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Hannover Von Drogen bis Blut - diese Hunde können alles aufspüren
Nachrichten Hannover Von Drogen bis Blut - diese Hunde können alles aufspüren
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15:44 30.11.2017
„Er akzeptiert in der Regel nur den Hundeführer als Chef“: Polizeihunde wie Personenspürhund Watson, ein Coonhound, folgen klaren Hierarchien. Quelle: Wiechers
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Hannover

Reinhard Mey hat ihnen mit einem herrlich melancholischen Lied ein Denkmal gesetzt. „Wolf und Wotan“ sind zwei Wachunde auf einem Schrottplatz, die ihre beste Zeit schon lange hinter sich haben und in einem abgewrackten Renault R4 hausen. Es ist ein Abschiedsgruss - denn Wachhunde gibt’s tatsächlich nicht mehr. Ihr Arbeitsplatz ist wegrationalisiert. „Zu teuer“, sagen die Security-Unternehmen. „Zu viele Tierschutzbestimmungen.“ Hochempfindliche Alarmanlagen, die nichts fressen und nie krank werden, machen den Job zuverlässiger als bellende Vierbeiner.

Der Hund als bisweilen grimmiger Vertreter seiner Spezies hat nur bei der Polizei überlebt. Aber bei den Ordnungshütern bleibt er unverzichtbar. Wenn Beamte gewaltbereiten Fußballhooligans gegenübertreten, gibt es kaum ein besseres Mittel der „Deeskalation“, wie es bei der Polizei heißt, als einen wütend bellenden Schäferhund. Er lässt keinen Zweifel, was passieren sollte, falls der Diensthundführer ihm den Maulkorb abnimmt.

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Mehr als 200 dieser Teams von Hund und Herr sind in Niedersachsen im Einsatz. Allesamt ausgebildet in Ahrbergen im Landkreis Hildesheim, wo das Zentrale Diensthundwesen neben der Bundesstraße 6 auf einem ehemaligen Bundeswehrgelände residiert. Man muss sich das schmucklose Anwesen als eine Art Akademie vorstellen. Die Grundausbildung von rund sechs Monaten haben alle Vierbeiner zu absolvieren. Danach folgen oft, je nach Begabung, verschiedene Arten von Fortbildungen. Es sind Studiengänge, die sich das wichtigste Organ des Hundes zunutze machen: die Nase. Es gibt Brandmittelspürhunde, Bargeldspürhunde, Leichen- und Blutspürhunde, Sprengstoff- und Rauschgiftspürhunde.

Der Welpe muss wehrhaft sein

Oliver Kunth kennt sich aus mit guten Nasen; er ist Bereichsleiter Spezialausbildung. Wenn man ihn nach den Voraussetzungen fragt, die ein junger Hund mitbringen muss, um zum Diensthund aufzusteigen, dann formuliert er sehr vorsichtig: „Eine gewisse Wehrhaftigkeit sollte man bei dem Welpen schon erkennen können.“ Kunth könnte auch „griffig“ sagen oder besser „zupackend“. Aber er weiß sehr wohl, dass aggressive Hunde in unserer Gesellschaft keinen guten Ruf genießen. Die Schutzhundausbildung haben die meisten Hundesportvereine aus ihrem Angebot gestrichen. Auf dem Programm stehen stattdessen Spiel und Spaß mit flottem Agility, Dogdancing oder Flyball. Schäferhunde, die einem gut gepolsterten Angreiferdarsteller in den gefütterten Armschutz beißen, sind lange schon aus allen Informationsbroschüren verbannt. Zu nah liegt die Assoziation zum Kampfhund, der Menschen anfällt.

Ein Diensthund bei der Polizei ist, bis auf wenige Ausnahmen, allerdings nicht als schwanzwedelnder Zeitgenosse vorstellbar, der um Leckerlis bettelt. Diensthunde sind Schutzhunde, die bereit sein müssen, sich Kriminellen im Ernstfall entgegenzustellen, einen Täter zu suchen, zu finden und anzuzeigen und im Zweifelsfall auch anzugreifen, um eine Flucht zu vereiteln oder einen Angriff abzuwehren. Er muss, wie gesagt, wehrhaft und gehorsam sein.

