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Hannover Sechs Tonnen Papier am Tag: So hart ist der Job der Müllwerker in Hannover
Nachrichten Hannover Sechs Tonnen Papier am Tag: So hart ist der Job der Müllwerker in Hannover
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12:00 23.03.2019
Ein Knochenjob: Müllwerker Stephan Klautke. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Mittwochmorgen, 6.45 Uhr. Die Mülltour auf der Lister Meile beginnt für Frank Beland, 59, seine beiden Kollegen – und für mich. Es heißt, die Arbeit als Müllwerker gehe auf die Knochen und auf die Gelenke. Mitreden kann nur, wer es selbst ausprobiert. Also begleite ich die Altpapiertour von Beland in der Oststadt.

Altpapier: „Die härteste Aufgabe für Müllwerker“

Zum Glück ist es Altpapier und kein stinkender Restmüll, denke ich noch. Doch schnell werde ich eines Besseren belehrt. „Viele denken, die Altpapierentsorgung ist der einfachste Job als Müllmann“, sagt Frank Beland. „Doch du wirst spüren, dass das die härteste Aufgabe für Müllwerker ist.“ Denn Papier wird in der Stadt Hannover überwiegend in Säcken statt Tonnen gesammelt. Bei Kunststoff ist das zwar auch so – doch Plastik ist leichter als Altpapier.

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Den Unterschied zwischen Tonne und Tüte bekomme ich gleich zu spüren: Erst einmal darf ich ein paar Tonnen leeren. Ich schiebe Behälter für Behälter vom Gehweg zum Müllwagen, die Hydraulik hebt die Tonne an und entleert den Inhalt. Dann schiebe ich die leere Tonne zurück. Der Vorgang ist zwar simpel, doch manche Tonne ist arg schwer, recht bald machen sich die Muskeln in meinen Oberarmen bemerkbar.

Jetzt die Säcke. Für den Inhalt von einer Tonne muss ich fünf Säcke schleppen – so viele passen in eine 240-Liter-Tonne ungefähr hinein. Nach jedem Sack muss ich mich bücken, das geht auf den Rücken. Sack aufheben, zum Müllwagen schleppen, in die Öffnung werfen: Die Schultern haben auf der Tour auch keinen Spaß.

„Diese Arbeit können nicht viele bis zur Rente leisten“

„Besonders anstrengend wird es, wenn es regnet und sich die Pappe mit Wasser vollgesogen hat, dann ist sie noch schwerer“, sagt mir mein Müllwerker-Kollege Stephan Klautke, 37. Er bewegt etwa 6000 Kilogramm Altpapier – jeden Tag.

„Diese Arbeit können nicht viele bis zur Rente leisten“, sagt Stefan Altmeyer, Pressesprecher von Aha. „Wir müssen die Mitarbeiter oft nach ein paar Jahren anderweitig einsetzen, weil die Gelenke nicht mehr mitmachen.“

Der Zweckverband Region Hannover (aha) hält Hannover sauber. Das müssen Sie zu aha wissen.

In einem Urteil des Hessischen Landessozialgerichts von 2012 heißt es, dass der Beruf des Müllwerkers mit der körperlichen Belastung eines Leistungssportlers zu vergleichen ist. Müllwerker seien demnach täglich massiven Knick- und Drehbewegungen ausgesetzt, die zu Gelenkverschleiß führen können. Das Gericht erkannte Gelenkverschleiß als Berufskrankheit an.

Problematisch ist das Anheben der Säcke auch, weil Müllwerker vorher nie wissen, wie schwer der Inhalt ist. Dabei besteht für sie die Gefahr, sich zu verheben. Zwar gibt Aha die Vorgabe, dass ein Müllsack nicht mehr als zehn Kilogramm wiegen darf – doch wer stellt den Sack schon auf die Waage, bevor er auf dem Bürgersteig landet? Noch schwieriger wird es, wenn die Anwohner nicht die vorgesehenen Säcke benutzen, sondern ihre Pappe unzerkleinert auf dem Gehweg ablegen.

Wie belastend der Job ist, hängt zu einem großen Teil von der Bevölkerung ab

So auch am Dienstagmorgen: Mein Kollege Klautke schleppt einen mehr als zwei Meter langen, sperrigen Pappkarton vom Gehweg zum Müllwagen, obwohl den Anwohnern diese Art der Entsorgung untersagt ist. Für mich ist der Karton zu groß. Ich ärgere mich, dass Anwohner so rücksichtslos mit ihrem Müll umgehen. Klautke zuckt nur mit den Schultern: „Die Regeln ändern für uns nichts, wir müssen es trotzdem mitnehmen“, sagt der 37-Jährige.

Wie anstrengend und belastend der Job als Müllwerker ist, hängt deshalb zu einem großen Teil von der Bevölkerung ab – vor allem, seitdem Aha im Jahr 2008 die kostenlose Papiertonne eingeführt hat. Die kann jeder Hannoveraner bestellen. Doch nur etwa jeder sechste Haushalt nutzt dieses Angebot.

Um die Mitarbeiter zu entlasten, bietet ihnen Aha Rückenschulungen zur Prävention an. Außerdem werden neue Müllwerker vor Dienstantritt geschult, ihre Arbeit gelenk- und knochenschonend zu verrichten, beispielsweise, indem sie die Tonnen schieben, statt sie zu ziehen.

Ein GPS-gesteuerter Alarm zwingt Müllwerker zur Pause

Zudem werden Müllwerker angehalten, sich im Team beim Fahren und Sammeln abzuwechseln. Außerdem wird streng auf die Einhaltung von Pausenregelungen geachtet: Nach viereinhalb Stunden Dienst müssen 45 Minuten Pause eingelegt werden. Der GPS-Sender im Fahrzeug dient als Kontrollmechanismus. „Ich darf den Wagen erst in zwei Minuten wieder starten“, sagt Beland um 11.43 Uhr, als wir im Wagen sitzen und uns aufwärmen. „Sonst springt ein Alarm an, und wir müssen noch einmal 15 Minuten Pause dranhängen.“

Dafür haben wir keine Zeit. Vor der Pause um 11 Uhr wird das Altpapier auf der Lister Meile eingesammelt. Nach der Pause wartet der Papiermüll in der Oststadt darauf, von uns abgeholt zu werden. Klautke: „Nach der Schicht sind wir dann fix und fertig.“ Zugegeben: Ich bin es schon nach kurzer Zeit. Aber meine Gelenke sind nach den paar Stunden immerhin noch heil. Wie das nach ein paar Jahren aussehen würde? Vermutlich anders.

Von Josina Kelz