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Regional 27. Niedersächsische Musiktage: „Hildegard lernt fliegen“ in Fagus-Werken Alfeld
Nachrichten Kultur Regional 27. Niedersächsische Musiktage: „Hildegard lernt fliegen“ in Fagus-Werken Alfeld
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16:58 17.09.2013
Mit höchster Präzision und fast grenzenloser Freiheit: die Band „Hildegard lernt fliegen“. Quelle: EL
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Alfeld

2005 haben sich die sechs Musiker zusammengefunden, die meisten von ihnen standen kurz vor dem Abschluss an der Jazzklasse der Hochschule der Künste Bern. Der Bandname weist in die richtige Richtung: So hübsch verspielt und fantasievoll er ist, so klingt auch das, was „Hildegard lernt fliegen“ produziert und was von ihnen inzwischen ziemlich weltweit verbreitet wird. Sie waren in halb Europa unterwegs und haben in Russland und China Erfolge eingeheimst. Niedersachsen ist allerdings noch neu für sie. Alfeld war die dritte und letzte Station ihrer „Musiktage“-Tour.

Kombination verspricht musikalische Vielfalt

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Kennzeichen der Band sind höchste Präzision und (fast) grenzenlose Freiheit, unbändige Spielfreude und konzentriertes Aufeinander-Hören, zielgerichtete Improvisation und perfektes Zusammenspiel. Ein Sänger, drei Bläser und eine Rhythmusgruppe aus Kontrabass und Schlagzeug – diese Kombination verspricht musikalische Vielfalt. Und zwar mehr, als man denkt, denn Sänger Andreas Schaerer, Bandgründer und -leader, setzt seine Stimme längst nicht nur zum Singen ein. Er ist ein begnadeter Beatboxer, ersetzt also rein vokal ein komplettes Schlagzeug, kann aber ebenso mit derart echt klingenden Trompeten- oder Posaunentönen aufwarten, dass ein dreistimmiger Bläsersatz aus zwei Saxophonen und Posaune unversehens vierstimmig wird. Nicht zu vergessen: Er singt in allen Lagen von Sopran bis hinunter zum Bass – und das auch noch mit lupenreiner Intonation.

Solo-Kontrabassisten hohen Respekt abnötigen

Diese Flexibilität findet sich auch bei Schaerers Kollegen. Schlagzeuger Christoph Steiner ist zugleich ein flinker Schreibmaschinen-Schreiber und traktiert das Vibraphon virtuos, Posaunist Andreas Tschopp greift auch mal zur Tuba, die Saxophonisten Benedikt Reising und Matthias Wenger sind sowieso in der kompletten Familie dieser Instrumente zu Hause. Einzig Marco Müller beschränkt sich auf seinen Kontrabass. Doch was er da tut, würde selbst einem philharmonischen Solo-Kontrabassisten hohen Respekt abnötigen.

Stilistisch ist „Hildegard lernt Fliegen“ nichts fremd – von Modern Jazz bis Free Jazz, von Dada bis Nonsens, von lyrisch verhalten bis wild chaotisch. Die Übergänge zwischen Sprache, Gesang und Instrumentalmusik sind fließend, die kreative Freiheit beneidenswert riesig. Die musikalischen Nummern hat sämtlich Andreas Schaerer geschrieben, der zeitweise auch in die Hiphop-Richtung zielt.

Workshop mit „Hildegard lernt fliegen“

Zum Publikum im ausverkauften Saal gehörten Schüler der Klasse 10b der Carl-Benscheidt-Realschule, die vormittags an einem Workshop mit „Hildegard lernt fliegen“ teilgenommen hatten. Sie dürften sich am Ende ebenso kurz vorm Abheben gefühlt haben wie die übrigen rund 350 Zuhörer. Tobende Begeisterung – und als letzte Zugabe Musik zu sechst an einem Kontrabass. Wahnsinn.

► „Hildegard lernt fliegen“ gastiert am Sonnabend, 9. November, um 24 Uhr beim  Göttinger Jazzfest im Deutschen Theater.

Von Michael Schäfer