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Hannover So erlebte Hannover das Blitzeis
Nachrichten Hannover So erlebte Hannover das Blitzeis
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21:23 08.01.2017
Kein Halt mehr: Fußgänger und Autofahrer hatten Schwierigkeiten, auf dem Glatteis sicher voran zu kommen.  Quelle: Wilde/Thomas/dpa/Montage
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Hannover

Das Eis ist überall. Glitzernd auf den Straßen, die parkenden Autos und ihre Scheiben im blickdichten Eispanzer, die Geländer, Treppenstufen, Gehwege spiegelglatt. Der Deutsche Wetterdienst hatte Gefahr durch Glatteis für den späten Sonnabendnachmittag in der Region vorausgesagt - doch dass es Hannover so heftig traf, überraschte dann doch viele.

Katwarn 
hat ausgelöst

„Amtliche Unwetterwarnung vor Glatteis“: Stadt und Region Hannover haben die Bürger am Sonnabend erstmals auch über die Smartphone-App Katwarn informiert. Um 18 Uhr sowie um 22 und 4 Uhr erhielten die App-Nutzer die Gefährdungsmitteilung. Mit der „Schutzengel“-Funktion wird vor Gefahren am jeweiligen Aufenthaltsort gewarnt. Katwarn wird in mehreren Großstädten genutzt, so etwa beim Amoklauf in einem Münchner Einkaufszentrum im vergangenen Sommer.

„Es kracht im Minutentakt“, berichtete die Verkehrsmanagementzentrale. Die Einsatzkräfte auf den Straßen der Stadt priorisieren: Die Polizei rückt zunächst zu den Unfällen mit Verletzten aus, „nur Blechschäden“ müssen warten. Hauptstraßen wie die Hildesheimer Straße sind zwar schnell gestreut, nachdem um 17 Uhr 160 Aha-Mitarbeiter ausrücken, doch in Nebenstraßen ist Tempo 15 angesagt. Auf glattem Untergrund kommen Autos kaum aus Parklücken heraus, verursachen simple Abbiegemanöver bedrohliche Annäherungen an andere Fahrzeuge, Verkehrsschilder oder Bäume. Immer wieder schrillen Martinshörner durch die Nacht, zuckt Blaulicht durch die Straßen. Am nächsten Tag weiß man: 220 Verkehrsunfälle mit 13 Leichtverletzten, mindestens 250 vom Rettungsdienst betreute Verletzte, 550 Notrufe. So eine Bilanz hat es in einem hannoverschen Winter lange nicht gegeben.

„Alles aussteigen, bitte!“

Den Verkehrsbetrieben wird es am frühen Sonnabendabend zu gefährlich, sie können die Sicherheit der Fahrgäste nicht mehr garantieren: Um 17.53 Uhr stellen die Üstra und Regiobus den Busverkehr ein - alle Fahrgäste müssen an der nächsten Haltestelle raus. „Ich war in der Linie 300 stadteinwärts unterwegs, auf der Deisterstraße hieß es, wir müssten alle aussteigen und könnten auch nicht im Bus bleiben“, berichtet eine HAZ-Leserin. Die Fahrgäste, darunter ein älteres Ehepaar, seien zu Fuß zum Schwarzen Bären geschlittert. „Die Straße war plötzlich spiegelglatt“. Üstra-Sprecher Udo Iwannek sagt: „Das Risiko war zu groß, um mit den Bussen auf derart glatten Straßen zu fahren“. Bis Betriebsschluss wurden die Busse nicht mehr wegbewegt - und standen dort, wo sie aufgrund des Eises haltmachen mussten. „Wir haben es nicht mehr in die Depots geschafft“, so Iwannek. „Wir können die Leute nicht stundenlang in den Bussen beherbergen“, sagt der Üstra-Sprecher. Ein Bus der Linie 123 prallte an der Kreuzung Bemeroder Straße/Lange-Hop-Straße gegen einen Laternenmast. Der Bus wurde beschädigt, unter anderem barst eine Fensterscheibe. Mehrere Streufahrzeuge versuchen, die Kreuzung für den Bus wieder befahrbar zu machen. Die Stadt- und S-Bahnen fahren auch bis in die Nacht weiter. Nur auf den Linien 1, 2 und 8 geht zwischenzeitlich nichts: Auf der Hildesheimer Straße in Döhren rutschte ein Auto in die Stadtbahngleise. Der Stadtbahnverkehr wird in beiden Richtungen vorübergehend eingestellt, weil die Üstra wegen des Eises keinen Busersatzverkehr einrichten kann.

Doch auch zu Fuß ist es nicht sicherer: Zahlreiche Passanten stürzen, manch einer kann sich gerade noch an der Ampel oder der Laterne festhalten. Viele werden erfinderisch: Ziehen sich für den Nachhauseweg Socken über die Schuhe oder versuchen es mit dem Pinguin-Gang. Wer dringend noch raus muss und Spikes im Keller hat, ist klar im Vorteil.

Handballer schlafen in Turnhalle

Eine abenteuerliche Nacht liegt hinter zehn Handballern, die aus ganz Niedersachsen für einen Lehrgang zur Trainerausbildung für Kindergruppen nach Hannover gekommen waren. Sie mussten in der Turnhalle des Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasiums übernachten, weil sie nicht mehr nach Hause konnten. Turnmatten wurden zu Matratzen und das benachbarte Seniorenheim stiftete das Bettzeug. „So was gab es noch nicht“, sagt Andreas Multhaupt vom Hannoverschen Sport Club.

