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Hannover „Erfinden Sie die MHH neu, Herr Manns?“
Nachrichten Hannover „Erfinden Sie die MHH neu, Herr Manns?“
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06:00 07.02.2019
„Komplett und neu über uns und unsere Zukunft nachdenken“: Der neue MHH-Präsident Professor Michael P. Manns im HAZ-Interview., Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

Seit dem 1. Januar ist Professor Michael P. Manns Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Der weltweit bekannte und angesehene Leberforscher leitet seit 1991 als Direktor die Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie. Bevor er zur MHH kam, arbeitete er in Berlin, San Diego und Mainz. Von 2015 bis 2018 war er außerdem Klinischer Direktor des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) Braunschweig und Gründungsdirektor des Zentrums für Individualisierte Infektionsmedizin (CIIM) Hannover. Der Fan von Hannover 96 ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Töchtern.

Herr Professor Manns, aktuell verunsichern manche Mediziner die Öffentlichkeit. Kann Ihre Wissenschaft noch Verlässlichkeit bieten?

Wie meinen Sie das?

Wir diskutieren seit Jahren die Gefahr durch Dieselabgase anhand wissenschaftlich ermittelter Grenzwerte – und dann werden diese plötzlich von Lungenfachärzten öffentlichkeitswirksam in Zweifel gezogen.

Das verfolge ich wie Sie mit großem Interesse. Ich kenne die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Behauptungen nicht, ich bin da auch kein Fachmann, aber mich wundert es nicht so sehr, dass diskutiert wird. Kontroversen gehören zum Wissenschaftsbetrieb, er lebt förmlich davon. Mich stört an der Debatte etwas ganz anderes.

Was denn?

Die Diskussion um Dieselabgase wird allein von Autoverkäufern und von Politikern geführt. Medizinerinnen oder Mediziner haben sich bislang kaum positioniert. Es wurde immer wieder gefragt, ob die Messdaten manipuliert oder nicht korrekt erhoben worden sind. Aber ob die Grenzwerte medizinisch sinnvoll und somit für die Gesundheit der Bevölkerung relevant sind, das hat bislang eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Da würde es sich auch lohnen, die wissenschaftlichen Methoden ins Auge zu fassen, die diese Grenzwerte festgelegt haben. Ich finde, dass man darüber sprechen muss und vor allem die Spezialistinnen und Spezialisten aus der Medizin an der Diskussion beteiligen sollte. So hat ja in der HAZ- Ausgabe vom 24. Januar unser MHH-Spezialist Prof. Tobias Welte zu diesem Thema Stellung bezogen.

Als Präsident der Medizinischen Hochschule kommen nun viele fachfremde Fragen auf Sie zu. Sie werden beispielsweise bald einer der größten Bauherren Niedersachsens sein – die Hochschule soll ja neu entstehen. Was erwarten Sie von den Planern?

Eine Menge, vor allem ein Universitätsklinikum, das genug Flexibilität für die Medizin der Zukunft mitbringt, aber auch ein ansprechendes Erscheinungsbild bietet. Es gibt keinen Grund, warum ein Krankenhaus nicht auch durch eine attraktive Architektur gewinnend wirken sollte, zum Beispiel bunt. Das Gebäude muss den Patientinnen und Patienten ein positives Gefühl vermitteln. Wenn Patienten heute zum Beispiel von einer der Ostfriesischen Inseln hierher kommen, nehmen sie dafür eine lange Fahrt auf sich, sind den ganzen Tag unterwegs - und stehen dann vor einem Gebäudekomplex, der Angst macht. Das muss anders werden. Aber zur Klarstellung: Bauherr wird voraussichtlich eine neu zu gründende „Bau GmbH“ sein.

Das ist die MHH

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) existiert seit 1961, seit 1965 läuft der Lehrbetrieb. Damals waren es 41 Studenten, jetzt sind es rund 3500 – und rund 160 Professoren. Die jährlichen Erträge der MHH belaufen sich auf rund 730 Millionen Euro. Dazu kommt der Landeszuschuss in Höhe von 192 Millionen. Etwa 10.000 Mitarbeiter arbeiten auf dem 400.000 Quadratmeter großen MHH-Gelände. In einem Jahr werden in der MHH heute auf 90 Stationen mehr als 63 000 Patienten behandelt, hinzu kommen 470.000 ambulante Behandlungen. Gemeinsam mit der Leibniz-Universität hat sich die MHH als Exzellenz-Universität beworben.

Derzeit laufen die Planungen für einen Neubau des Hochschulkrankenhauses. Dieser könnte westlich des bisherigen Standortes am Stadtfelddamm entstehen. Das Land Niedersachsen hat für den Neubau eine Milliarde Euro zugesagt – so wie auch für das Universitätsklinikum in Göttingen.mak

Wird mit dem Neubau die MHH neu erfunden?

