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Hannover „Ich war ein Hiller-Girl“: Dita Bertossi erinnert sich
Nachrichten Hannover „Ich war ein Hiller-Girl“: Dita Bertossi erinnert sich
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20:33 24.07.2019
Glamouröse Reihe: Die Hiller-Girls verkörperten die ganz große Show. Quelle: Viola Hausschild
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Hannover

Die Bilder haben Wirkung. Auch heute noch. Sie zeigen eine junge Dame, die grazil zwischen einem Haufen schicker Schuhe sitzt und diese sorgfältig putzt – oder langbeinig, kostümiert und tanzend inmitten eines Dutzend anderer langbeiniger, kostümierter Tänzerinnen zu sehen ist. „Das bin ich“, sagt Dita Bertossi und zeigt auf eine der Damen. Dita, die eigentlich Edith heißt, war eines der Hiller-Girls, eines der bekanntesten deutschen Revuetanzensembles nach dem Krieg. Heute ist sie 87 Jahre alt, und wenn sie im Wohnzimmer ihrer geräumigen Lister Wohnung von alten Zeiten erzählt, erzählen auch ihre Augen, und die Arme schwingt sie so elegant wie damals auf der Bühne. „Alles ein bisschen steif“, sagt sie. Sonst würde sie vermutlich in den Spagat fallen.

Ballettunterricht als Basis

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Wenn sie sich nicht zwei Jahre täglich nach der Schule (der heutigen Ricarda-Huch-Schule) noch bis abends zum Ballettunterricht gequält hätte und ihre Mutter es nicht erlaubt und bezahlt hätte. „Tänzerin, das war ja Tingeltangel, aber meine Mutter hatte einen Fimmel fürs Künstlerische.“

Die Arme schwingt sie so elegant wie früher als Bühnentänzerin: Dita Bertossi erzählt in ihrer Wohnung in der List aus ihrem Showleben. Quelle: Uwe Janssen

Erst Ablehnung, dann Filmrolle

Und dann kam dieser Tag in den Sommerferien 1949. Grömitz, Kursaal. Abends sollten die Hiller-Girls auftreten, Rolf und Gertrude Hiller sahen tagsüber die junge Dame aus Hannover üben, die beim Kinderfest tanzen durfte. Rolf Hiller war begeistert von der 16-Jährigen und bot ihr einen Job in seiner Truppe an. „Ich habe abgelehnt. War ziemlich hochnäsig, aber ich wollte meine Ballettausbildung beenden“, erinnert sie sich. Chance vertan? Rolf Hiller notierte ihre Adresse. Ein Jahr später klingelte das Telefon. Hiller wollte sie. Für den ersten großen deutschen Musikfilm nach dem Krieg. Für „Die Dritte von rechts“ unter der Regie von Géza von Cziffra wurde in Hamburg-Wandsbek eigens ein Studio gebaut und ein Starensemble engagiert. „Peter van Eyck, Grethe Weiser, Theo Lingen, die kannte ich nur aus dem Kino!“ Diesmal sagte Edith zu. Und wurde dann doch ein Hiller-Girl.

Ein Mantel aus Mailand

Es war der Auftakt zu neun turbulenten Jahren, in denen sie nur unterwegs war. „Das war nicht die Opernbühne, auf der ich eigentlich stehen wollte. Aber es war auch kein Tingeltangel, sondern wirklich harte Arbeit.“ Drei Monate hier, drei Monate da, mal Spanien, mal Italien, kaum freie Tage, nur Auftritte und Reisen. „Wir waren ein bisschen doof, weil wir nie nach Urlaub gefragt haben“, sagt sie und muss schmunzeln. Andererseits seien die Hiller-Girls wie eine Familie für sie gewesen. Geld gab es trotz des hohen Ansehens nicht viel, aber es war auch kaum Zeit, es auszugeben. Bis auf dieses eine Mal. „In Mailand haben wir uns Vorschuss genommen und uns alle einen Pelzmantel gekauft. Würde ich heute nicht mehr machen, aber damals kamen wir uns mächtig toll vor auf den vielen Empfängen und Presseterminen.“ Der Preis: „Ein gutes halbes Jahr habe ich von täglich drei Brötchen gelebt. Mit Tomatenmark oder Mayonnaise drauf.“

Dita Bertossi in den 50er Jahren. Quelle: privat

1959 war Schluss mit dem Glamour – wobei sie fünf Jahre lang noch „Gewehr bei Fuß“ stand, um notfalls als Ersatz in den Damenriege einzuspringen. Mit dem Tod von Rolf Hiller 1968 wurde das Ensemble aufgelöst. Die meisten ihrer damaligen Kolleginnen sind verstorben. Der letzte Kontakt war vor anderthalb Jahren mit „der zweiten Frau vom Chef“ in Berlin. Im Friedrichstadtpalast waren sie stets Ehrengäste, „als Relikte aus alter Zeit“, sagt Dita Bertossi und lacht. Vom Showballett war sie begeistert. „Eine Riesen-Girlreihe mit 32 Mädchen. Wir waren 16.“

Zurück nach Hannover – als Dolmetscherin

Auf ihre Tanzzeit blickt sie auch deshalb mit Stolz zurück, weil sie aus diesem wilden Jahrzehnt mehr mitnahm als Erinnerungen und einen Mantel. Sie war unterwegs immer neugierig gewesen, hatte sich für Kultur interessiert und Sprachen gelernt. Als Dita wieder zu Edith wurde, in ihre Stadt und ins bürgerliche Berufsleben zurückkehrte, kam ihr das zugute. In der Ära der Gastarbeiter wurde sie zunächst Dolmetscherin fürs hannoversche Arbeitsamt. Später übernahm sie dort die Künstlervermittlung – zwei naheliegende Jobs, deren Qualifikation sie in den aufregenden Tourneejahren mehr oder weniger nebenbei erworben hatte und in denen ein bisschen Kontakt zum aufregenden Leben erhalten blieb.

Aber auch das liegt schon lange zurück. Ihr Ehemann ist verstorben, sie hat spät die Tochter ihres Bruders adoptiert. Bis vor wenigen Jahren hat Dita Bertossi Stepptanz betrieben und wurde in der Tanzschule Step by Step nun gewürdigt. Dort hängt ein riesiges Porträtfoto vom jungen Hiller-Girl Dita.

Das Mehrfamilienhaus, in dem sie wohnt, verwaltet sie selbst. Manchmal müssen die jungen Leute aus der WG oben helfen. Ansonsten regelt sie die Sachen selbst. Ruhestand? In Maßen, bitte. Ein bisschen steif findet sie sich. Aber der Kopf ist hellwach. Und die Arme tanzen wie 1949.

Von Uwe Janssen

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