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Hannover So erfuhren die Nexans-Mitarbeiter von dem Aus
Nachrichten Hannover So erfuhren die Nexans-Mitarbeiter von dem Aus
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11:16 25.01.2019
Andre Zyzik, 52, Maschinenführer: „Ich habe mich zuletzt vor 34 Jahren beworben, bei Sennheiser und hier bei Nexans. Wie es jetzt weitergeht, weiß ich noch nicht.“ Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Als der 52-jährige Maschinenführer Andre Zyzik am Donnerstagmittag zur außergewöhnlichen Betriebsversammlung durch das Drehkreuz am Werktor des Kabelherstellers Nexans geht, weiß er noch nicht, dass dieser Arbeitsweg das Ende seiner 35-jährigen Anstellung einläutet. Gerüchte über eine bevorstehende Werkschließung gab es seit über einem Jahr. Seit Mitte 2018 hat Zyzik, der gestandene Kabelarbeiter mit Vollbart und kräftigem Handschlag, durch Kurzarbeit monatlich rund 400 Euro eingebüßt. Einige seiner 500 Kollegen, die er auf dem übervollen Parkplatz trifft, berichten von bis zu 1000 Euro. „Bis jetzt ist aber noch alles Spekulation“, sagt der Maschinenführer wenige Minuten vor Beginn der Veranstaltung. Ein Rest Zuversicht schwingt darin mit. Die vage Hoffnung, das sich die eindeutigen Andeutungen, die aus dem europäischen Betriebsrat bereits über das bevorstehende Aus durchgesickert sind, möglicherweise doch nicht bewahrheiten.

Schwerer Gang: Nexans Mitarbeiter gehen durch das Drehkreuz am Werktor zur Betriebsversammlung. Dort wird die Werksschließung verkündigt. Quelle: Mario Moers

Angespanntes Warten

Die Stimmung auf dem Parkplatz ist angespannt. Nicht aggressiv kämpferisch, sondern frustriert und ruhig abwartend nehmen die Kabelwerker auf den improvisierten Stuhlreihen in der Fahrzeughalle Platz. In den Werkshallen stehen die Maschinen bereits seit 8 Uhr still. Den ganzen Vormittag wartet die Frühschicht ungewiss und arbeitslos auf die Verkündung der Konzernspitze. „Die Stimmung ist hier seit Monaten furchtbar. Teilweise lief hier fast nix mehr. Durch die Anspannung kam es auch immer wieder zu Fehlern im Produktionsablauf“, sagt ein junger Mitarbeiter, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

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Wie sage ich es meiner Familie? Maschinenführer Marco Kamp (48) sorgt sich um die Zukunft. 21 Jahre hat er am Kabelkamp Kabel gebaut. Quelle: Katrin Kutter

"Ein Tod auf Raten“

Was kurz nach Mittag mitgeteilt wird, empfindet Michael Siebert, einer von elf Betriebsräten als „Schlag in die Magengrube, der tiefer nicht sitzen kann“. Als Betriebsrat erfuhr er zwei Stunden vor dem Rest der Belegschaft die Entscheidung der französischen Konzernspitze, weltweit 939 Stellen zu streichen und das Werk im Industriegebiet am Kabelkamp zum Sommer 2019 zu schließen. „Die französische Heeresleitung hat gesagt: Feierabend“, fasst Siebert die Versammlung zynisch zusammen. Auf dem Rückweg, durch das Drehkreuz zu seinem Auto, denkt Siebert an das Haus, das er noch abbezahlen muss, an seine Familie und die ungewisse Zukunft. „Es ist nun ein Tod auf Raten. Wann trifft es wen? Wie sieht der Sozialplan aus?“. Während ein Fernsehteam vor dem Werkstor die Kamera aufbaut um den Anfang vom Ende des über 100-jährigen Industriestandorts am Mittellandkanal zu dokumentieren, überlegt Siebert was ihn und seine Kollegen nun wohl erwartet. „Wir sind alle Vollprofis, aber auch Fachidioten. Kabel ist das, was wir können“, sagt er besorgt. Seine letzte Bewerbung hat er auf der Schreibmaschine getippt, vor einer Ewigkeit. „Ich weiß gar nicht mehr, wie so etwas heute aussieht.“ Sein Kollege Marco Kamp denkt an zu Hause. „Ich muss jetzt erstmal meiner Frau die Nachricht überbringen“, sagt er niedergeschlagen.

„Es ist nicht das erste Mal. Ich musste schon bei Polygram und Wabco nach betriebsbedingten Umstrukturierungen gehen. Ich lasse mich aber nicht unterkriegen“, sagt Yusuf Ucar (53). Quelle: Katrin Kutter

Vier Monate ohne Kündigung

Nexans wird eng mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, um die sozialen Auswirkungen der Umstrukturierung unter Berücksichtigung geltenden Rechts zu minimieren“, heißt es in der Stellungnahme des Unternehmens. Details zur Abwicklung der hiesigen Arbeitsplätze gibt es dagegen noch keine konkreten. „In den nächsten vier Monaten soll es noch keine Kündigungen geben“, verrät ein Mitarbeiter aus der Versammlung. Auch den Auszubildenden und Werksstudenten habe man Sicherheiten gegeben. Um den Schock verdauen zu können, überlässt das Unternehmen allen Mitarbeitern bis Montag selbst, ob sie zur Arbeit kommen oder nicht.

Von Mario Moers