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Hannover Tod im Altenheim: Pflegerin erhält Bewährungsstrafe
Nachrichten Hannover Tod im Altenheim: Pflegerin erhält Bewährungsstrafe
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00:23 01.02.2019
Verteidigerin Silke Willig (l.) – neben ihr die angeklagte Natalie B. – misst der Heimleitung des Laatzener Seniorenzentrums Mozartpark eine Mitschuld an dem Unglück zu. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

 Die 24-Jährige, die als Pflegeassistentin den Tod einer 84 Jahre alten Heimbewohnerin durch Verbrühen verschuldet hat, ist am Dienstag vom Amtsgericht Hannover zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Jugendrichterin Kerstin von der Straten erklärte, Natalie B. habe mitbekommen müssen, dass sie die Seniorin im Juli 2015 viel zu heiß duschte. Niemand anderes als sie sei für den Tod der 84-Jährigen verantwortlich. Dass das Opfer eine Pergamenthaut hatte, sei für die Folgen der Tat unerheblich. Auch habe die Angeklagte ein wirkliches Bedauern über den Tod der Heimbewohnerin vermissen lassen. Von der Straten gab der Angeklagten zudem auf, sechs Monate lang Beratungsgespräche in Form einer Supervision wahrzunehmen. Reifeverzögerungen sah die Richterin bei B. nicht, deshalb sei sie nach Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen.

Staatsanwältin wollte Jugendstrafe

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung gefordert. Da Natalie B. zur Tatzeit erst 20 Jahre alt war und zum damaligen Zeitpunkt Reifeverzögerungen vorgelegen hätten, sei B. nach Jugendrecht zu bestrafen. Staatsanwältin Christiane Müller-König plädierte dafür, die Angeklagte zu einem Jahr Jugendstrafe auf Bewährung zu verurteilen, außerdem zu einer an die Alzheimer Gesellschaft zu zahlende Geldstrafe von 750 Euro. B. habe sich einer Pflichtverletzung schuldig gemacht, hätte die Wassertemperatur beim Duschen der Bewohnerin prüfen müssen.

Verteidigerin Silke Willig plädierte auf Freispruch für ihre Mandantin, die inzwischen eine Ausbildung zur Altenpflegerin macht. Es sei nach wie vor völlig unklar, wie lange das heiße Wasser auf die Seniorin eingewirkt habe – möglicherweise nur wenige Sekunden. Man könne auch nicht ausschließen, dass die schon vor dem Duschen sehr unruhige und schreiende 84-Jährige aus Versehen selbst gegen die Armatur gekommen sei und die Temperatur verstellt habe. Ihre Mandantin, so die Anwältin, sei während der gesamten dreieinhalb Jahre seit dem Unglück dabei geblieben, die Bewohnerin ordnungsgemäß eingeseift und abgeduscht zu haben. Als erzieherische Maßnahme halte sie allerdings für angebracht – wie von einer Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe vorgeschlagen - Natalie B. Beratungsgespräche in Form einer Supervision aufzuerlegen.

Die Tat ereignete sich im Laatzener Pflegeheim Mozartpark. Quelle: Archiv

Am Vormittag hatte ein technischer Sachverständiger massive Vorwürfe gegen den Betreiber des Seniorenzentrums Mozartpark erhoben. „Der Thermostat aus der Dusche der Bewohnerin hätte dort niemals verbaut werden dürfen, er ist für öffentliche Gebäude nicht zugelassen“, erklärte Installateursmeister Thomas Heuer. Für Kliniken, Altenheime oder Kindergärten zulässige Thermostate haben neben einem Sperrknopf, der beispielsweise bei 38 Grad einrastet, eine interne Sperre, so dass das abgegebene Wasser niemals heißer als 43 Grad sein kann. Der Thermostat in der Dusche der Laatzener Anlage, ein für den privaten Bereich zugelassenes Modell, lässt dagegen auch 60, 70 oder 80 Grad heißes Wasser ausströmen. Die demente Seniorin hatte im Juli 2015 auf 30 Prozent ihrer Körperoberfläche Verbrennungen zweiten oder sogar dritten Grades erlitten und war zwei Tage nach dem Unglück in der MHH verstorben.

Laut dem Gutachter ist das Wasser, das von der Heizungsanlage des Seniorenheims in die Rohre der Einrichtung befördert wird, 66 Grad heiß. „Dabei sagt die DIN-Norm, dass 55 bis 60 Grad reichen“, erläuterte Heuer. Einmal pro Woche kletterten die Temperaturen für eine stundenweise thermische Desinfektion (zum Abtöten von Legionellen) sogar auf 75 Grad. Laut der Heimleitung weise inzwischen ein Aufkleber auf den Thermostaten in den Duschen der Bewohner auf die Verbrühungsgefahr hin, sagte der Sachverständige, jedoch sei die Schrift sehr klein und der Text nur in deutscher Sprache verfasst: „Ich bin entsetzt, dass die Armaturen immer noch nicht ausgetauscht wurden.“

Ein Thermostat dieser Art war in der Dusche des Opfers montiert. Quelle: privat

Die zum Tatzeitpunkt 20 Jahre alte Natalie B. muss sich vor einer Jugendrichterin wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Ihre Verteidigerin Silke Willig erklärte in einer Verhandlungspause, ihrer Meinung nach gehöre auch die Geschäftsführung des Heims auf die Anklagebank. Auffällig sei in diesem Zusammenhang, dass der Betreiber die niedersächsische Heimaufsicht nie über das tödliche Unglück informiert habe. Ihre Mandantin sei „emotional unglaublich belastet“ und sehe dem Ausgang des Verfahrens in banger Erwartung entgegen.

Laut Rechtsmediziner Joachim Eidam sind ab Flüssigkeits-Temperaturen von 50 Grad irreversible Hautschädigungen möglich. Bei 55 Grad reiche eine Einwirkung von 50 Sekunden für eine schwerwiegende Verletzung der Haut aus, bei 60 Grad Wassertemperatur würden sogar fünf Sekunden genügen. Die Verletzungen der Seniorin seien so schwerwiegend gewesen, dass ihre Überlebenschancen nur bei zehn Prozent gelegen hätten; schlussendlich sei die 84-Jährige an multiplem Organversagen gestorben. Die Körperpartien, an denen das Opfer die Verbrühungen erlitten habe, decke sich mit den Beobachtungen einer polnischen Krankenschwester, die schreiende Seniorin habe bei ihrem Eintreten in die dampfgefüllte Dusche auf dem Boden in einer Ecke gekauert; demnach richtete Natalie B. den Wasserstrahl von links oben nach rechts unten auf die Bewohnerin.

Anwältin Silke Willig gibt in einer Verhandlungspause ein Statement zum Stand des Verfahrens ab. Quelle: Michael Zgoll

Ein weiterer Gutachter, Professor Michael Tronnier, diagnostizierte bei dem Opfer eine Altershaut von „gewisser Fragilität“, die für dieses Lebensalter aber keine außergewöhnlich hohe Empfindlichkeit oder Erkrankungen aufgewiesen habe. „Wassertemperaturen von 38 Grad können solche Verletzungen, wie sie bei der Seniorin festgestellt wurden, sicher nicht verursacht haben, diese lagen sehr wahrscheinlich bei mehr als 50 Grad“, erklärte der Hautarzt.

Von Michael Zgoll

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