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Hannover Südlink: Der Widerstand erwacht
Nachrichten Hannover Südlink: Der Widerstand erwacht
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00:15 16.03.2019
Holzkreuze gegen Erdkabel: Angela Fobianke und Joachim Wieding von der „Bürgerinitiative Garbsen gegen Südlink“ wollen die unterirdische Stromautobahn verhindern. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Ungefähr da, wo jetzt Landwirt Joachim Wieding und seine Mitstreiterin Angela Fobianke stehen, auf einem von Regen feuchten Feldweg, soll bald mächtig Strom Richtung Süden fließen. Nicht obenrum durch hässliche Masten mit Hochspannungsleitungen, sondern knapp zwei Meter tief im Erdboden. Das Unternehmen Tennet will eine mehr als 700 Kilometer lange Trasse im Boden verlegen, um Windstrom von Schleswig-Holstein nonstop nach Bayern zu schicken.

Ein Stückchen davon läuft diesen Plänen zufolge quer durch Äcker im ländlichen Horst, praktisch unter den Sohlen von Wieding und Fobianke. Die örtliche Bürgerinitiative schlug inzwischen etliche rote Holzkreuze dort auf, wo dieser sogenannte Südlink im Erdreich verbuddelt werden soll. Die Absicht dieses Protestes ist es, der Vorstellungskraft auf die Sprünge zu helfen und unsichtbaren Schrecken sichtbar zu machen.

Garbsen ist wieder im Spiel, zum Leidwesen der Stadt und vieler Bürger. „Lange waren wir in Sicherheit, weil wir dachten, Tennet würde die angekündigte Trasse östlich von Hannover bauen“, erzählt Joachim Wieding in seinem nahen Bioladen. Eine Bürgerinitiative hatte sich schon vor einigen Jahren zusammen gefunden. Damals waren für den Stromtransport riesige Masten geplant, die bundesweit jedoch als Landschaftsverschandelung empfunden wurden. Neuere Pläne von Tennet verlegten Leitungen deshalb unter die Erde, zunächst im Osten Hannovers.

Bürger fürchteten Überraschung

Doch schon damals ahnten einige in der Garbsener Bürgerinitiative, dass noch eine Überraschung bevorstehen könnte. Sie sollten recht behalten. Als Tennet, deutsches Tochterunternehmen seiner niederländischen Muttergesellschaft, im Februar die nun vorerst allerletzte Trassenführung vorstellte, war das Erstaunen groß. Hannovers Osten war raus, St. Florian wandte sich nach Westen. Nun sind Flächen in Städten wie Garbsen, Seelze, Ronnenberg, Gehrden, Wennigsen und Springe von der Stromautobahn betroffen.

Der Netzbetreiber Tennet will die Stromautobahn Südlink durch den westlichen Teil der Region Hannover führen. Das Erdkabel soll von Neustadt über Garbsen, Seelze, Gehrden, Ronnenberg und Wennigsen bis Springe führen. Quelle: dpa

Die Südlink-Gegner in Garbsen haben sich schnell wieder organisiert und Material gesammelt gegen die Trasse. Öko-Landwirt Joachim Wieding glaubt nicht, dass er sein Land uneingeschränkt beackern kann wie bisher, wenn massiv in den Boden eingegriffen wird. Kabel, die auf Beton lagern: Wieding fürchtet, dass Pflanzen und Wurzeln absterben, und er fürchtet um den Wasserspiegel. „Bei Trockenheit wird der Boden über der Trasse versteppen, wir erwarten ein breites braunes Brand, eine Wunde in der Landschaft.“ Tennet gibt an, dass die Kabel unter einem rund 30 Meter breiten sogenannten Schutzstreifen liegen werden.

