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Hannover Warum verlässt der MHH-Präsident Hannover?
Nachrichten Hannover Warum verlässt der MHH-Präsident Hannover?
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16:08 06.11.2019
Prof. Dr. Christopher Baum. Quelle: Samantha Franson
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Hannover,

Es war dieses ganze Brimborium. Musik. Festvortrag. Sogar Ministerpräsident Stephan Weil sollte etwas sagen. Und wofür? Für eine simple Umbenennung. Viele Mitarbeiter und etliche Professoren zogen die Augenbrauen hoch, als das Präsidium der Medizinischen Hochschule Hannover zu einer akademischen Feier einlud, bei der eigentlich nur ein Namenswechsel zu verkünden war: Aus dem Onkologischen Zentrum der MHH wurde das „Claudia von Schilling-Zentrum für universitäre Krebsmedizin“. Auf den Fluren und in den Teeküchen der MHH gab es ein großes Raunen, denn manch einer hatte den Verdacht, der ganze Aufwand diene nur dazu, eine Person übergroß herauszustreichen: die Ärztliche Leiterin des Zentrums, Prof. Dr. med. Anke Franzke. Sie ist die Frau von Christopher Baum, dem Präsidenten der MHH. Dieser unterschrieb als Präsident zwar die Einladungen, hatte aber mit der Planung der Feier oder der Einladung des Ministerpräsidenten selber in Wirklichkeit nichts zu tun.

Das war im Frühjahr 2017. Inzwischen ist etwas Merkwürdiges passiert: Baum, ein anerkannter Wissenschaftler, wurde im Dezember 2017 vom Senat der MHH als Präsident wiedergewählt, die Amtszeit sollte 2019 beginnen. „Das Vertrauen des Senats erfreut mich außerordentlich“, ließ er nach der Wahl mitteilen. Der MHH böten sich in den kommenden Jahren große Chancen. „Dank der gemeinsam gestärkten Basis können wir unsere wichtigen Aufgaben in Forschung, Lehre und Krankenversorgung guter Dinge angehen.“ Das klang nach Aufbruch.

Ein rätselhafter Rückzieher

Dann aber verzichtete Baum Anfang 2018 plötzlich auf eine zweite Amtszeit, bemerkenswerterweise nach einem Gespräch bei Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU). Stattdessen zieht er demnächst in den Vorstand der Universität Lübeck ein, eine Bewerbung in Jena war zwischenzeitlich gescheitert. Auch Kontakte in den Süden der Republik haben sich offenbar zerschlagen.

Wie kam es zu dem plötzlichen Sinneswandel?

Man kann wohl sagen, dass der Präsident und seine Frau nicht nur die Führungsebene der MHH, sondern auch den zuständigen Ausschuss des Landtages über einen längeren Zeitraum auf Trab gehalten haben. Und immer ging es um die Frage: Hat Baum, der Präsident und Ehemann, die beiden Rollen stets so voneinander getrennt, wie er sollte? Die Feier – an der Stephan Weil dann doch nicht teilnahm – war so etwas wie ein Kristallisationspunkt dieser Debatte.

Christopher Baum, Jahrgang 1962, stammt aus Marburg, hat sich mit Molekularer Medizin und Stammzellbiologie beschäftigt und wurde unter anderem für seine Tumor-Forschungen ausgezeichnet. Er kam im Jahr 2000 an die MHH und war Forschungsdekan, als man ihn zum Präsidenten kürte. Im April 2013 trat er das Amt an, sein Vorgänger Dieter Bitter-Suermann attestierte ihm „eine Fülle von notwendigem Rüstzeug und Talenten für das Präsidentenamt“.

Tatsächlich gilt beispielsweise die Haushaltskonsolidierung der MHH als ein Verdienst von Baum und seinem Team. Und es gibt auch zahlreiche wissenschaftliche Erfolge – erst vor wenigen Wochen etwa sind zwei Projekte der Medizinischen Hochschule zu „Exzellenzclustern“ erklärt worden; die MHH kann sich gemeinsam nun mit der Leibniz-Uni Hannover mit guten Chancen sogar als Exzellenzverbund bewerben. Das sichert Chancen und Geld auf Jahre hinaus. Baum hat all dies nach Kräften befördert und unterstützt. Getrübt wird das Bild von den Baudesastern um das unzureichend geplante und lange leerstehende Laborgebäude der MHH und die Verteuerung der Hochschulapotheke. Und eben davon, wie Baum mit der Karriere seiner Frau umgegangen ist.

