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Hannover Hannovers einzige Haupt- und Realschule wird 70
Nachrichten Hannover Hannovers einzige Haupt- und Realschule wird 70
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00:22 07.06.2019
Hannover könnte gut noch eine Haupt- oder Oberschule gebrauchen: Christian Reichenstorfer, Leiter der Südstadtschule, wirbt für Vielfalt. Quelle: Foto: Clemens Heidrich
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Hannover

 Was vor 70 Jahren aus einer Elterninitiative mit Herz für Reformpädagogik entstanden ist, ist heute Hannovers einzige Haupt- und Realschule: Die Südstadtschule feiert ihren 70. Geburtstag. Bange um die Zukunft ist Schulleiter Christian Reichenstorfer aber überhaupt nicht: „Wir haben unsere Nische gefunden“, sagt der 44-Jährige. Die Anmeldezahlen stimmen. Gerade in den oberen Jahrgängen sind die Klassen voll. Ab dem nächsten Schuljahr wird die eigentlich zweizügige Schule (eine Haupt- und eine Realschulklasse pro Jahrgang) sogar noch eine weitere Klasse einrichten.

Plätze in der Sek-I fehlen

Die Stadt muss dringend Schüler an den Sekundarstufe-I-Schulen unterbringen. Denn die Gesamt-, Ober-, Haupt- und Realschulen können kaum noch Schüler in den Jahrgängen 6 bis 8 aufnehmen. Sie sind voll. Die Gymnasien, in Klasse 5 hoffnungslos überbucht, verlieren dagegen in den höheren Jahrgängen zusehends Schüler. Allein 300 Jungen und Mädchen werden Ende des Schuljahres die Gymnasien verlassen müssen. Doch wo sollen sie unterkommen?

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Reichenstorfer hält nicht viel von ideologischen Grabenkämpfen. Er wirbt für Vielfalt in der Schullandschaft. „Es kann für jeden Schüler die passende Schule geben. Für den einen ist es die große Gesamtschule, der fühlt sich eingeengt in kleinen Systemen, ein anderer braucht genau das.“ Hannover könnte aber gut noch eine weitere Ober- oder Hauptschule gebrauchen, meint er. Die Südstadtschule ist klein und familiär: In der Grundschule gibt es drei Klassen pro Jahrgang, ab Klasse 5 ist die Schule dann zweizügig.

Peter Petersen und seine Pädagogik

Peter Petersen (1884–1952) war ein deutscher Reformpädagoge und Begründer der sogenannten Jenaplan-Idee. Er war klarer Gegner des Frontalunterrichts. Wegen seiner Veröffentlichungen während der NS-Zeit, in denen er auch rassistische Thesen vertrat, geriet er um 2010 in Verruf. Schulen und Plätze, die seinen Namen trugen, wurden vielfach umbenannt. Als Pädagoge tritt Petersen für fächerübergreifenden Kernunterricht, freie Arbeit und jahrgangsübergreifende Lerngruppen ein. Die Schüler sollen selbstständig und in Projekten sowie statt im 45-Minuten-Takt mit Wochenplänen lernen. Anstelle von Noten gibt es Lernentwicklungsberichte. dö

An den Altenbekener Damm

Ursprünglich hieß sie Jenaplan-Schule und bestand bei ihrer Gründung 1949 zunächst aus zwei Klassen mit insgesamt 74 Schülern und zwei Lehrern. Sie war in der Pädagogischen Hochschule untergebracht und wurde als Schulversuch eng von den Professoren und Dozenten begleitet.

1959 zog die Schule, inzwischen auch Volksschule, an den Altenbekener Damm. Damals gab es sechs Jenaplan- und zwölf Volksschulklassen. 1961 zog die Schule in ein neues Gebäude an der Böhmerstraße und hieß fortan Peter-Petersen-Schule.

Peter Petersen hat die Jenaplan-Pädagogik erfunden. Bis heute finden sich davon Elemente im Schulleben: der Morgenkreis, gemeinsame Feste, ein eigener Bereich für die Schulanfänger, freie Beschäftigung (in der Stunde könne die Erst- und Zweitklässler selbst entschieden, was sie machen möchten, ob Verstecken im Schulgarten oder Fußballspielen auf dem Hof).

Musik spiele an der Südstadtschule eine große Rolle, sagt der heutige Schulleiter Reichenstorfer. Die Schule mit 55 Lehrkräften ist „musikalische Grundschule“, es gibt einen Chor, die Kinder können Instrumente lernen. In der weiterführenden Schule ist Berufsorientierung einer der Schwerpunkte. Die Südstadtschule nimmt als „Festplatzschule“ auch Kinder von Schaustellern oder anderen beruflich Reisenden zwischenzeitlich auf. Auch der Inklusion hat sie sich verschrieben, zurzeit haben 33 der 486 Kinder einen Förderbedarf. Die Haupt- und Realschüler werden in der Regel getrennt, in Sport und Wahlpflichtkursen aber immer, in Musik und Werken manchmal gemeinsam unterrichtet.

Raumnot in den Siebzigerjahren

1967 kam der Realschulzweig dazu. Die Schule wuchs und wuchs, musste 1972 (720 Schüler, 25 Lehrer) sogar in die benachbarte Athanasiuskirche ausweichen, weil Räume fehlten. 1974 wurde der neue Anbau fertig. Bis 1984 war Hildegard Sattler Schulleiterin, sie hatte die Schule schon 1949 mit aus der Taufe gehoben. 1997 wurde Dieter Thren Schulleiter, 2008 Ursula Schmidt-Lamontain. Ihr Nachfolger wurde 2016 Christian Reichenstorfer.

Aus PPS wird Südstadtschule

Als vor gut neun Jahren bekannt wurde, dass Peter Petersen im Dritten Reich eine unrühmliche Rolle gespielt hatte und große Nähe zu den rassistischen Lehren der Nationalsozialisten hatte, änderte die Schule nach längeren Diskussionen im Bezirksrat ihren Namen in Südstadtschule. Die Initialen PPS standen bei der Schulgemeinschaft schon damals nicht mehr für den Namensgeber, sondern für das pädagogische Motto „persönlich, partnerschaftlich, sozial“.

Von Saskia Döhner