Massenansturm in Ambulanzen

Unfallchirurgen können oft schon am Wetterbericht ablesen, wie die Schicht denn werden wird - doch mit so einem hohen Patientenaufkommen hatte am Sonnabend in den hannoverschen Kliniken kaum einer gerechnet. „Das war der größte Massenansturm seit zehn Jahren“, sagte Sven Wolf, Leiter des Diakovere-Notaufnahmezentrums im Friederikenstift. Rund 80 Patienten fanden sich hier ein, einige hatten schwere Brüche an Handgelenk, Ellenbogen, Hüfte und Unterschenkel. Zeitweise musste die Notaufnahme mehr Pflegepersonal anfordern, um die Patienten zu versorgen.

In der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) spielen sich ähnliche Szenen ab: „Irgendwann reichte es aus, den Ankommenden nur noch zuzunicken und man wusste, was los war“, erzählt eine Dame an der Anmeldung. 85 Patienten mussten am Sonnabendabend versorgt werden - mehr als doppelt so viele wie sonst. „Normalerweise kümmert man sich in einer 24-Stunden-Schicht um etwa 30 Patienten“, sagt Professor Christian Krettek, Chef der MHH-Unfallchirurgie. Auch der Autofahrer, der bei Devese gegen einen Baum gefahren war, wurde in der MHH versorgt - es war der schwerste Unfall in ganz Norddeutschland. Der Mann starb kurze Zeit später an seinen Verletzungen. Bis zu fünf Stunden mussten Patienten in der Notaufnahme warten, bis sie an die Reihe kamen. Denn die Schwere der Verletzung bestimmt die Reihenfolge. „Doch die meisten Patienten hatten Verständnis, weil sie gesehen haben, wie viel bei uns los war“, sagt Krettek. Zudem mussten einige Pfleger Überstunden machen, weil die Ablöse durch das Glatteis selbst verspätet war.

Taxi-Zentrale stockt Personal auf

Als die Busse der Üstra nicht mehr fuhren, setzte der große Ansturm auf Taxen ein. „Wir hatten eine wesentlich erhöhte Nachfrage, haben die Zahl unserer Telefonplätze sofort erhöht“, sagt Axel Emmert von der Taxizentrale von 3811. Knapp 400 Fahrzeuge seien ab 17 Uhr im Einsatz gewesen. Wartezeiten gab es trotzdem – „ungefähr verdoppelt“, schätzt 3811-Chef Wolfgang Pettau. Die Fahrgäste hätten darauf zumeist mit Verständnis reagiert. Sämtliche Wagen der 220 angeschlossenen Taxi-Unternehmen sind ohne folgenreiche Ausrutscher durch die Nacht gekommen.

Lieferdienst stellt Arbeit ein

Die Stadt stand am Sonnabend ab 17 Uhr nahezu still: Wer nicht raus musste, blieb zu Hause - so hatten es die Behörden auch frühzeitig empfohlen. Oberbürgermeister Stefan Schostok jedoch hatte einen Termin im Hangar No. 5 mit den Karnevalisten (siehe Seite 19) - vom Rathaus brauchte er mit seinem Dienstwagen mehr als eine halbe Stunde. „Wir haben auf der Strecke sieben Unfälle gezählt“, erzählte Schostok später. Auch am Unfall auf der Linie 8 war er vorbeigekommen. Viele Restaurants, Kneipen oder auch kulturelle Veranstaltungen blieben auffällig leer: „Wir haben unsere Opernkarten verfallen lassen“, erzählt Julia Hohlbein aus Dedensen. Eigentlich wollte sie „La Bohème“ schauen - doch der Weg war ihnen zu gefährlich. „Wir mussten unsere Kinder aus dem Nachbardorf einsammeln, weil sie dort aufgrund der Glätte aus dem Bus aussteigen mussten“, sagt die Lehrerin. Keine Oper - und auch kein Lieferdienst: Der Onlinebringdienst Foodora stellte den Betrieb am Abend ein. „Die Sicherheit der Fahrer geht vor“, hieß es. Die Mitarbeiter sind sonst mit dem Fahrrad in der City unterwegs.

Am Sonntagmittag gab der Deutsche Wetterdienst Glatteis-Entwarnung. Inzwischen ist auch nicht mehr viel vom Schreckenseis des Vorabends übrig: Es taut.

Von Isabel Christian, Frerk Schenker und Michael Zgoll

Region entscheidet über Schulausfall

Ein Schulausfall wegen Glatteises ist am ersten Unterrichtstag nach den Ferien nicht zu erwarten. Temperaturen im Plusbereich sind vorhergesagt, Eisregen nicht. Grundsätzlich liegt die Entscheidung über Schulausfälle bei der Region, die sich mit der Regionsleitstelle abstimmt. Wird für einen Unterrichtsausfall entschieden, erfahren Eltern und Schulkinder dies unter anderem über HAZ.de, Rundfunkdurchsagen sowie die Verkehrsmanagementzentrale.

Bei einer Messerstecherei am Hauptbahnhof Hannover sind am Sonntagabend zwei Männer schwer verletzt worden. Hintergrund der Tat sei ein Streit zwischen zwei Großfamilien gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Drei Männer wurden festgenommen.

09.01.2017

Die Zahl der Norovirus-Erkrankungen in der Region Hannover und ganz Niedersachsen ist im Vergleich zu den Vorjahren nach Angaben des Landesgesundheitsamtes stark gestiegen. Vermutlich gehe ein neuer aggressiver Virustypus um, gegen den viele Patienten noch keine Abwehrkräfte entwickelt hätten.

Saskia Döhner 08.01.2017

Es war das bestimmende Thema am Wochenende in Hannover: Blitzeis sorgte für glatte Straßen und etliche Unfälle in der Region. Es gab aber auch erfreulichere Ereignisse - wie die Wahl zur Miss Niedersachsen, das Tischtennis-Pokalfinale der Frauen oder die Probe für das Luther-Musical im HCC. Der Nachrichten-Überblick.

08.01.2017