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Hannover Geht es in Vierteln mit hohem Migrantenanteil krimineller zu?
Nachrichten Hannover Geht es in Vierteln mit hohem Migrantenanteil krimineller zu?
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10:04 10.08.2019
Eine Ladenzeile am Mühlenberger Schollweg. Quelle: Manuel Behrens
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Hannover

Ein Discountmarkt im Mühlenberger Schollweg zur Mittagszeit: Fast abwechselnd betreten ältere deutsche Frauen und Frauen mit ausländischen Wurzeln und Kopftuch das Geschäft. Die Iranerin Nasrin Eslamgehr und Martina Deppe-Koch gehen gemeinsam einkaufen. Der friedliche Eindruck, den die Ladenzeile und die Nachbarschaft des Mehrfamilienhauses machen, ändere sich mit Einbruch der Dunkelheit, sagen beide. „Dann fühle ich mich hier nicht mehr sicher“, ergänzt Deppe-Koch. Auf den Hinterhöfen trieben sich in den Abendstunden Gruppen junger Männer herum, rauchten Gras und pöbelten. „Viele sprechen kein Deutsch“, sagt Deppe-Koch. „Es kommt vor, dass sie mich verfolgen. Was soll ich dann tun, außer wegzulaufen?“ Beide Frauen haben bereits überlegt wegzuziehen. Weil aber die Mieten in anderen Stadtteilen so hoch sind, komme dies nicht in Frage.

Wie sicher ist es wirklich in Vierteln mit hohem Migrantenanteil? Oder geht es immer nur um die gefühlte Lage? Solchen Fragen will jetzt eine Forschungsgruppe in vier deutschen Städten nachgehen – darunter Hannover. Die Stadtteile Vahrenheide und Mühlenberg haben sich die Wissenschaftler als Forschungsfelder ausgeguckt. „Migration und Sicherheit in der Stadt“ heißt das Projekt, an dem mehrere Unis beteiligt sind. Die Forscher bedienen sich unterschiedlicher Methoden: Interviews, Datenanalyse, Beobachtungen. Überprüft werden soll, „ob Segregation (Abschottung) in migrantisch geprägten städtischen Quartieren das Kriminalitätsrisiko vermindert oder erhöht.“

Ein Discounter am Mühlenberger Schollweg. Quelle: Manuel Behrens

CDU kritisiert Studie vor Beginn

In der hannoverschen Kommunalpolitik schlagen die Wellen bereits hoch, noch bevor die Forschungsarbeit begonnen hat. Die CDU im Bezirksrat Ricklingen ist der Ansicht, dass der Mühlenberg wieder einmal stigmatisiert werde. „Hier werden Kriminalität und Migration in einem Atemzug genannt“, kritisiert CDU-Fraktionschef Erdem Winnicki bei der Vorstellung des Projekts im Bezirksrat. Die SPD hält den Namen des Forschungsvorhabens für unglücklich.

Bezirksbürgermeister Andreas Markurth (SPD) hingegen hat keine Probleme mit dem Forschungsansatz, im Gegenteil. „Die Wissenschaftler werden eine Menge Material zusammentragen, sodass wir die Situation im Stadtteil besser beurteilen können“, sagt er. Für ihn ist die Studie eine Möglichkeit, mit Vorurteilen und Gerüchten aufzuräumen.

Als Vertreter des Forschungsteams haben die Soziologen Christiane Howe und Fynn Kunkel von der Universität Tübingen den Bezirksratspolitikern das Vorhaben präsentiert. „Der Fokus ist nicht allein auf Kriminalität gelegt“, betont Howe. „Es geht uns mehr um das Miteinander der Menschen.“ Man wolle einen unvoreingenommenen Blick auf die Mühlenberger Gesellschaft werfen, versichert sie. „Wir sprechen auch mit den Bewohnern und wollen wissen, wie sie sich im Stadtteil fühlen“, kündigt Fynn Kunkel an. Und: „Vielleicht stellt sich der Stadtteil auch als Positivbeispiel für andere Kommunen heraus.“

Im Canarisweg leben 2000 Menschen auf engem Raum

Unter den Mühlenbergern ist das Sicherheitsgefühl unterschiedlich ausgeprägt: „Ich bin hier noch nie angegriffen worden“, sagt ein Mann, der seit Jahrzehnten im Stadtteil lebt. Die 76-jährige Elisabeth Sax hingegen fühlt sich in der Dunkelheit nicht sicher. Als sie vor einiger Zeit mit ihrem Hund Nero spazieren war, sei sie von einem zwölfjährigen, türkischen Mädchen begleitet worden. „Sie wollte mich einfach nur beschützen“, erzählt Sax. Ein Mitarbeiter des Wohnungsunternehmens Vonovia fasst zusammen: „Das ist alles normal hier. Es gibt Nachbarschaftsstreitigkeiten, aber die haben nichts mit dem Migrationshintergrund zu tun.“

Lesen Sie auch: Kommentar: Mehr Migranten gleich weniger Sicherheit? Lasst es uns erforschen

Ein paar hundert Meter weiter sitzt Petra Bleichwehl in ihrem Büro in der Hochhaussiedlung am Canarisweg. Sie ist Projektleiterin im Verein Miteinander für ein schöneres Viertel. „Wenn – wie hier – 2000 Menschen auf engem Raum leben, passiert auch mal etwas“, sagt Bleichweh. Als sie vor zehn Jahren ihre Arbeit im Canarisweg begann, gab es Ressentiments und Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern aus Polen und Kurden. Heute sei das Verhalten von Jugendgruppen aus Osteuropa problematisch. „Die sind unglaublich frech und dreist“, sagt sie. Ihre Erklärung: „Das Verhalten von einzelnen kann das Stimmungsbild verändern.“

Petra Bleichweh leitet den Verein Miteinander für ein schöneres Viertel. Quelle: Manuel Behrens

Geforscht wird für die Studie bis 2021

In Hannover unterstützen der kommunale Präventionsrat und die Polizeidirektion das Forschungsprojekt. „Die Quartiersauswahl haben wir zusammen mit der Stadt getroffen“, berichtet Savas Gel, Chef des Dezernats für Kriminalitätsbekämpfung und Prävention der Polizeidirektion. Ihm gehe es durchaus auch um Erkenntnisse zum Thema Sicherheit: Die Polizei will der Frage nachgehen, ob ein hoher Migrantenanteil Einfluss auf die Kriminalität hat.

Bis Herbst 2021 soll die Forschung dauern. Das Vorhaben wird vom Bund mit 1,9 Millionen Euro gefördert. Beteiligt ist nicht nur die Uni Tübingen, sondern auch die Deutsche Hochschule der Polizei, das Bundeskriminalamt, die Uni Bielefeld und die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen. Ziel sei es auch, so heißt es in einer Projektskizze, praktische Erkenntnisse zu gewinnen, wie die Formen des Zusammenlebens verbessert werden können.

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Von Andreas Schinkel, Manuel Behrens und Marcel Schwarzenberger

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