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Kultur Lucy Fricke stellt ihren Roman „Töchter“ vor
Nachrichten Kultur Lucy Fricke stellt ihren Roman „Töchter“ vor
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08:00 22.10.2018
Erschreibt sich einen eigenen Kosmos: Autorin Lucy Fricke. Quelle: Schäfer
Göttingen

„Töchter“ ist der vierte Roman der 1974 geborenen Autorin, die mit diversen Preisen und Stipendien ausgezeichnet worden ist. Hochkomisch sei das Buch, die Autorin nehme kein Blatt vor den Mund: Moderatorin Anke Detken ist begeistert. Es geht um zwei Freundinnen, Martha und Betty. Marthas Vater Kurt hat Krebs im Endstadium, seine Tochter soll ihn die eine Schweizer Sterbeklinik chauffieren. „Kurz vorm Sterben noch nett werden, das ist eine Gemeinheit“: dieses Zitat stehe symptomatisch für Frickes Ton, so Detke.

Dieser Ton beherrscht auch gleich die Eingangsszene, die Fricke liest. Betty befindet sich gerade in Rom, im Pantheon. Sie starrt „mitten hinein in das Loch, in den grauen Himmel über Rom, in das Auge Gottes.“ Und erblickt einen pinkfarbenen Luftballon mit einer Dessous-Werbung. Fricke unterbricht die Lesung und erzählt: „Das ist übrigens genauso passiert, ich denke mir sowas nicht aus.“

Auf dem Weg zur ersten großen Liebe

Wenige Sätze später nennt Betty im Telefongespräch mit Martha das Pantheon die gewaltigste Touristenhölle auf Erden. „Als ich auflegte, schiss mir eine Taube auf den Kopf. Dass das kein Glück versprach, wusste ich inzwischen.“ Solche Pointen trägt Fricke ganz unauffällig vor, bemerkt vergnügt, dass der Witz angekommen ist, und lacht schließlich auch fröhlich mit dem Publikum im Coworking by pro office, dem früheren Saal des Innenhof-Theater-Festivals.

Der Roman ist komisch und tieftraurig zugleich. Betty, Martha und der todkranke Vater auf dem Rücksitz des alten Golfs sind unterwegs in die Schweiz. Die beiden Freundinnen haben zu ihren Vätern ein ausgesprochen distanziertes Verhältnis: „Wie viele Jahre Freundschaft brauchte es, bis wir einsahen, dass wir beschädigt sind.“ Die Fahrt ist für beide belastend, es stinkt im Auto nach Urin, Kurt schläft, wacht auf, will Bier trinken, bald wird klar: Er will gar nicht in die Schweizer Sterbeklinik, sondern zu Francesca, seiner ersten großen Liebe, an den Lago Maggiore. „Er hat seine Tochter verarscht.“ Tatsächlich finden sie Francesca „mit Zähnen, so gerade und weiß, dass sie nur falsch sein können“.

Ich-Erzählerin als Alter Ago der Autorin?

Kleine Lebensweisheiten formuliert Fricke scharf zugespitzt. Etwa: „Es sind zwei Dinge, die uns erwachsen werden lassen: die Geburt des ersten Kindes und der Tod der Eltern“ oder über die Summe des Lebens einer Frau: „Erst redet man drei, vier Jahrzehnte über Männer, dann über Krankheiten.“

Ob die Ich-Erzählerin Betty ihr Alter Ego sei, will Moderatorin Detke von Lucy Fischer wissen. „Stimmt schon ein bisschen“, antwortet Fricke, „aber man verstreut sich auf alle Charaktere.“ Viel habe ihr Buch mit der Situation nach der Frauenemanzipation zu tun. Diese Frauen hätten „ein selbstbestimmtes Leben um jeden Preis führen“ wollen, aber da wurden „die Kinder mitgeschleppt“. Andererseits „war das auch notwendig“. Erst nach der Veröffentlichung des Romans sei ihr klar geworden, „dass damals Väter immer weg waren“.

Figuren aus vergangenen Werken

Detkes Beobachtung, dass einige Figuren in „Töchter“ schon in früheren Romanen Frickes vorkämen, bestätigt die Schriftstellerin. Sie lasse sie sogar gern wieder auftreten, denn sie habe beim Schreiben Zuneigung zu ihnen entwickelt. „Es ist sehr schön, über die Jahre, über die Bücher sich einen eigenen Kosmos zu erschreiben.“

Schon bald soll „Töchter“ verfilmt werden. Fricke ist gerade dabei, das Drehbuch zu verfassen. Für 2019 hat sie ein Dreimonats-Stipendium der Kulturakademie Tarabya für Istanbul bekommen: „Da werde ich einen Neustart im Hirn machen.“

Lucy Fricke: Töchter. Roman, 235 Seiten, Rowohlt, Reinbek 2018, 20 Euro.

Von Michael Schäfer

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