Drei Hunderassen gelten als besonders geeignet für die Ausbildung zum Schutzdienst: der deutsche Schäferhund, sein belgischer Bruder, der Malino, und der Hollands Herdershond, ein Verwandter aus den Niederlanden. Wobei dem Belgier mehr Temperament nachgesagt wird. Er ist quirliger, wendiger und sportlicher. Es heißt, er habe eine raschere Auffassungsgabe als der etwas mächtigere deutsche Schäferhund; aber auch eine Neigung zur Hyperaktivität.

Doch nicht nur die Rasse entscheidet über die Eignung. Ein Test lässt erahnen, ob ein Junghund eine vielversprechende Karriere vor sich hat. Dabei wird das Tier an einen Baum gebunden. Der Besitzer verschwindet außer Sichtweite. Ein Fremder kommt auf den Hund zu. Wenn das Tier jetzt schwanzwedelnd den Ankömmling begrüßt, kommt es für eine Ausbildung zum Schutzhund nicht in Frage. Zeigt er stattdessen Zähne und droht, zuzubeißen, hat er diesen Test bestanden. Und zwar kräftig zuzubeißen. „Nicht mit dem „Kuchenzahn“ wie Oliver Kunth sagt. Das Geschlecht spielt übrigens keine Rolle. Rüden und Hündinnen sind gleichermaßen für die Ausbildung geeignet. „Bei aller Wehrhaftigkeit ist aber auch wichtig, ob das Tier beherrschbar ist“, sagt der Ausbildungsleiter. Nervöse Beißer machen keine Karriere bei der Polizei.

Passende Kandidaten sind rar gesät. 80 bis 90 Prozent der Welpen erfüllen nicht die Voraussetzungen. Die wenigen Anwärter werden hoch gehandelt. Besonders gelehrige und zupackende Welpen werden von ihren Züchtern für fünfstellige Beträge oft nach China oder in die USA verkauft. Die Preise steigen rapide. Bei solchen Bieterkämpfen kann die niedersächsische Polizei als Einkäufer nicht mithalten.

Der Hund als Teamplayer

Wer weiß, was den Hund in China oder Amerika erwartet - bei der Polizei ist er ein Teamplayer. Der Hundeführer und sein vierbeiniger Kollege bleiben schließlich viele Jahre zusammen. Auch für den Hundeführer dürfte die Berufswahl also gut überlegt sein. Inzwischen entscheiden sich immer mehr Frauen für die Arbeit als Hundeführerin. Rund 20 Prozent der Diensthunde in Niedersachsen folgen heute Frauchen - auch nach Dienstschluss.

Das Tier gehört zwar offiziell der Polizei (im Beamtendeutsch heißt das „Der Hund ist ein Einsatzmittel“); Kollege Hund wohnt aber beim Hundeführer, nicht selten in einem Zwinger. Das mag grausam klingen, ist aber nur artgerecht. Ein Schutzhund bleibt ein Schutzhund, auch nach Feierabend. Eine Rangordnung nach dem Motto »Hundeführer, Ehefrau, Kinder und dann der Vierbeiner« mag für einen Familienhund wie dem Golden Retriever oder einem Australian Shepherd akzeptabel sein - ein aktiver Schutzhund hätte damit arge Probleme. „Er akzeptiert in der Regel nur seinen Hundeführer als Chef“, sagt Oliver Kunth.

Aber auch ein wehrhafter Polizeihund wird irgendwann einmal alt und hat Anspruch auf seine wohlverdiente Pension. Darüber entscheidet kein Rentenzugangsalter, sondern die Gesundheit und Leistungsfähigkeit - in der Regel ist nach sieben, acht Jahren Schluss. Seinen Lebensabend verbringt der Diensthund dann meistens bei seinem Hundeführer. Die beiden haben schließlich so manch´ gefährlichen Einsatz hinter sich. Das schweißt zusammen.

Arztkosten und Futter zahlt für den Hunderentner natürlich Vater Staat. Man hört allerdings, dass das „Essensgeld“ äußerst knapp kalkuliert sei.

Von Hans-Peter Wiechers