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Regional 20 000 Musikfans feiern 29. Open Flair Festival in Eschwege
Nachrichten Kultur Regional 20 000 Musikfans feiern 29. Open Flair Festival in Eschwege
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19:47 12.08.2013
Singen von Auflaufform und Blasenschwäche: „Monsters of Liedermaching“ feierten ihr zehntes Flair-Jubiläum vor vielen tausend Fans. Quelle: Mischke
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Eschwege

Wer geglaubt hat, das Festival würde ruhig angehen, der hatte sich schwer getäuscht. Nach einer Warm-Up-Party am Vortag herrschte am Donnerstagabend bereits dichtes Gedränge vor der Seebühne, direkt am idyllischen Werratalsee. Tausende ließen sich von den „Monsters of Liedermaching“ bespaßen, die bereits zum zehnten Mal beim Open Flair zu Gast waren. Die sechs Musiker könnten wohl auch aus dem Eschweger Telefonbuch vorsingen, die Fans kennen jeden Text. Heute geht es allerdings um Auflaufformen, Blasenschwäche, Schönheitschirurgie, Frösche ohne Tränendrüsen oder – ups – eine Salamandervorhautdiät.

Katzengleich springt sie über die Bühne

„Was machen die denn für Musik? Ich kenn’ die nicht“, fragt ein junges Mädchen, wohl Anfang 20, vor Beginn der nächsten Show. Nur Sekunden später bekommt sie die Antwort. „Skunk Anansie“, Alternative-Rockband der 90er Jahre, ist wieder da. In Originalbesetzung haben sich die Briten nach achtjähriger Trennung wieder zusammengefunden und spielen seit 2009 wieder Konzerte. „Skin“, charismatische Frontfrau mit jamaikanischen Wurzeln, scheint ausschließlich aus Adrenalin zu bestehen. Katzengleich springt sie über die Bühne, peitscht ihre Band nach vorne. Diese Stimme, kraftvoll, klar und auch in den höchsten Tönen noch sicher, dringt durch alle Poren – Gänsehaut. Immer wieder springt die Sängerin über die Absperrung ins Publikum. Singend lässt sie sich auf Händen tragen, entfesselt eine „Wall of death“ und steht selbst mittendrin. Eineinhalb atemlose Stunden prasseln Hits und Stücke der aktuellen CD auf die Besucher ein. Vorne rechts tanzt ausgelassen ein Mädchen um die 20.

Über 75 Bands und Solokünstler, mehr als 100 Auftritte an vier Tagen, 20 000 Besucher: Das 29. Open Flair Festival in Eschwege war ein voller Erfolg.

Country und Bluegrass lassen Fans ausrasten

Den Organisatoren des „Flair“ gelingt es seit Jahren, ein vielseitiges Programm auf die Bühnen zu bringen. Grundsätzlich rockorientiert, ohne aber dogmatisch andere Musikstile auszublenden. Ein Beispiel dafür konnten die Besucher am Freitag erleben: „Chuck Ragan“. Eine Band, in der sich zahlreiche ehemalige Mitglieder aus der Punk- und Hardcore-Szene zusammengefunden haben, um etwas ganz anderes zu machen. Country Folk und Bluegrass ließen die Fans vor der Freibühne ausrasten. Weitere Highlights: „Bad Religion“, in Ehren ergraute US-Westcoast-Punk-Legende, haben nichts von ihrer Power und Präsenz verlernt. Die Kanadier von „Danko Jones“ verstehen es immer wieder, mit brachialem Blues-Rock die Bühne zu pulverisieren, und NoFX tut es ihnen mit Hochgeschwindigkeitspunk nach. Leadsänger „Fat“ Mike Burkett ist von den übermannshohen beleuchteten Walkacts, die im Publikum auftauchen, anfangs irritiert, baut sie aber geschickt in die Show ein. Selten hat man Puppen so schön über den Köpfen des Publikums tanzen gesehen.

Kreischpegel steigt bei Casper

Rapper „Casper“ ist steil auf dem Weg nach oben. Nach Auftritten bei den angesagtesten Festivals der Republik gibt er sich auch in Nordhessen die Ehre. Der Altersdurchschnitt vor der Hauptbühne ist merklich gesunken, der Kreischpegel um annähernd denselben Faktor gestiegen. Benjamin Griffey, so heißt er mit richtigem Namen, scheint wild entschlossen, seine Bekanntheit in vollen Zügen zu genießen. Für einen Hip-Hopper etwas zu tapsig fährt er aber mit CO2-Konfetti-Kanonen und Feuersäulen die aufwendigste Bühnenshow des Festivals auf. Dicht gedrängt stehen die Fans, es sind wohl über Zehntausend, die den Auftritt des 31-Jährigen nicht verpassen wollen und ausgelassen ihren neuen Helden abfeiern.

Menschen in Ganzkörperkostümen

Auch der Sonnabend bietet allerlei musikalische Kurzweil. Trotz hochsommerlicher Temperaturen finden sich vor den Bühnen immer wieder lustig verkleidete Menschen in Ganzkörperkostümen ein: Affen, Kühe, Bären, Giraffen, Schweine und Pinguine stehen hoch im Kurs. Die holländische Rockband „Triggerfinger“ zieht die wohl meisten Luftgitarristen des Festivals an. Keine Wunder, haben sie doch in Sänger Ruben Block ein wahres Vorbild. Gefühlt bespielt er zu jedem Song eine andere Gitarre. „Biffy Clyro“, im Rahmen des NDR-2-Soundcheck-Festivals am 12. September in Göttingen zu Gast, machen nicht viele Worte. Ohne übermäßigen Kontakt zum Publikum überzeugen sie durch ihre Musik: feinstens arrangierte Soundperlen, von der Ballade bis zum Bombast-Rock.

Sportfreunde Stiller: Garant für Stimmung

Dass die „Sportfreunde Stiller“ ein Garant für gute Stimmung, sind weiß inzwischen wohl jeder, aber was da am Sonnabend in Eschwege abging, übertraf alle Erwartungen. Ein Handy-Meer flammte auf Ansage bei „Denkst Du denn da genauso“ auf. Mitsingchöre aus Tausenden von Stimmen jagten den Besuchern bei „Ich, Roque“ oder „Applaus, Applaus“ Schauer über den Rücken. Schwer zu toppen, die „Sportis“, aber die Flair-Organisatoren werden zum 30. Geburtstag im kommenden Jahr sicher noch ein As im Ärmel haben.