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Regional Allgemeine Gesundheit als höchstes Staatsziel
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22:22 04.09.2009
Nähe und Distanz zugleich: Mia Holl (Henrike Richters) mit ihrem Bruder Martin (Florian Lenz).
Nähe und Distanz zugleich: Mia Holl (Henrike Richters) mit ihrem Bruder Martin (Florian Lenz). Quelle: Eulig
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Nass ist es auf der Bühne. Eine flache Wanne Wasser, ähnlich wie die Desinfektionsbäder vor den Viehställen in Zeiten des Rinderwahns, eine Dusche, die offenbar alle Keime abtötet. Hinten auf der Bühne eine Gerichtssitzung.Hier wird über Menschen befunden, die gegen die „Methode“ verstoßen haben, die Nikotin oder Ethanol zu sich genommen haben, wissend, dass derartige schädliche Substanzen verboten sind.
Der Staat garantiert Gesundheit, garantiert also das körperliche Glück. Und setzt das mit allen Mitteln durch. Dargestellt wird dies am Schicksal der Hauptfigur Mia Holl, die am Ende gefoltert und vor Gericht gestellt wird. Sie sei eine Terroristin, heißt es: Denn sie verstößt gegen den Grundsatz, gesund und glücklich zu sein.

Brillant formuliert

Die Autorin Juli Zeh ist studierte Juristin. Dass sie sich in diesem Metier auskennt, prägt das ganze Stück – auch sprachlich. These folgt auf These, die Plädoyers des Staatsanwalts klingen nach echtem Gericht, die Staatstheorien des Journalisten Heinrich Kramer sind logisch brillant formuliert, auch wenn sie jeglicher Menschlichkeit widersprechen.
Dieses Können der Autorin ist zugleich ihr Problem. Denn „Corpus Delicti“ ist ein verkopftes Stück, in dem vorgeblich Schicksale vorgeführt werden, in Wahrheit aber handelnde Personen zu Thesentransporteuren gemacht werden.
Dieser Gefahr begegnet Regisseur und Hausherr Andreas Döring mit vielen Kunstgriffen – etwa stimmungsfördernden musikalischen Hintergründen und Einlagen (Tiana Kruskic), wirkungsvoll eingesetzten Videokameras, Körpertheater im Wasserbad mit gefährlichen Rutschpartien. Sehr emotional sind die Dialoge aufgeladen, am Ende muss Mia (stark in ihrer Verletzlichkeit: Henrike Richters) so viel schreien, dass man die Worte kaum noch versteht.

Nur bedingt sinnlich

Aber vollends beseitigen kann Döring die Theorielastigkeit von „Corpus Delicti“ nicht. Auch Martin Käsers einfallsreiche Ausstattung mit den Milchglasscheiben, die Nähe und Distanz zugleich akzentuieren, kann nur bedingt sinnliche Eindrücke vermitteln.
Seine logisch brillanten Thesen liefert Dirk Böther als Journalist Kramer mit perfekt infamer Überheblichkeit (und hier und da zu schnellem Sprechtempo). Dave Wilcox versteht es, dem Anwalt Rosentreter recht überzeugend sympathische Züge zu verleihen, die sich am Ende ins Gegenteil verkehren. In der Rolle der Richterin kommt Anne Düe bei aller Entschlusskraft eigentümlich lieb daher: So sieht wohl Dörings Vorstellung dieser Figur aus, was nicht ganz überzeugt. Thomas Hof als Staatsanwalt fällt etwas ab, seine Souveränität ist doch eine arg gespielte. Dafür hat Florian Lenz in der Doppelrolle des Bruders Moritz Holl und der „idealen Geliebten“ viele Möglichkeiten, seine Wandlungsfähigkeit zu zeigen.

Termine im September: 5., 8., 9., 16., 22. und 30. um 20 Uhr, 18. September um 19.30 Uhr. Karten an der JT-Theaterkasse, Hospitalstraße 6, Telefon 0551/495015.

Von Michael Schäfer

03.09.2009
03.09.2009
03.09.2009