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Kultur Was kann uns Karl Marx noch sagen, Frau Wagenknecht?
Nachrichten Kultur Was kann uns Karl Marx noch sagen, Frau Wagenknecht?
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00:22 19.10.2018
Halten Marx für alles andere als einen Ladenhüter: Ulrich Kühn, Jürgen Neffe, Mathias Greffrath, Sahra Wagenknecht (von links). Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Ob es an der Anziehungskraft liegt, die Karl Marx noch heute hat, oder der prominenten Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht, sei dahingestellt. Das alte Rathaus war am Montagabend jedenfalls rappelvoll. Im Literaturherbst ging es an diesem Abend auf dem Podium um Politik und Sachbücher. Moderator Ulrich Kühn befragte Wagenknecht, den Marx-Biografen Jürgen Neffe sowie den Soziologen und Publizisten Mathias Greffrath zu Marx und den Folgen.

„Sind Sie etwa alle Marxisten?“ fragte Kühn das Publikum und erntete Gelächter. Vor 50 Jahren wäre das in der Universitätsstadt Göttingen nicht passiert. Dabei haben vermutlich nicht einmal alle 1968er der Bundesrepublik und Marxismus-Leninismus-Studenten der DDR den ganzen Marx gelesen. Bei den drei Marx-Kennern, -Schwärmern und -Verstehern auf dem Podium dürfte das anders sein. Zu ihrem 18. Geburtstag hat sich Wagenknecht alle 42 Bände des vielfach missverstandenen Philosophen schenken lassen und beim Lesen „einen völlig anderen Marx gefunden“ als den „katechisierten Marx der DDR-Staatsdoktrin“. Der exzellente Ökonom habe uns heute noch viel zu sagen, die Finanzkrise hätte man mit ihm voraussehen können.

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Marx hilft, fast alles zu verstehen“, meinte auch Greffrath, der sich intensiv mit der Zukunft der Arbeit befasst: „Hätten alle ihren Marx gelesen, würden sie die aktuellen Geschehnisse aus der Perspektive des Globalismus begreifen.“ Marx erkläre den Kapitalismus von innen her. Freiheit als zentrales Motiv von Marx hob Neffe hervor. Er habe ein System durchschaut, dass uns beherrscht, obwohl wir es geschaffen haben. Über die Beschreibung dieses Kontrollverlustes schlug Neffe einen Bogen zur digitalen Ökonomie: „Kein starker Arm kann dieses System mehr abschaffen.“ Als blinde Flecken bei Marx ausgemacht hat Neffe die Unterschätzung der Rückkehr des Nationalen und des Staates als wirtschaftlicher Akteur und Instrument des Ausgleichs.

Jenseits von Marx-Geburtstagsfolklore, Klassenkampf und Mehrwert streifte das Trio auf dem Podium auch pointiert aktuelle Themen wie Bayernwahl, Chemnitz (ehemals Karl-Marx-Stadt), Rechtspopulismus, Globalisierungsverlierer und Digitalisierung. Greffrath beschrieb Algorithmen als geronnene Arbeitsprozesse und diagnostizierte das Verschwinden sozialer Macht (“Der aktivistische Marx ist extrem aktuell, aber sehr nervig, weil er ein schlechtes Gewissen macht“), Neffe verteidigte Marx und sein dynamisches System gegen dogmatische Erstarrung, Wagenknecht übte Kritik am modernen Kapitalismus mit „renditehungrigen Finanzinvestoren“.

Schwer tat sie sich mit der Frage Kühns nach gescheiterten Gesellschaftsexperimenten im Namen von Marx. Schon bei Übergabe des umstrittenen Marx-Denkmals, das China seiner Geburtsstadt Trier geschenkt hat, hatte sie jedoch Marx in Schutz genommen gegen Verbrechen unter kommunistischer Herrschaft. „Wenn jeder für das verantwortlich wäre, was in seinem Namen geschieht, dürfte Jesus Christus heute in keiner Kirche mehr hängen“, zitierte sie die Rhein-Nektar-Zeitung. In diese Kerbe schlug im Göttinger Rathaus auch Greffrath. Freud werde ja auch nicht für die Pornografie im Internet verantwortlich gemacht, sagte er. Und Nietzsche könne nichts dafür, dass ihn Hitler in Anspruch genommen habe.

Zuhörerfragen und eine Signierstunde am Büchertisch gab es nach dem angeregten Gespräch der Marx-Experten nicht. Dafür war der Zeitplan zu eng. Vor dem Rathaus wartete die nächste Schlange auf die Lesung von Julius Fischer. Titel seines Buches: „Ich hasse Menschen“.

Von Kuno Mahnkopf