Wir können eine Art MHH 2.0 schaffen. Deshalb bin ich auch klar gegen einen Neubau an der Karl-Wiechert-Allee, wo wir eine Baustelle im laufenden Klinikbetrieb hätten. Wir alle in der MHH wollen, dass am Stadtfelddamm neu gebaut wird. Dort bekommen wir die Möglichkeit einer Neuorientierung unserer Universitätsmedizin - die Chance, baulich, aber auch inhaltlich eine der modernsten Universitätskliniken Europas zu entwickeln.

Die MHH stand ja bei ihrer Gründung für einen Aufbruch aus der alten Universitätswelt. Denken Sie jetzt wieder so groß?

Warum nicht ? Think big! Wir haben die Chance, einen Gesundheitscampus für Niedersachsen zu etablieren. Wenn man sich die Landkarte anschaut, dann sieht man, dass es im weiten Umfeld, mit Ausnahme von Göttingen, keine Universitätsmedizin gibt. Nachdem die MHH zwischen 1965 und 1970 gebaut worden war, hatten wir den modernsten Medizincampus in Deutschland, vielleicht sogar in Europa. Aber anschließend ist dort zu wenig in den Bauerhalt investiert worden, die Bausubstanz ist jetzt einfach marode. Der Neubau und dazu der anstehende Generationswechsel wichtiger Leistungsträger bedeutender Kliniken und Institute bieten die Chance, einmal komplett neu über uns und unsere Zukunft nachzudenken. In den vergangenen Jahrzehnten ist ausgehend von der Gründergeneration eine sehr gute Grundlage geschaffen worden mit der Etablierung von sichtbaren Schwerpunkten in der Krankenversorgung und Forschung unter anderem in der Transplantationsmedizin, in der Infektiologie und Immunologie und in der Biomedizintechnik. Zusätzlich wollen wir die Onkologie als neuen Schwerpunkt etablieren.

Warum die Krebsbehandlung?

Die Onkologie wird mit der steigenden Lebenserwartung der Menschen immer wichtiger. Weit mehr Menschen als früher werden „ihren Krebs“ im Alter erleben. In Niedersachsen gibt es bislang noch keine umfassende Krebsstrategie, vergleichbar etwa zu anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg. Wir wollen mit Göttingen bei der Onkologie zusammenarbeiten und bekommen dafür auch die Unterstützung des Landes und unseres Ministeriums. Und wir hoffen für unsere Kooperation auf das Label der Deutschen Krebshilfe als Onkologisches Spitzenzentrum. Der Norden braucht ein solches Zentrum.

Das ist der neue Präsident

Professor Michael P. Manns ist seit dem 1. Januar Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Der weltweit bekannte und angesehene Leberforscher leitet seit 1991 als Direktor die Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie. Bevor er zur MHH kam arbeitete er in Berlin, San Diego und Mainz. Von 2015 bis 2018 war er außerdem Klinischer Direktor des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) Braunschweig und Gründungsdirektor des Zentrums für Individualisierte Infektionsmedizin (CIIM) Hannover. Der Fan von Hannover 96 ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Töchtern. mak

Bisher war die Idee, die Krebsbehandlung in der MHH neu anzusetzen, von internen Querelen begleitet. Langjährige Chefärzte sollen nun als Team arbeiten – das gefällt nicht jedem, oder?

Ach, das mag nach außen so gewirkt haben, wir sind intern aber weiter, als es vielleicht den Anschein hat. Es geht schließlich am Ende immer um die Qualität der Patientenversorgung und der Forschung. Das weiß jeder in der MHH. Die Zeiten, in denen der eine Kollege so und die andere ganz anders behandelt hat, sind vorbei. Die MHH ist keine Klinik, in der de facto der Pförtner darüber entscheidet, welche Behandlung ein Patient erhält.

Wenn Sie von einem Gesundheitscampus sprechen, heißt das auch, dass einem neuen Zentralklinikum am Stadtfelddamm dort weitere Gebäude folgen sollen?

So sollte es sein. Die patientennahe Forschung hat die MHH stark gemacht. Es ist sinnvoll, wenn sich unsere Forschung und die Lehre ganz in der Nähe der Patienten befinden. So sollten auch die Hörsäle nahe am oder sogar im Klinikum liegen. Und im alten Gebäude fehlt auch etwas ganz Wichtiges für uns Ärztinnen und Ärzte wie auch die Studierenden: Wir brauchen mehr Räume, in denen wir uns miteinander austauschen, kommunizieren, können.