Eine wütende E-Mail

2014 war Anke Franzke, Oberärztin der Klinik für Hämatologie der MHH, Baums Lebensgefährtin geworden, später seine zweite Ehefrau. 2017, als das MHH-Präsidium zur akademischen Feier zur Umbenennung des Onkologischen Zentrums mit Musik und Festrede einlud, schickte Peter Hillemanns, seines Zeichens Direktor der Frauenklinik der MHH, eine wütende E-Mail an Baum. Er sprach darin von einem „realen/massiven Interessenskonflikt, wenn Du Deine präsidiale Macht und Einfluss benützt, um Strukturen und Positionen für den Benefit Deiner Frau zu etablieren.“

Hillemanns beschwerte sich damals, wie sich aus dem Kontext der Mail ergibt, über eine Art Überhöhung von Anke Franzke durch die Feier. Was er nicht meinte, war, dass Baum seine Frau auf ihre Stelle gehievt hätte. Dafür hätte es auch keinen Beleg gegeben: Baum war persönlich nicht daran beteiligt, Anke Franzke zur Leiterin des Onkologischen Zentrums zu machen.

Peter Hillemanns hatte seine Mail aber nicht nur an Baum, sondern auch an einen relativ großen Verteiler geschickt, und im November 2017 landete das Schreiben bei den hannoverschen Medien. Die MHH dementierte die folgenden Berichte: Es existiere keine Protektion. Hillemanns gab eine hochnotpeinliche Erklärung ab, er habe sich damals falsch erinnert und einiges falsch verstanden, außerdem habe er der Umbenennung des Zentrums zuvor selbst zugestimmt.

Damit hätte es sein Bewenden haben können. Doch Christopher Baum schob noch eine persönliche Stellungnahme nach: Die Vorwürfe seien „als Teil einer Intrige einzuordnen, die das Ziel haben, den akademischen Senat im Hinblick auf die mögliche Wiederbestellung als Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover zu beeinflussen“. Gemeint war die anstehende Abstimmung im Senat über seine zweite Amtszeit. Zusätzlich gab der Präsident am 20. November 2017 eine eidesstattliche Versicherung ab: „Auf die Auswahl meiner Frau, Prof. Dr. Anke Franzke, für die hochschulintern ausgeschriebene Stelle als Leiterin des Onkologischen Zentrums der MHH im Jahr 2014 nahm ich in keiner Weise Einfluss.“

Dem Senat reichte das; er entschied sich für Baum. Es waren aber ausgerechnet jene Erklärungen des Präsidenten, die sein Verhalten ohne Fehl und Tadel belegen sollten, die nun die Landespolitik aufhorchen ließen. In den Fraktionen im niedersächsischen Landtag hatte man ohnehin aufgrund der Gebäudeprobleme ein Auge auf die MHH, aber jetzt kamen Fragen zur Position von Anke Franzke noch obendrauf. Vertreter von SPD, CDU und FDP stellen am 18. Dezember 2017 in einer vertraulichen Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft und Kultur nicht weniger als 57 Fragen ans Wissenschaftsministerium.

57 Fragen zum MHH-Ehepaar

Beispielsweise wollten sie wissen, wie es sich erklärte, dass Anke Franzke die einzige eingeladene Bewerberin für ihren Posten war. Und wieso ihr Ehemann, obwohl befangen, seit Oktober 2016 als Mitglied des Lenkungsgremiums von Anke Franzkes Onkologischem Zentrum fungierte.

Manche dieser Fragen ließen sich schlicht mit der Qualifikation von Anke Franzke beantworten. Andere – wie die nach dem Lenkungsgremium – blieben offen. Baum selbst sagt heute, er habe nur „qua Amt“ und nur selten an den Sitzungen teilgenommen, was am Umstand der Befangenheit nichts ändert. Vor allem aber ist damals vielen Politikern sauer aufgestoßen, dass der MHH-Präsident am Morgen der Ausschusssitzung um 7.37 Uhr genau das tat, von dem er sagte, er täte es nicht: Er protegierte seine Frau. Er schickte eine E-Mail an sämtliche Abgeordnete des Ausschusses und beteuerte, er habe keinen Einfluss zu ihren Gunsten genommen. Und dann hob er auf knapp zwei Din-A-4-Seiten Kenntnisse und Verdienste von Anke Franzke hervor.

