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Kultur Politische Gameshow mit Grenzerfahrungen
Nachrichten Kultur Politische Gameshow mit Grenzerfahrungen
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14:06 17.02.2019
Animieren als schrille Conférenciers das Publikum: Lina Zaraket, Ahmad Kiki und Matthias Damberg (v.l.).
Animieren als schrille Conférenciers das Publikum: Lina Zaraket, Ahmad Kiki und Matthias Damberg (v.l.). Quelle: Reimar de la Chevallerie
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Göttingen

Neuland betreten hat das Boat People Projekt mit der Premiere von „Grenzfall Europa –das Spiel“ am Sonnabend gleich in zweierlei Hinsicht. Mit dem interaktiven Polit-Theaterstück wurde die neue Spielstätte im Werkraum an der Stresemannstraße eröffnet. Und es war der erste Versuch mit „Theater Gaming“, bei dem das Publikum einbezogen wird und die Schauspieler auch improvisieren müssen.

Geglücktes Experiment

Soviel vorweg: Das Experiment ist gelungen. Die Befürchtung von Regisseur Reimar de la Chevallerie, das in Gruppen eingeteilte und einen Meinungsparcours durchlaufende Publikum bleibe passiv und nach eineinhalb Stunden reiner Spielzeit sei Schluss, ist nicht eingetreten. Die Mischung aus Gameshow, Agitprop light mit Spaßfaktor, Meinungszirkus mit Selbsterfahrungscharakter, Videoeinspielungen, Infotainment, Abstimmungsgeräten und -steinchen, Fragebögen, Animation und Workshop-Atmosphäre kam an. Die Gruppendynamik zündete, mit mehr als drei Stunden Dauer wurde es ein langer Abend mit lebhaften Debatten. Der begann damit, dass sich die als schrille Conférenciers gebärdenden Schauspieler Matthias Damberg, Ahmad Kiki und Lina Zaraket mit Pappmasken von Trump, Putin und Europa im Foyer unter die Gäste mischten – und endete mit Kreistänzen in der mit blauem Teppich samt Europasternchen ausgelegten Werkhalle.

Boat People Projekt feiert Premiere mit Grenzfall Europa Quelle: Reimar de la Chevallerie

Stell Dir vor, Du bist Europa und jeder will hin. Damit lässt sich die Kernfrage umschreiben, um die sich der Abend drehte: das europäische Verhältnis zur Migration – verbunden mit Fragen zu Klimaschutz, Fair Trade, Menschenrechten, Grundwerten, den Folgen von Kolonialismus und Ausbeutung, Interessenkonflikten, diffusen Ängsten und Bedrohungsszenarien. Immer wieder waren die Theaterbesucher im „Plenarsaal“ aufgefordert, unter Zeitdruck mit Ja oder Nein abzustimmen. Bei den teilweise suggestiven und plakativen Fragestellungen, die keine Zwischentöne und Raum für Differenzierungen zuließen, keine einfache Aufgabe. Zudem sollte immer wieder auch Einstimmigkeit erzielt werden. „In komplexen Fragen muss der europäische Rat einstimmig abstimmen – Ihr auch“, hieß es. Und durchaus doppeldeutig: „Wir werden viel unterwegs sein – nehmt Eure Wertsachen mit“.

Umverteilung und Verzicht

Das Bargeld, das jeder dabei hatte, kam in einer der vier Stationen, die durchlaufen wurden, auf den Tisch. Nicht nur dort zeigte sich, dass die Debatte über Startchancen und Einkommensverhältnisse in armen und reichen Ländern, Ungleichheit und Umverteilung eine Sache ist, Konsequenzen daraus zu ziehen, eine andere. Wenn es ans eigene Portemonnaie, Bequemlichkeit und Lebensstandard geht, gerät aller Idealismus eben doch ins Schwanken und an Grenzen – wie auch die Europäische Union. Fragen wie „Sind Sie dazu bereit, auf ihr Auto und Urlaubsflüge zu verzichten, sich nur alle zehn Jahre ein neues Handy zuzulegen, um ein Vielfaches höhere Preise für Bananen zu zahlen?“ führten trotz hoher Übereinstimmung zu Diskussionen statt einstimmigen Ergebnissen.

Diskussionen angeregt

Nachdem die Theaterbesucher „Geld geteilt hatten, auf falsche Fährten geführt wurden und mit den Wölfen geheult“ hatten, sich in einem Snoozle-Raum mit tiefenentspannter Stimme vom Band auf gemeinsame Grundüberzeugungen einigen mussten, ging es – wie in der Fernsehsendung Pro und Contra, die mehr als 30 Jahre lang auf ARD lief – noch einmal zu einer Endabstimmung in den Theatersaal. Dabei zeigte sich, dass die bedingungslose Zustimmung für offene Grenzen im Lauf des Abends gestiegen war – ob aus Überzeugung oder Übermüdung, sei dahingestellt. Ein wichtiges Ziel hat die Theatergruppe bei der Premiere jedenfalls erreicht: Denkanstöße geben, Diskussionen anregen, Fremde miteinander ins Gespräch bringen.

Von Kuno Mahnkopf

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