen oder sich gar in die DDR-Zeit zurücksehnen, hat er kein Verständnis. „Die Wiedervereinigung hat uns Freiheit gebracht, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, das kann man gar nicht hoch genug schätzen.“

Zur Preisverleihung im Neuen Rathaus kommen nicht nur Freunde aus Hannover, sondern natürlich auch seine Mutter aus Wernigerode, wenn ihm Tegtmeyer-Dette das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik verleiht. Die innerdeutschen Grenzen sind ja zum Glück längst gefallen.

Jens-Uwe Pagel erhält die Urkunde von Stadträtin Sabine Tegtmeyer-Dette Quelle: LHH

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