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Kultur Eine Liebe im Schatten der Krise
Nachrichten Kultur Eine Liebe im Schatten der Krise
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00:19 24.10.2018
Erstmals in Hauptrollen zu sehen: die JT-Neuzugänge Jacqueline Sophie Mendel und Andreas Krüger. Quelle: Foto: Heise
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Göttingen

Der Blick zurück auf die Endphase der Weimarer Republik hat Konjunktur – politisch und kulturell. Ein Hauch von „Babylon Berlin“ – ohne Crime und Glamour – wehte am Sonnabend durch das Junge Theater (JT). Dort feierte „Kleiner Mann – was nun?“ nach dem Roman von Hans Fallada Premiere. Erstmals in Hauptrollen zu sehen waren Andreas Krüger und Jacqueline Sophie Mendel, die seit Beginn der aktuellen Spielzeit das Ensemble verstärken. Zugleich verabschiedet sich mit der Inszenierung der Regisseur, Schauspieler und Komponist Peter Christoph Grünberg vom JT. Seine nächste Station ist das Hamburger Ohnsorg-Theater.

Alles andere als ohne Sorgen ist das Leben von Fallada und seinen Romanprotagonisten verlaufen. Der von Johannes Pinneberg verkörperte kleine Mann, der zum geflügelten Wort geworden ist, spiegelt politische Orientierungslosigkeit, Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein in den Zeiten von Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit wider. Parallelen zur Gegenwart sind gewollt. Als eine „Parabel über die Auswirkungen von Krisen in Zeiten von globalen Umwälzungen“ kündigt das JT das Stück an, auf dem Plakat ist die Agentur für Arbeit zu sehen. Krisenkatalysatoren, die auch politische Extremismen befördern, sind heute allerdings andere: Arbeitsverdichtung und abgehängte Modernitätsverlierer.

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Geldnot und Existenzsorgen

Ebenso sparsam wie das minimalistische Bühnenbild, das den ganzen Raum einbezieht und den Zuschauern Perspektiven von drei Seiten bietet, müssen Pinneberg (Krüger) und sein „Lämmchen“ (Mendel) sein. Geldnot und Existenzsorgen überschatten die junge Liebe und Lämmchens Schwangerschaft. Ständig muss gerechnet und geknapst werden, um über die Runden zu kommen. Mit Floskeln („Ich schaff das schon“) macht sich das Pärchen Mut, tröstet sich mit seiner innigen Liebe immer wieder über die schroffen Reaktionen und barschen Abfuhren einer kalten und ablehnenden (Arbeits-)Welt hinweg, in der sich alles nur ums Geld dreht. Katharina Brehl, Agnes Giese und Jan Reinartz, die in wechselnden Rollen alle anderen Figuren verkörpern, unterstreichen das Geschehen mit sich steigernden Wiederholungen („Nicht arbeitslos werden“) und „Nebentätigkeiten“: Irgendwo wird immer geschrubbt und geputzt, werden Säcke geschwungen und Akten getackert. Auf einem aufgeständerten Fahrrad strampelt sich Pinneberg buchstäblich ab. Vergebens. Die Jobs werden prekärer, die Zimmer kleiner, die Brötchengeber gemeiner, Kollegen treibt es zu den Nazis oder Kommunisten. Anstand ist nicht gefragt, ob im Düngemittel- oder Konfektionsgeschäft, eine ehrliche Haut wie Pinneberg bleibt auf der Strecke. Intrigen, Mauscheleien, Beziehungen und Zufälle bestimmen das Schicksal der gebeutelten kleinen Leute im Berlin nach der Weltwirtschaftskrise.

Beklemmende Intensität

Nach der Geburt des Kindes geht es weiter bergab. Im Bekleidungshaus Mandel wird Pinneberg gefeuert, weil er die Verkaufsquote nicht erfüllen kann. Der Schauspieler Schlüter, der Pinneberg im Kino in der Rolle eines „kleinen Mannes“ begeistert hat, ignoriert das demütigende Gejammer des verzweifelten Verkäufers und beschwert sich über ihn. Die Kleinfamilie landet in einer Laubenkolonie, bedroht von Obdachlosigkeit. Mit beklemmender Intensität spielt Krüger den arbeitslosen Pinneberg, über dessen verlorene Selbstachtung und gesellschaftliche Teilhabe ihn auch Lämmchens loyale und herzzerreißende Liebe nicht hinwegzutrösten vermag, zeichnet seinen Weg in die Resignation nach („Ich bin ’raus. Ich gehör’ nicht mehr dazu.“) Happy End? „Pustewind, nimm den Hut nicht meinem Kind“ ? Pustekuchen. Zermürbt und sprachlos sitzt Pinneberg in der Schlussszene im Dunkeln. Und die im Dunkeln sieht man bekanntlich nicht.

Ebenso überzeugend wie Krüger und Mendel spielen die drei Nebendarsteller, wechseln die Rollen, indem sie sich Ledermantel oder Leopardenjacke über ihre Latzhosen streifen. Wandlungsfähig sticht Katharina Brehl hervor, ob sie als laszive Lebedame Pinnebergs Mutter Mia oder die knauserige Witwe Scharrenhöfer verkörpert. Stramme Leistung (um im Bild der Arbeitswelt zu bleiben), donnernder Applaus.

Von Kuno Mahnkopf