Beim jüngsten Rennen um die Spitzenförderung der deutschen Wissenschaft im Exzellenzwettbewerb gab es für die MHH Licht und Schatten: Zwei Gruppen waren erfolgreich, die renommierte Regenerationsmedizin um Prof. Haverich aber ist ausgeschieden. Wie geht es weiter?

Zunächst einmal freuen wir uns, dass wir so hervorragend abgeschnitten haben. Mit unseren Partnern in Oldenburg und an der Leibniz Universität sowie vielen anderen Institutionen der Region sind wir stolz auf die zugesagten Förderungen. Darauf bauen wir auf. Dass wir das Exzellenzcluster „Rebirth“ verloren haben war ein gewisser Schock, das haben wir anders erwartet. Aber „Rebirth“ hätte zum dritten Mal eine Förderung erhalten, da waren die Hürden besonders hoch. Der Schwerpunkt Transplantationsmedizin, Organregeneration und Organersatz wird ein großer Schwerpunkt bleiben, mit dem die MHH international identifiziert wird. Das kann für uns nicht von der Exzellenzförderung abhängig sein. Die Forscherinnen und Forscher, die durch „Rebirth“ auf ihre Professuren kamen, sind jetzt im besten Alter, um Forschungsverbünde und somit Forschungsförderung einzuwerben, die diesen Schwerpunkt für die Zukunft sichern.

Wie begegnen Sie der Gefahr der Abwanderung?

Ganz ehrlich: Wenn unsere Professorinnen und Professoren nicht an anderen Orten gefragt wären, stimmte doch etwas nicht. Mobilität gehört zur Wissenschaft und zu akademischen Karrieren. Dies befruchtet die Wissenschaft und schafft Freiräume, um die Besten der jungen Generation nach Hannover zu berufen. Sie sollen wissen, dass ihre besten Karrierechancen in Hannover liegen, mit der Möglichkeit, durch den Klinikneubau und die Campusentwicklung an etwas ganz besonderem teilzuhaben.

Karriere ist auch vielen Ärzten heute nicht mehr so wichtig?

Das ist nicht ganz falsch. Für die heutige Generation der Nachwuchsärztinnen und -ärzte sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hat die Work-Life-Balance vielleicht eine größere Bedeutung als für frühere Generationen. Aber ich bin sicher, dass wir an der MHH stets genug exzellente Medizinerinnen und Mediziner haben werden – übrigens in sehr internationaler Zusammensetzung der Teams. Bei uns arbeiten Menschen aus 93 Nationen, also die halbe Welt. Ein Selbstlauf ist das freilich nicht.

Gemeinsam mit der Leibniz-Uni wollen Sie nun auch
eine „Exzellenz-Universität“ werden
, was noch einmal viel Fördergeld nach Hannover brächte. Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Die Begutachtung steht im März an. Das hält uns alle ziemlich in Atem. Es gibt elf Plätze und 19 Bewerbungen. Wir sind Außenseiter, aber mit gutem Mut. Aber ob die Exzellenz-Uni kommt oder nicht: Wir werden unabhängig von dieser Entscheidung an unserem Entschluss festhalten, dass Gesundheit der Schwerpunkt unserer Kooperation mit der Leibniz Universität ist.

Ein persönliche Frage: Sie gehören bisher zu den weltweit am häufigsten zitierten Wissenschaftlern. Wird Ihnen die Forschung in Ihrer neuen Rolle nicht fehlen?

Na ja. Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen, das will ich nicht ausschließen. Ich glaube aber, dass wir alle in unserem Berufsleben gewisse Stadien durchlaufen. Als ich mit 39 Jahren an die MHH kam, habe ich schwerpunktmäßig zu Autoimmunerkrankungen der Leber geforscht. An der MHH hatte ich mich mit meinen Mitarbeitern dann in die Schwerpunkte der MHH eingebracht. Ganz gezielt wurden junge Ärzte zur wissenschaftlichen Ausbildung ins Ausland und hier vor allem in die USA geschickt. Dies förderte individuelle Karrieren, und nach Rückkehr der Nachwuchskräfte wurde das wissenschaftliche Methodenspektrum der MHH erweitert. Klinikdirektorinnen und -direktoren an einer Universitätsklinik sind als Mentoren gefordert, dazu gehört es, Talente zu entdecken, zu beraten, zu lenken und zu Führungspersönlichkeiten auszubilden, zum Beispiel als Hochschulprofessoren oder Chefärzte an Krankenhäusern. Als Klinikdirektor hat mir das immer Freude bereitet, glauben Sie mir. Hoffentlich gelingt mir das auch als Präsident für die gesamte MHH.

Von Mathias Klein, Bärbel Hilbig und Hendrik Brandt

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