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Hannover Wieder Streit um Straßenumbenennung: Anwohner wollen Marahrensweg behalten
Nachrichten Hannover Wieder Streit um Straßenumbenennung: Anwohner wollen Marahrensweg behalten
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18:54 24.11.2019
Der Marahrensweg ist nach dem früheren evangelisch-lutherischen Landesbischof August Marahrens benannt. Quelle: Michael Zgoll
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Döhren-Wülfel

Rund 100 Zuhörer kamen vergangenen Donnerstag ins Freizeitheim Döhren, um an der vom Bezirksrat Döhren-Wülfel initiierten Anhörung zur Umbenennung von zwei Straßen teilzuhaben: dem Marahrensweg in Wülfel und dem Pontenhof in Seelhorst. Der Lautstärke der Beifallsbekundungen zufolge, die Bezirksbürgermeisterin Antje Kellner mehrmals vergeblich zu unterbinden suchte, waren die Gegner einer Umbenennung in der Mehrheit.Die Empfehlung des wissenschaftlichen Beirats der Stadt zu einer Änderung der zwei Straßennamen begründeten der ehemalige Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann und der frühere Leiter des hannoverschen Stadtarchivs, Karljosef Kreter. Eine Entscheidung des Bezirksrats über eine Umbenennung, darauf wies die Bürgermeisterin hin, stand an diesem Tag aber nicht an. Bislang hat noch keine Fraktion einen derartigen Antrag eingebracht.

„Aktive Duldung der Nazis“

Im Mittelpunkt der Debatte stand August Marahrens (1875-1950), der von 1925 bis 1947 Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover war. „Es sind alle seine Bischofsbriefe überliefert, in keinem hat er die Mörderei der Nazis thematisiert“, erklärte Heinemann. Immer wieder äußerte Marahrens Verständnis für „meinen Führer“ und hatte 1943 sogar in einem Brief an einen NS-Minister geschrieben: „Die Rassenfrage ist als völkisch-politische Frage durch die verantwortliche politische Führung zu lösen. Sie allein hat das Recht, die notwendigen Maßnahmen zur Reinerhaltung des deutschen Blutes und zur Stärkung der völkischen Kraft zu treffen.“ Wie Heinemann sagte, habe er sich im Beirat intensiv bemüht, Verständnis für Marahrens zu finden, doch letztlich habe sich der Landesbischof einer „aktiven Duldung“ der Nationalsozialisten schuldig gemacht und tauge nicht als Vorbild: „Es gibt Situationen, da darf man nicht schweigen, sondern muss eingreifen.“

Wie Daniela Koeppler, Pastorin der Wülfeler Matthäikirchengemeinde, erklärte, habe Marahrens selbst nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes die Chance zu einer Distanzierung vertan, weil er im Oktober 1945 die Stuttgarter Schulderklärung des Rates der evangelischen Kirche nicht unterzeichnete. Erst auf Drängen mehrerer Bischöfe trat Marahrens im April 1947 von seinem Amt zurück.

„Keine braun befleckte Unperson“

Demgegenüber argumentierte die CDU-Fraktionschefin Gabriele Jakob, man dürfe „sich nicht anmaßen, über Marahrens zu richten“. Immerhin sei er nicht Mitglied der NSDAP und generell sei es damals eine „schreckliche Zeit“ gewesen, in der der Einzelne großen persönlichen Risiken ausgesetzt gewesen sei. Nach Ansicht von Christian Stichternath, Sprecher der Anwohnerinitiative Marahrensweg, war der Landesbischof keine „braun befleckte Unperson“. Sein Wirken im Dritten Reich werde nicht von allen Historikern gleichbleibend kritisch gesehen, und nicht ohne Grund gebe es im hannoverschen Annastift ein Marahrenshaus. Die Initiative spricht sich für eine Beibehaltung des Straßennamens und für erläuternde Hinweise auf Legendenschildern aus.

