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Hannover Ijad Madisch: „Vor künstlicher Intelligenz habe ich keine Angst, eher vor Menschen“
Nachrichten Hannover Ijad Madisch: „Vor künstlicher Intelligenz habe ich keine Angst, eher vor Menschen“
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21:07 25.11.2019
Ijad Madisch, Mitglied des Digitalrats sowie Gründer von ResearchGate, dem Facebook der Wissenschaft, spricht in der Aula der Sophienschule. Quelle: Navid Bookani
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Hannover

Ob er sich vor künstlicher Intelligenz fürchte, fragt ein Schüler Ijad Madisch. Der 39-jährige Virologe, Gründer des Wisssenschaftsnetzwerks ResearchGate und Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung, spricht in der Aula der Sophienschule vor rund 240 Elft- und Zwölftklässlern über Digitalisierung. „Nein“, antwortet der in Wolfsburg geborene Sohn syrischer Einwanderer, der in Hannover und Harvard Medizin studiert hat.

Von menschlicher Willkür ...

Selbst dann nicht, wenn die Maschinen juristische Urteile fällen oder beim Bewerbercasting am Telefon entscheiden, ob jemand zum persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht? „Nein,“, wiederholt der Mediziner mit Superman-Basecap und roten Socken, die er über den Hosenbeinen trägt. „Eher habe ich Angst vor Menschen, wenn die Urteile fällen.“ Madisch verweist auf eine Studie, die Richter untersucht hat, ob sie Gefängnisstrafen verhängen oder nicht. Das Ergebnis: Je hungriger die Richter geworden seien, desto härter seien auch Urteile geworden. Am Morgen seien weniger Gefängnisstrafen verhängt worden als kurz vor 13 Uhr.

... und lernenden Maschinen

Handeln also Menschen willkürlicher als Maschinen? Madisch sagt: „Maschinen lernen, Menschen nicht unbedingt.“ Als ein selbstfahrendes Auto bei einem Unfall einen Menschen getötet habe, was natürlich furchtbar schlimm gewesen sei, sei die Software so programmiert worden, dass dieser Fehler nicht mehr passieren könne. Wenn Eltern ihren Kindern das Autofahren erklärten, sei es sehr wahrscheinlich, dass diese trotzdem beim Fahren die gleichen Fehler machten, die ihre Eltern schon Jahre zuvor gemacht hätten.

Ijad Madisch setzt auf Digitalisierung. Quelle: Jens Kalaene/dpa

In Zukunft werde es vor allem auf Kreativität und Menschlichkeit ankommen, sagt Madisch. Erfinder und Tüftler seien genauso gefragt wie Menschen, die andere glücklich machten. Lehrer und Schüler würden zunehmend gemeinsam lernen, der Pädagoge werde zum Coach, zum Mentor.

„Mach, worauf du Lust hast“

„Machen technische Hilfsmittel die Menschen dumm?“, will ein Schüler wissen. Unkontrollierter Handykonsum lasse tatsächlich bestimmte Regionen im Gehirn verkümmern, antwortet der Digitalexperte, das sei aber früher bei übermäßigem Fernsehgucken nicht anders gewesen. Es komme darauf an, angesichts der Informationsflut „beweglich im Kopf“ zu bleiben. „Sollen wir uns bei der Berufswahl danach richten, ob unser Job vielleicht irgendwann von Robotern übernommen werden könnte?“, fragt eine Schülerin. Madisch hat dazu eine klare Haltung: „Mach, wozu du Lust hast, richte dein Leben nicht nach äußeren Faktoren“, sagt der Mann, der beim offiziellen Fototermin des Digitalrats im Bundeskanzleramt in Shorts und roten Turnschuhen auftrat.

Fototermin des Digitalrats im Bundeskanzleramt, ganz rechts steht Ijad Madisch. Quelle: Steffen Kugler, Steffen/Bundesregierung/dpa

ResearchGate bringt Wissenschaftler zusammen

2008 hat Ijad Madisch das Wissenschaftsnetzwerk ResearchGate gegründet, seit 2010 ist er dort hauptamtlicher Geschäftsführer. Über diese Plattform nach Vorbild von Facebook tauschen sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt aus. Der 39-Jährige erzählt in der Sophienschule von einem Arzt aus Nigeria, der nicht herausfinden konnte, warum seine Patientin, ein junges Mädchen, plötzlich gestorben war. Über ResearchGate kam er in Kontakt mit einem Kollegen aus Italien, dem schickte er eine Blutprobe des Mädchens. Der entdeckte, dass die junge Patientin an einem Pilz gestorben war, der bislang nur Pflanzen und noch nie einen Menschen befallen hatte.

„Wer prüft die Forschungsergebnisse, die Wissenschaftler bei ResearchGate veröffentlichen, auf Plausibilität?“, erkundigt sich eine andere Schülerin. „Die Gemeinschaft der Forscher selbst“, sagt Madisch. „Wissen wir irgendwann so viel, dass wir gar nicht mehr zur Schule gehen müssen“, fragt ein Mädchen. „Kann sein“, sagt der Virologe, „aber vielleicht geht man dann wegen der sozialen Beziehungen zur Schule.“

Ijad Madisch tritt sonst eigentlich nicht in Schulen auf. Bislang hat er zuvor nur in seiner eigenen Schule, an der im Jahr 2000 das Abitur abgelegt hat, am Ernestinum in Celle, einen Vortrag gehalten. Die Diskussion in der Sophienschule hat ihm soviel Spaß gemacht, dass er überlegt, jetzt häufiger mit Schülern ins Gespräch zu kommen.

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