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Kultur Bücher-Check mit Denis Scheck
Nachrichten Kultur Bücher-Check mit Denis Scheck
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00:23 25.10.2018
Mehr als 50 Bücher hat der „Druckfrisch“-Moderator und Literaturkritiker Denis Scheck am Sonntagabend im Deutschen Theater vorgestellt. Quelle: Foto: Heller
Göttingen

Mehr als 50 Buchtitel, beileibe nicht alle topaktuell, hat Literaturkritiker Denis Scheck am Sonntagabend im Deutschen Theater vorgestellt. Der „Druckfrisch“-Moderator trennte die Spreu vom Weizen – in pointiertem Plauderton mit hohem Unterhaltungswert für das lesehungrige Publikum, Appetitverderbern und Appetizern für den Thalia-Stand im Foyer.

„Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.“ Es sind Sätze bar jeder Logik wie dieser aus Oliver Kahns Autobiographie „Nummer eins“, die Scheck Steilvorlagen für Hohn und Spott liefern. Zu Kahns Ehrenrettung berichtete Scheck allerdings auch von einer Begegnung mit dem Torhüter-Titanen. „Sie zitieren doch immer diesen Satz.“, habe Kahn gesagt: „Es ist mir unbegreiflich, wie dieser Satz in das Buch geraten ist.“

90 000 Neuerscheinungen pro Jahr

Stilblüten und Unbegreifliches finden sich zuhauf in den jährlich 90 000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt. Berührungsängste kennt der Literaturkenner Scheck nicht, arbeitet sich genüsslich an Bestsellerlisten („Stellen Sie sich mal vor, sie müssten einen der meistverkauften Pullover Deutschlands kaufen. Sie würden sich wahrscheinlich aus Scham weigern, das Haus zu verlassen.“), der Ratgeberflut (“Jedes Kind ist hochbegabt“, „Schlank im Schlaf“), narzistischer Nabelschau und trivialen Bekenntnissen ab. Als Lehrunterlage für den Umgang mit dem amerikanischen Präsidenten empfiehlt Scheck dem Auswärtigen Amt einen Satz aus „Warum wir wollen, dass sie reich werden“, das Trump gemeinsam mit Vermögensberater Robert Kiyosaki geschrieben hat: „Erst gestern erfuhren wir, dass drei Bergsteiger auf ihrem Weg zum Mount Everest ums Leben kamen, offenbar aus Erschöpfung, nachdem sie ihr Ziel, den Berggipfel, erreicht hatten.“

Ihr Fett weg bekamen aber auch anspruchsvolle Literaten wie Nino Haratischwili. „Er war die Sonne seiner eigenen Galaxie“, schreibt die deutsche Autorin mit georgischen Wurzeln in „Die Katze und der General“. Dass es 500 Seiten kürzer als „Das achte Leben“ ist, sei das beste, was man über dieses Buch sagen könne, spottete Scheck. Aus dem Buchmesse-Schwerpunktland Georgien empfiehlt er stattdessen das Nationalepos „Der Held im Pardelfell“. Auch eine Neuerscheinung der deutschen Gartenliteratur als „letztem Fluchtort der pietistischen Erbauungsliteratur“ erfreut den 53-Jährigen: Christian Feyerabends „Garten ist Krieg“ („Endlich hat es jemand ausgesprochen“).

„Nobelpreisträger der Herzen“

Die Literaturherbst-Gäste erfuhren, dass Scheck eine „große Schwäche“ für Juli Zeh hat, Eskapismus (“Das ist das einzige, was bleibt, wenn Sie auf der Intensivstation liegen“) , Lyrik und illustrierte Bücher liebt. Nachdrücklich empfahl er die Werke von Philipp Roth, dem „Nobelpreisträger der Herzen“ – und frohlockte darüber, wie sich die überalterte Schwedische Akademie selbst zerlegt habe. Als die für ihn wichtigsten drei Neuerscheinungen nannte Scheck Roberto Bolanos „Der Geist der Science Fiction“, Daniel Kehlmanns „Tyll“ und „Der Spaß an der Sache“ mit nichtfiktionalen Texten von David Forster Wallace.

Lesevergnügen verspricht der Literatur-Conferencier auch bei der Lektüre von Lucy Fricke („Töchter“), Dörte Hansen (“Mittagsstunde“), David Schalko (“Schwere Knochen“) und Karen Duve („Fräulein Nettes kurzer Sommer“, dessen Schlusskapitel in Göttingen spielt). Frickes road novel sei eine amüsante und epische Auseinandersetzung mit der 68er-Generation als Eltern, bei der keiner verschont bleibe. Hansen beschreibe bravorös das Verschwinden einer Lebensform, die für weite Teile dieses Landes über 6000 Jahre lang dominant war und seit der Flurbereinigung der 1960er-Jahre am Sterben sei – das Dorf. Schalko erzähle die reale Geschichte einer als Spedition getarnten Clique von Einbrechern, die in Konzentrationslagern zu gefürchteten Kapos aufsteigen und nach dem Krieg die Wiener Unterwelt unter sich aufteilten. Ans Herz legte Scheck den Zuhörern ein „intelligentes und niemals belehrendes Bilderbuch für Erwachsene“: Nora Krugs „Heimat“. Man blättere um und starre neun KZ-Aufseherinnen ins Angesicht: „Deren Blick standzuhalten, zählt für mich zu den bewegendsten Kunsterfahrungen des Jahres.“ Ein Gedankenspiel, in dem der „Komputer“ im 19. Jahrhundert erfunden wurde und das mit einem Besuch Himmlers im „Nationalen Sicherheits-Amt“ beginnt (Andreas Eschbach: „NSA“) stand ebenso auf der Liste wie viele weitere Bücher, die Scheck gegen Ende der Veranstaltung wegen der begrenzten Zeit nur noch im Schnelldurchlauf wie ein Klappentext-Allegro dem Publikum kredenzte.

Besucherrekord beim Literaturherbst

Mehr als 19 400 Besucher haben dem 27. Göttinger Literaturherbst einen Besucherrekord beschert. Nach zehn Tagen mit 70 Veranstaltungen ist das Lesefest am Sonntag mit einer ausverkauften Lesung von Dietmar Wischmeyer im Deutschen Theater ausgeklungen. Noch einmal fast 4000 Gäste mehr als im Vorjahr verzeichnete die Literaturherbst GmbH. Ein Großteil der Lesungen sei ausverkauft gewesen, das habe zu einer Gesamtauslastung von 94,6 Prozent geführt. Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold sieht durch die „überwältigende Resonanz“ das Profil und das Programm des Literaturherbstes bestätigt. Schon im Vorfeld sei die Nachfrage nach Tickets so hoch wie noch nie zuvor gewesen. Sowohl die deutschsprachige als auch die internationale Belletristik sei prominent vertreten gewesen, fast ein Drittel des Programms habe sich der Wissenschaft und dem Sachbuch gewidmet. Mit 1700 Besuchern einen regelrechten Ansturm habe die zusammen mit den fünf Göttinger Max-Planck-Instituten und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen veranstaltete Wissenschaftsreihe erlebt. Das Zeitfenster für den Göttinger Literaturherbst 2019 steht bereits fest, das Programm für das Literaturfestival vom 18. bis 27. Oktober soll im August 2019 bekannt gegeben werden. ku

Von Kuno Mahnkopf

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