Der Pontenhof ist nach dem 1940 gestorbenen Schriftsteller Josef Ponten benannt. Quelle: Michael Zgoll

Auch über den Schriftsteller Josef Ponten (1883-1940) wurde im Freizeitheim kontrovers diskutiert. Der gelernte Kunsthistoriker sei 1936 von den Nationalsozialisten angefeindet worden, weil er Juden unterstützt habe, argumentierte Volker Grefe, Sprecher der Anwohnerinitiative Pontenhof. Eine aktive Mitwirkung an dem Unrechtssystem sei dem Autor nicht nachzuweisen, er sei nur Mitläufer gewesen. „Wir müssen mit unserer Geschichte leben“, sagte Grefe, und darum plädiere er für eine Beibehaltung des Straßennamens und das Anbringen eines informativen Schilds.

Demgegenüber wies Karljosef Kreter, Leiter der städtischen Abteilung Erinnerungskultur, darauf hin, dass Ponten 1933 gemeinsam mit 87 anderen Schriftstellern Adolf Hitler „treueste Gefolgschaft“ versprochen habe. Er habe beim Völkischen Beobachter mitgearbeitet und sich hämisch über Künstler geäußert, die im KZ gelandet waren. Als damaliger Bestsellerautor, so Kreter, habe Ponten bezüglich seiner Äußerungen eine besondere Verantwortung gehabt: „Aber vor dieser Verantwortung hat er versagt.“ All das erkläre, dass der wissenschaftliche Beirat Ponten ebenso wenig wie Marahrens für eine Persönlichkeit ansehe, die in Hannover mit einem Straßennamen geehrt werden sollte.

Kommentar: Eine Umbenennung ist geboten

Etliche Anwohner aus Marahrensweg und Pontenhof machen mobil. Sie wollen verhindern, dass ihre Straßen umbenannt werden. Insbesondere die Initiative aus Wülfel schießt schon seit Monaten aus allen Rohren und feindet die Empfehlung des vom Rat eingesetzten Beirats an. In der jüngsten Bezirksratssitzung prallten die verschiedenen Positionen aufeinander, und erwartungsgemäß wurde keine Annäherung sichtbar.

Vornehmlich die Anwohnerinitiative Marahrensweg muss sich allerdings die Frage gefallen lassen, für wen sie sich eigentlich verkämpft. Denn selbst wenn man den fundierten Ausführungen des ehemaligen Stadtsuperintendenten Heinemann, des ehemaligen Stadtarchivleiters Kreter oder der Pastorin Koeppler über das hochproblematische Wirken des zwischen 1925 und 1947 als Landesbischof tätigen Geistlichen nicht folgt – wie argumentieren die Gegner einer Umbenennung? Seine unerträgliche Anbiederung an die Nazis sei taktisch begründet gewesen, um Schlimmeres zu verhindern, heißt es da. Marahrens sei – ebenso wie Ponten – doch eher Mitläufer gewesen als treibende Kraft. Und dass er dem Holocaust nichts entgegengesetzt habe, dürfe man nicht überbewerten.

Doch dieses „nicht ganz so schlimm“ reicht nicht aus. Es geht an dieser Stelle nicht darum, ob man am Stammtisch oder im Seminarraum unterschiedliche Positionen zu August Marahrens austauscht, sondern es geht um eine Ehrung per Straßennamen – ob nun mit oder ohne Legendenschild. Keiner, auch niemand von der Anwohnerinitiative, behauptet, der Bischof habe sich aktiv gegen das Nazi-Regime gewendet, niemand sagt, er tauge als Vorbild für Humanität und Menschlichkeit in überaus schwierigen Zeiten oder er sei als unnachgiebiger Verfechter christlicher Nächstenliebe in Erscheinung getreten.

Dass die Anwohner von Marahrensweg und Pontenhof nicht begeistert wären, sollten sie ihre Adressen ändern müssen, ist verständlich. Und doch verstört es, mit wie viel Einsatz Bürger dafür kämpfen, weiter den Namen eines NS-Sympathisanten auf ihrer Visitenkarte tragen zu dürfen. Gerade in der aktuellen politischen Situation, wo Antisemitismus und Rassismus in unerträglicher Weise ausufern, wäre es vonseiten der Bürger ein gutes Zeichen, die Nibelungentreue zu einem höchst umstrittenen Landesbischof und einem nicht als Vorbild taugenden Schriftsteller aufzugeben. Und der Bezirksrat sollte den Mut aufbringen, eine Umbenennung der Straßen schnellstmöglich auf den Weg zu bringen – die Argumente sind ja nun ausgetauscht.

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