Stühle hoch statt Kneipe voll: Bildband von Michael Wallmüller zeigt Porträts der Leere
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Hannover Stühle hoch statt Kneipe voll: Bildband „Still“ von Michael Wallmüller zeigt Porträts der Leere
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Stühle hoch statt Kneipe voll: Bildband von Michael Wallmüller zeigt Porträts der Leere

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20:00 03.04.2021
„Leblose, triste Hülle“: Tony Nobile im Jack the Ripper’s.
„Leblose, triste Hülle“: Tony Nobile im Jack the Ripper’s. Quelle: Michael Wallmüller
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Eigentlich sind es klassische Arbeitsporträts: Menschen posieren in ihrer beruflichen Umgebung, zu der sie in einer sichtbaren Beziehung stehen, alles ist dezent aber sorgfältig ausgeleuchtet, was eine unterschwellige Dramatik erzeugt. In die Blicke kann man vieles interpretieren. Das ist auch beim Fotografen Michael Wallmüller so, der für seinen Bildband „Still“ genau diese Porträtform gewählt hat. Allerdings: Wenn man den Hintergrund kennt, tut man sich mit dem Begriff „Arbeitsporträt“ schwer. Denn der Hintergrund ist die Corona-Krise, seine Porträtierten sind Betreiber von Kneipen, Restaurants, Theatern, Schwimmbädern oder Kinos. Sie haben mehr oder weniger seit einem Jahr keine Arbeit. Denn sie dürfen ihrem Beruf nicht nachgehen, nicht öffnen, keine Gäste empfangen. In ihren Läden ist es still. Stühle hoch, Vorgang zu.

Ein Ratespiel, das man nie spielen wollte

In den Blicken der Männer und Frauen kann man viel lesen: Resignation, Traurigkeit, Stolz, Trotz, Wut. Allen ist gemeinsam: Sie gucken in die Röhre. Und zwar von ganz hinten in der Warteschlange, die für Öffnung und Weitermachen in der Pandemie ansteht. Wer die Menschen sind, erfährt man beim Durchblättern nicht, es sei denn, man kennt sie, weil man mal bei ihnen Gast war, Stammgast vielleicht sogar. Erst hinten im Buch werden Orte und Protagonisten genannt, so kann man ein Leere-Räume-Ratespiel draus machen, das man so nie spielen wollte.

Wallmüller, der an der Hochschule Hannover Fotografie studiert hat und als freier Fotograf arbeitet, hat vielen Porträtierten ein Zitat zur Seite gestellt, „Ohne unsere Gäste ist das Jack the Ripper’s nur eine leblose, triste Hülle“, sagt Tony Nobile vom Pub in der Innenstadt, Wallmüllers Foto zeigt ihn in dem verlassenen Gewölbekeller auf einer Treppe hockend. Erst jetzt weiß ich, was es bedeutet, Gäste um sich zu haben und bewirten zu dürfen“, sagt Roula Tzolou vom griechischen Restaurant Nikopolis in der Lister Husarenstraße. Das Theaterpaar Laura und Harald Schandry sitzt im Alten Magazin an der Kestnerstraße und hat eine andere Assoziation: „Vier Wände, ein Boden, ein Dach, 1984 bis 2020 ca. 675.000 Zuschauer, Fenster und Türen, zwei Wühlmäuse, weit und breit kein Mensch. Wer wünscht sich denn sowas? Physiker und Tiermediziner.“

Sie wollen, aber dürfen nicht

Wallmüller, der das Buch mittels Crowdfunding finanziert hat, beleuchtet ganz unterschiedliche Berufsgruppen, vom Konzertveranstalter bis zum Saunameister, vom Koch bis zum Schausteller. Der Grundtenor eint sie alle: Wir wollen, aber dürfen nicht. Wir sind wichtig, bekommen aber gerade das Gegenteil vermittelt.

Es ist eigentlich ein ganz trauriges Buch, aber ein wichtiges Zeitdokument – und jetzt schon ein Stück Stadtgeschichte.

„Still“ mit 66 Bildern und einem Begleittext von Stefan Gohlisch kostet 25 Euro und ist derzeit über michaelwallmueller.com und bei ausgewählten Läden aus dem Buch per Abholung erhältlich.

Von Uwe Janssen