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Hannover Warum es Behinderte auf dem Arbeitsmarkt immer noch schwer haben
Nachrichten Hannover Warum es Behinderte auf dem Arbeitsmarkt immer noch schwer haben
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12:02 03.12.2019
Michael Lampe schleift Schlüssel und ist glücklich, dass er das beruflich machen darf. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Das Ladenlokal vom Schlüsseldienst Südstadt an der Marienstraße hat eine Fläche von etwa 100 Quadratmetern, aber das sieht man auf den ersten Blick nicht. Es ist mit Stellwänden unterteilt. Hinten befinden sich die Werkstatt mit Schleifmaschine, hängen unzählige Schlüsselrohlinge an der Wand, stehen Schuber und Kästen mit Zubehör. Auch ein Tresor nimmt seinen Platz ein. Im vorderen Teil befindet sich der Verkaufsraum, in dem Michael Lampe gerade eine Kundin bedient. So weit, so normal.

Was man dem freundlichen und zugewandten Mann vom Schlüsseldienst nicht ansieht: Er ist zu 50 Prozent schwerbehindert. „Ich habe seit meiner Kindheit eine Wirbelsäulenverkrümmung“, berichtet er. Damit ist der 49-jährige Lampe einer von rund 3500 Klienten mit Schwerbehinderung oder Rehabilitationsphase nach Erkrankung, die das Jobcenter der Region über ein spezielles Beratungs- und Integrationscenter (BIC) begleitet. Es liegt ebenfalls in der Südstadt, an der Lützeroder Straße 11.

Chef und Mitarbeiter: Wolfgang Rößler (links) und Michael Lampe an der Schleifmaschine. Quelle: Moritz Frankenberg

„Schwerbehinderte benötigen eine sehr individuelle Betreuung, es gibt kein Schema. Und leider bekommen nicht alle so reibungslos einen Arbeitsplatz wie Michael Lampe“, sagt Melanie Hoffmann, Teamleiterin im BIC. Der Grund liege nicht nur bei den Bewerbern.

Drei Vorurteile als Einstellungshemmnis

„Bei den Arbeitgebern sind drei Vorurteile verbreitet: Behinderte sind unkündbar, haben höhere Ausfallzeiten und verursachen Mehrkosten“, berichtet Hoffmann. Die ersten beiden Punkte träfen schlichtweg nicht zu. Beim Kündigungsschutz verweist sie auf die Rechtslage, bei den Ausfallzeiten auf entsprechende Statistiken. „Bei Umbauten kommt es auf den Einzelfall an. Arbeitgeber können sie sich finanziell fördern lassen“, sagt die Expertin.

Hoffmann kommt auf ein Thema, das häufig in Zusammenhang mit Schulen diskutiert wird und nicht so oft betreffs Arbeitsmarkt: „Die Bereitschaft zur Inklusion ist ausbaufähig“. Sie berichtet von einer Klientin, die zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen ist. Die Frau hat zwei Studienabschlüsse, arbeitet als Modedesignerin und hat immerhin ein bezahltes Praktikum bei der Londoner Stilikone Vivienne Westwood vorzuweisen. In England und auch in Frankreich sei das kein Problem für Arbeitgeber gewesen, hierzulande hingegen bekomme sie bei der Jobsuche bisher keine Chance. „Andere Länder sind bei der Inklusion weiter“, folgert Hoffmann.

Persönliche Kontakte helfen

Michael Lampe dient als Gegenbeispiel, was zugegebenermaßen auch an glücklichen Begleitumständen liegt. Er wohnt in der Südstadt, er und sein neuer Arbeitgeber Wolfgang Rößler kannten sich – womit wieder einmal eine Erfahrung von Jobcenter und Arbeitsagentur bestätigt wurde, wonach persönliche Kontakte der beste Arbeitsvermittler sind.

Eigentlich hat Lampe einmal Groß- und Außenhandelskaufmann gelernt. Als alleinerziehender Vater legte er eine Familienpause ein und begann danach als Auslieferungsfahrer bei einem Partyservice. „Ich wollte immer arbeiten“, sagt er, und die von Arbeitgebern gern geforderte Flexibilität bringt er mit. „Er ist verlässlich und pünktlich“, sagt Rößler.

Ein Arbeitsplatz mit Perspektive

Das Jobcenter hat zwei Qualifizierungskurse für Lampe bezahlt; einen für professionelle Türöffnung, wenn irgendwo ein Schloss klemmt, und einen weiteren für das Programmieren elektrischer Schließanlagen, was ebenfalls zum Geschäftsrepertoire gehört. Jetzt ist Lampe entweder im Außendienst unterwegs, schleift in der Werkstatt Schlüssel nach oder berät am Verkaufstresen.

Er wird das wohl dauerhaft tun. „Ich will mich 2022 oder 2023 zurückziehen“, sagt der 66-jährige Rößler, dessen Vater das Geschäft in der Südstadt 1972 gegründet hat. Die Idee ist, dass sein Sohn Daniel übernimmt – gemeinsam mit Lampe.

Das Beratungs- und Integrationscenter (BIC) des Jobcenters der Region befindet sich an der Lützeroder Straße 11 in Hannover. Es ist telefonisch unter (0511) 6 55 90 und per E-Mail unter der nicht zu kurz geratenen Adresse Jobcenter-Region-Hannover.BIC-Reha-SB@jobcenter-ge.de erreichbar. Es unterstützt und vermittelt nicht nur Menschen mit Schwerbehinderung, sondern erteilt auch Auskünfte etwa über Qualifizierungs- und finanzielle Förderprogramme. Das gilt auch für Arbeitgeber.

Von Bernd Haase

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