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Kultur Progrock-Revival im Liveclub Exil
Nachrichten Kultur Progrock-Revival im Liveclub Exil
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12:35 14.12.2018
Die Prog-Rock-Band Nektar stellt im Exil das neue Album „Megalomania“ vor.
Die Prog-Rock-Band Nektar stellt im Exil das neue Album „Megalomania“ vor. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Den Tracheen der Progrock-Legende Nektar nach dem Tod von Mastermind Roye Albrighton neues Leben eingehaucht hat New Nektar. Dass die neu aufgestellte Truppe um den in Göttingen lebenden Frontmann Alexander Hoffmeister würdig ist, den Stab mit Ohrmuschel des insektoiden Band-Logos aufgegriffen zu haben, hat sie am Donnerstagabend im Live-Club Exil bewiesen.

Die gelungene Mischung aus viel altem Material und Songs des neuen Albums „Megalomania“ zündete beim Publikum. Das bestand überwiegend, aber nicht nur aus in Ehren ergrauten und in Erinnerungen schwelgenden Althippies. Vor der Bühne in der vollen Bude tummelte sich auch Jungvolk ohne Vergangenheitsbezug. „Megalomania ist am geilsten“, meinte eine junge Frau in der Zigarettenpause zwischen den Sets.

Zwei Eichsfelder an Bord

Auf Klassiker wie den Opener „Tab in the ocean“ warteten hingegen die Altvorderen. Vor der Tür fielen schon vor dem Einlass Namen von Krautrock-Bands aus den 1970er-Jahren. Auch Nektar wird immer wieder diesem Genre zugeschlagen, obwohl die Band von Briten gegründet wurde. Inzwischen ist Nektar tatsächlich von Krauts geentert worden, zwei Eichsfelder geben den Ton an und saugen süßen Nektar aus der Vergangenheit.

Die Band Nektar spielt im Exil in Göttingen

Das aktuelle Line-Up der „Megalomania“-Clubtour setzt sich zusammen aus dem gebürtigen Duderstädter, Sänger und Gitarristen Alexander Hoffmeister, dem aus Gieboldehausen stammenden Keyboarder Klaus Henatsch, der seit 2007 und damit am längsten dabei ist, dem Bassisten Tom Fry aus London und dem Schlagzeuger Norbert „Panza“ Lehmann aus Hamburg. Den hat Hoffmeister kurzerhand an Bord geholt, weil Albrightons Sohn Che nach den Aufnahmen von „Megalomania“ anderweitig unterwegs ist. Lehmann hat schon Banderfahrung bei Karthago, Epitaph und Jutta Weinhold gesammelt, Henatsch unter anderem bei Jane. Verstärkung geholt für das Heimspiel in Göttingen hat sich Hoffmeister, der in der Vergangenheit mit der Partyband Panzerknacker Erfolge gefeiert hat, mit Sandra Kawka und Helen Landzettel als Background-Sängerinnen.

Keinen Bock auf Liebeslieder

Gleich nach dem sphärischen Intro von „Tab in the ocean“ zeigten Keyboard-Kaskaden und eine treibende Gitarre, wohin die Reise geht. Nah am Original wurde der Progrock-Zauber der Seventies reanimiert. Hoffmeister hat sich eingefühlt in die Art, wie Albrighton Gitarre spielte, die Band greift den improvisationsfreudigen und verspielten Sound der 70er-Jahre auf. Nektar reloaded eben –inklusve Lightshow. Stücke in epischer Länge mit Zwischenparts wie „Remember the Future“ fehlten ebensowenig wie das balladeske „Now“, „Recycled“, „Where are we now?“, „Waves“, „Man in the Moon“ und Passagen aus dem psychedelischen Debütalbum „A Journey to the centre of the eye“.

Zeitkritisch, moderner, straighter und eingängiger sind die Stücke des aktuellen Albums – ohne Geschichte und Handschrift der Band zu verleugnen. „Megalomania“ sei ein politisches Album geworden, sagt der 66-jährige Ex-Panzerknacker Hoffmeister: „Ich hatte keinen Bock, ein Liebeslied zu singen. Dafür bin ich zu alt.“ Der Song „Enough is enough“ greift den durch Amokläufe ausgelösten Protest amerikanischer Schüler gegen die „irren Waffengesetze“ auf, „Where do we go to“ prangert Kriegstreiberei vom ersten Weltkrieg bis zu den Kriegen in Afghanistan und Syrien an. Nach mehr als drei Stunden Spielzeit mit Zugabe vor einem begeisterten Publikum ist Hoffmeister erleichtert und euphorisch: „Tragt es weiter. Nektar lebt und ist verdammt lebendig.“

Erinnerungen an die Seventies

Lebendige Erinnerungen an alte Tage verknüpften viele Gäste, die aus dem Tageblatt von dem Comeback mit Hoffmeister erfahren hatten, mit der Band. Die Gieboldehäuser Bernd Hähnel und Hartmut Schlote haben Nektar 1977 in der Winterland-Arena in Kalifornien gesehen und zücken zum Beweis die Tickets von damals. Keyboarder Klaus Henatsch kennen sie noch aus der „Gieboldehäuser Kultband“ Stunk-Band („Get your funk with a band called stunk“), dem Gegenpart zur Band „Fragile“ aus Duderstadt, in der Hoffmeister mit seinem Bruder progressiven Klängen frönte, unter anderem als support von Ufo, Colosseum und Manfred Mann’s Earth Band. Im Schützenhaus in Gieboldehausen, dem heutigen Niedersachsenhof, hat Friedrich Wollborn Nektar Anfang der 1970er-Jahre gesehen. Für den aus Bodensee stammenden 62-Jährigen, den die Live-Show beeindruckte, war das damals eine fremde und neue Welt.

Von Kuno Mahnkopf