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Regional An den Grenzen zwischen Fiktion und Realität
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19:00 29.11.2010
Hausautorin am Deutschen Theater in Göttingen: Nino Haratischwili.
Hausautorin am Deutschen Theater in Göttingen: Nino Haratischwili. Quelle: Heller
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Sie steht im Mittelpunkt des zehnten „Hausbesuchs“ aus der Reihe, die das Literarische Zentrum organisiert. Haratischwili, die längst kein Geheimtipp mehr ist, Spalten im Spiegel, in der Taz oder in der Süddeutschen Zeitung füllt, ist gekommen, um ihren Debütroman „Juja“ (Verbrecher Verlag) vorzustellen. Die 27-jährige, in Tiflis geborene Georgierin verließ ihre Heimat, um nach einem Filmregie-Studium, das sie noch in der georgischen Hauptstadt ablegte, in Hamburg ein Theaterregie-Studium zu absolvieren. In diesem Jahr gewann sie den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis und inszenierte am Deutschen Theater (DT) Göttingen ihr Stück „Zorn“. Haratischwili ist seit Beginn der Spielzeit Hausautorin des DT.

Die junge Frau mit den langen dunklen Haaren und den braunen besonnenen Augen verliert keine Zeit. Sie steigt direkt in die Lesung ihres Episodenromans „Juja“ (sprich: dschuscha) ein.
Unvermittelt werden die Wohnzimmer-Besucher hineingeworfen in die Erzählung, die auf einer wahren Geschichte beruht. „Zufällig“ habe Haratischwili sie vor drei Jahren entdeckt, denn sie sei ja nicht erst seit gestern Prosa-Autorin. Von einem leicht gestörten Mädchen handele die Vorlage beziehungsweise Inspiration für ihr Buch.

Dieses Mädchen, Danielle Sarréra, ist ein Mythos. Angeblich hat sie sich im Alter von 17 Jahren am Pariser Nordbahnhof das Leben genommen, nachdem sie ihren Weltschmerz in ihren Tagebüchern notiert hatte. Aufgrund der posthumen Veröffentlichung ihrer Texte wurde sie vor allem in feministischen Kreisen zur Ikone. Und angeblich seien einige Frauen ihr gefolgt, ein Phänomen à la Werther gefolgt. Ob der französische Verleger Frédérick Tristan sie nicht auch als fiktive Dichterin stilisiert hat, ist nicht geklärt. Macht aber nichts. Haratischwili mag das Spiel mit den Grenzen zwischen Fiktion und Realität.

Die junge Autorin wollte diese Geschichte mit den wenigen Fakten und vielen Legenden wiedererzählen, nur ohne das ihr eigene Düstere, Kryptische und Blasphemische. In „Juja“ gibt es viele Figuren, die jede auf ihre eigene Art und Weise mit Danielles Mythos verwoben sind. „Ich habe versucht, jeder Figur ihre eigene Sprache zu geben“, sagt die aufstrebende Schreiberin. Während der 60 Minuten, in denen sie ausgesuchte Passagen verliest, wird deutlich, dass es ihr gelungen ist, aus etwas Altem etwas Neues zu machen. Das macht ihr, die etwas gegen den „Uraufführungshype“ hat, Freude. Mit ihrem Debütroman will Haratischwili, die mit der Prosa verheiratet ist und mit dem Theater nur fremd geht, wie sie sagt, keine Schubladen aufmachen. Vielmehr zeichnet sie ganz individuelle Charaktere, die das tun, was sie sollen: die Wucht von Danielles Poesie erfahrbar machen. Ihre Worte ziehen Hörer und Leser in den Bann.

Es gibt Leute, die ihre Pflanzen „immer rechtzeitig gießen“, und jene, die das „immer zu spät tun“. Es gibt fahrradfahrende Mütter mit Bauernhöfen in Belgien und Frauen, die bereit sind, für die Kinder ihres Partners „fett zu werden“. Da ist eher wenig Düsteres, eher mehr Ironie, Lakonie und Zynismus. Das Wohnzimmer ist amüsiert, und man geht mit einem Schmunzeln und ohne Selbstmordgedanken in den gemütlichen Teil des Abends über, um sich bei Käse und Wein über „Juja“ auszutauschen.