Die Pläne von Tennet lesen Sie hier

Südlink nützt nur ein paar Leuten“

Ein Grund, weshalb sich Angela Fobianke um die Naherholung in Garbsens Feldern und Wäldern sorgt. Und nicht immer ist zu belegen, was Ängste macht. „Ich habe das Gefühl“, sagt sie, „dass dieser Ausstoß von Strom keine guten Auswirkungen auf die Umgebung hat.“ Ohnehin hält sie den Südlink für ein sinnloses und überholtes „Milliardengrab“. Aus ihrer Sicht wäre es vernünftiger, nicht eine Hauptschlagader durch die Republik zu bauen, sondern Strom dezentral zu erzeugen. Viele lokale Netze mit Speichermöglichkeiten und Power-to-gas-Anlagen, die Ökostrom in Wasserstoff umwandeln, das ist ihre Vorstellung einer echten Energiewende. „Aber dieser Südlink nutzt nur denjenigen, die ihn bauen und ein paar Leuten, die ihre Grundstücke verkaufen können.“

Ohnehin herrscht bei etlichen Bauern der Eindruck vor, dass Tennet auf bäuerlichen Flächen günstig Geld verdienen will. „Die Landwirte sind aufgewühlt, weil sie die ganze Zeit lang nicht berücksichtigt wurden“, sagt Holger Hennies, Vorsitzender des hannoverschen Landvolk-Verbandes. Dort fürchtet man massive Auswirkungen durch Erdkabel. So habe ein Gutachten ergeben, dass auf Flächen, unter denen Versorgungsleitungen verliefen, Ernteerträge um 30 Prozent sinken könnten. Da die unterirdischen Kabel Böden außerdem um ein bis zwei Grad erwärmten, fürchten Landwirte, dass sich Schädlinge und Bakterien ungehinderter verbreiten als bei kühleren Temperaturen.

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Am Dienstagabend trafen sich Hennies zufolge rund 170 Landwirte in Garbsen-Osterwald und verabschiedeten eine Resolution zum Südlink. Sie stellen sich nicht grundsätzlich gegen das Projekt, haben aber eine Reihe von Bedingungen in ihr Papier geschrieben. Die Bauern fordern, dass landwirtschaftliche Flächen beim Trassenbau „größtmöglich geschont“ werden müssen. Sollten Schäden entstehen, seien Bauern auf Dauer von der Beweislast freizustellen. Zudem dürfe es nach dem Leitungsbau keine Anbaubeschränkungen für landwirtschaftliche Kulturen geben. Außerdem wollen die Landwirte verhindern, dass sie Flächen für Naturschutz hergeben müssen.

Bauern fordern zehn Euro pro Quadratmeter

Und dann gibt es noch die Forderung nach finanziellem Ausgleich. Vorsitzender Hennies sagt: „Wir wollen für unser Kapital eine angemessene und dauerhafte Vergütung.“ Aus Sicht der Landwirte bedeutet das: Für jeden laufenden Meter landwirtschaftlicher Fläche, den Tennet für die Trasse in Anspruch nimmt, soll der jeweilige Eigentümer zehn Euro bekommen, jedes Jahr. Eine Summe, die der Forderung nach „unbefristetem Schadenersatz für Aufwuchsschäden“ und „wiederkehrender Akzeptanzzahlung für die Nutzung privaten Eigentums durch eine private Firma“ entspricht, wie es in der Resolution heißt. Das Nutzungsrecht für Tennet soll außerdem auf zunächst 30 Jahre befristet werden, um dann neu zu verhandeln.

In Seelze hofft unterdessen Hans-Ulrich Witt, dass auch die örtliche Initiative in Gümmer und Lohnde wieder aufwacht. Sehr ruhig sei es geworden, nachdem angeblich die Osttrasse gebaut werden sollte. Doch wenn Tennet demnächst Pläne in Gümmers Mehrzweckhalle vorstellt, oder, wie Witt es formuliert, „die holländische Gangsterbande ihren Lügenteppich ausbreitet“, könnte aus Witts Sicht der Widerstand wachsen. „Man kennt sich, man ruft sich an“, wie das eben so gehe. Eine Initiative allein könne nichts bewegen, „ganz viele aber schon“.

Von Gunnar Menkens

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