Laut Ausschussprotokoll, das der HAZ vorliegt, bestätigte in der Sitzung schließlich Carsten Mühlenmeier, Abteilungsleiter Hochschulen im Wissenschaftsministerium, dass Christopher Baum immer wieder zugunsten seiner Ehefrau in die Geschehnisse an der MHH eingegriffen habe. Beispielsweise geht es dabei um einen arbeitsrechtlichen Konflikt aus dem Jahr 2014 zwischen Anke Franzke und ihrem damaligen Vorgesetzten, dem Onkologie-Professor Arnold Ganser, in den Baum beherzt eingriff. Mühlenmeier sagte dem Ausschuss, er habe im November 2015 wegen dieses Themas ein Gespräch mit Baum geführt und ihm gesagt, „dass diese Art des Vorgehens (…) nicht ginge“. Mehr noch: „Ich habe die klare Ansage gemacht, dass künftig in Angelegenheiten, die seine Ehefrau betreffen, von jedweden Äußerungen, Mitwirkungen und Einflussnahmen abzusehen ist.“

Baum beteuert heute: „Ich habe stets nur in Wahrung meiner Amtspflichten gehandelt.“ Dazu gehörte für ihn offenbar auch, sich im Juli 2016 beim Ministerium schriftlich für eine Gehaltserhöhung für seine Frau einzusetzen. Hintergrund: Anke Franzke hätte nach Köln wechseln können, deswegen wollte das MHH-Präsidium unter Baum ihr ein „Halteangebot“ machen, was aber vom Land mitgetragen werden musste. Die Antwort des Ministeriums war an Eindeutigkeit nicht zu überbieten: Laut Carsten Mühlenmeier schrieb sein Haus ans MHH-Präsidium, dass es „zur Wahrung des Betriebsfriedens auf jeden Fall ein Gewinn sei, wenn Frau Franzke die MHH verlassen würde“.

Es gab also keine Gehaltserhöhung. Franzke blieb trotzdem. Aus internen E-Mail ergibt sich, dass die MHH sie sowieso erst zum 30. November frühzeitig gehen lassen wollte. Dies „weil sie von Präsidiumskollegen als unverzichtbar für den Aufbau des Onkologischen Zentrums angesehen wurde“. Gleichzeitig wurde Franzke von der MHH das Angebot gemacht, ab 1. September, an dem die Stelle in Köln anlief, in beiden Städten gleichzeitig zu arbeiten. Franzke selber sieht diese einschränkenden Vorgaben der MHH als Grund, weswegen sie die neue Stelle nicht annehmen konnte.

Das Ministerium greift durch

Vermutlich wegen des Nachbohrens der Abgeordneten entschloss sich das Wissenschaftsministerium Anfang 2018 zum Durchgreifen. Am 5. Februar, der Ausschuss für Wissenschaft und Kultur tagte erneut, wurde bekannt, dass dem Präsidenten der MHH per Erlass verboten worden ist, Mitglied im Lenkungsgremium des Onkologischen Zentrums seiner Frau zu sein. Das war ein klares Misstrauensvotum.

Danach ging es schnell: Nach einem vertraulichen Gespräch zwischen Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) und Baum sickerte durch, dass Christopher Baum auf seine zweite Amtszeit verzichten wird. Baum sagte später, Thümler habe keinen Einfluss auf ihn genommen. Das Ministerium schweigt dazu. Wer angesichts dieser Lage sagt, dass das Verhältnis des amtierenden Präsidenten zu Ministerium und Landespolitik als „zerrüttet“ gilt, wird vom klagefreudigen Baum vor Gericht gebeten – dort allerdings ist er bisher gescheitert. An den Fakten änderte das alles nichts. Im August misslang Baums Versuch, Dekan in Jena zu werden. In Kreisen der thüringischen Landespolitik galt er als „Versorgungsfall aus Niedersachsen“. Er selbst sagt dazu, er habe verschiedene berufliche Optionen „und werde gewiss kein Versorgungsfall“. Wie auch immer: Schließlich zog er seine Bewerbung zurück. Mehr Erfolg hatte er nun in Schleswig-Holstein: Am 26. September wurde Baum als eines von fünf Vorstandsmitgliedern der Universität zu Lübeck mit dem Aufgabenbereichen Forschung und Medizin betraut.

Wann er den Posten dort antritt, ist noch unklar. Je eher, desto besser, heißt es bei manch einem Mitarbeiter in der MHH, auch in höheren Positionen. Denn Baums Nachfolger ist längst im Haus: Spätestens am 1. April 2019 soll Michael Manns, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, neuer MHH-Präsident werden.

Christopher Baum selbst sieht sich bei alledem als Opfer einer Kampagne.

Von Bert Strebe

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