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Regional 103 Zentimeter Mutterliebe
Nachrichten Kultur Regional 103 Zentimeter Mutterliebe
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11:43 29.01.2016
Von Peter Krüger-Lenz
Starkes Team: Felix Römer und Dominique Macri.      Quelle: Helmut Wenzel
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Göttingen

„Rock᾽n᾽Roll für Unmusikalische“ nennt Römer Poetry Slam.  Und noch mehr solcher Schlagwörter hat er an diesem Abend parat. „Ich versuche, immer erst dann zu schreiben, wenn ich was zu sagen habe. Und das dauert manchmal sehr lange“, sagt er beispielsweise. Nach 15 Jahren als Slammer auf deutschen Bühnen hat es jetzt für ein Buch gelangt, das 2015 erschienen ist. „Verhinderter Held“ heißt der schmale Band.

Römer und Macri, nicht nur Slammerin, sondern auch Diplom-Psychologin und Improtheater-Spielerin, ergänzen sich an diesem Abend prächtig. Er ist der eher kraftvolle, sie übernimmt den gefühligen Part, wenn sie beispielsweise von ihrem Mitbewohner liest, ihr Sohn, wie sich schnell herausstellt. 103 Zentimeter lang ist der Zettel, auf dem sie mutterverliebt vom Nachwuchs geschrieben hat, der zu der Zeit 103 Zentimeter groß war, „ein Meter und drei und jetzt schon so ein Riese“.

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Das Buch:

Felix Römer: „Verhinderter Held, Satyr-Verlag, 89 Seiten, 10,90 Euro.

Engagiert sind beide sehr. Sie liest einen Text, in dem sie schildert, wie ein Mann eine Frau auf dem Bahnhof schlägt, seine Ehefrau. „Alles selbst erlebt“, sagt Macri, auf dem Weg zu einem Poetry Slam in Luxemburg und im Zug schnell aufgeschrieben – „so entstehen Geschichten“, sagt Macri.

Römer trägt einen Text aus seiner Punk-Vergangenheit vor, auswendig, wie viele seiner Beiträge. Zu den Chaostagen nach Hannover wollte er mit einem Freund fahren. „Das Bier können wir auch dort trinken.“ Von der Polizei schon am Bahnhof abgefangen, landen sie in einem Vorort und treffen auf fünf glatzköpfige Neonazis und holen sich eine blutige Nase. Ein ehrenwerter Kampf.

Poetry- Slam ist ein Dach für alles, was du willst“, erklärt Macri schließlich. Ein bisschen demokratisch, ein bisschen anarchisch und mit bewusst gesuchtem Publikumskontakt. Ein Besucher wird immer wieder einbezogen, eine Besucherin möchte die beiden Slammer „nur mal anfassen“, was selbstverständlich genehmigt und für gut geheißen wird. Etwas anstrengend ist der Umgang mit einem der wenigen älteren Besucher im ausverkauften Literarischen Zentrum, der sich mit falschem Namen vorstellt und eher aufdringlich immer wieder einmischt. Die Slammer auf der Bühne lassen sich nichts anmerken und parieren die Attacken, so gut es geht. Noch ein ehrenwerter Kampf.

Reden wollte trotz mehrfacher Aufforderung sonst aber kaum jemand während der Vorstellung. Das sollten die Besucher dann im Anschluss tun. Sie wollten schließlich wissen „wie es euch gefallen hat – und wie ihr euch jetzt fühlt“, sagt Römer. Richtig rührend.