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Regional Andor der Spielmann
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17:08 27.12.2011
Starke Stimmen in der Göttinger Johanniskirche 2010: der Europäische Synagogalchor. Quelle: PH
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Es handelte sich um jüdisch-liturgische Musik des 19. Jahrhunderts. Izsák erzählte dem Publikum auch von den Komponisten dieser Chorsätze, von den jüdischen Kantoren des 19. Jahrhunderts und von der Orgel in der jüdischen Liturgie, die erstmals im Jahr 1810 in der Synagoge von Seesen benutzt wurde.

Dieses spannende Konzert, in dem unter anderem Werke von Louis Lewandowski und Salomon Sulzer zu hören waren, dürfte den meisten Zuhörern bis heute im Gedächtnis geblieben sein, ebenso der Eindruck, den Izsák hinterließ: ein uneitler Musiker, der seine Kenntnisse unterhaltsam und charmant vermittelte, der von der Sache, die er vertrat, zutiefst durchdrungen war.

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Izsák, geboren 1944 in Budapest, ist seit 2003 Professor für Synagogale Musik an der Musikhochschule Hannover. Seine bewegte und bewegende Lebensgeschichte erzählt Arno Beyer in dem jüngst erschienenen Buch „Andor der Spielmann. Ein jüdisches Musikerleben“.

Izsáks Kindheit in einer frommen jüdischen Familie in Budapest ist überschattet von den Repressalien der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, von den Judenverfolgungen, von den Schicksalsschlägen, die seine Familie treffen. Und auch später noch werden die ungarischen Juden vom sozialistischen Regime verfolgt. In dieser Umgebung lässt sich Izsák in einer katholischen Kirche vom Klang der Orgel faszinieren, lernt das Orgelspiel und Dirigieren. Eines Tages lernt er die lange vergessene synagogale Musik des 19. Jahrhunderts kennen, in der die Orgel eine wichtige Rolle spielte. Ein jüdischer Kantor hatte sie in einem vergessenen, verstaubten Notenschrank in einer Budapester Synagoge wiederentdeckt. Und fortan macht sich Izsák mit Begeisterung und Zähigkeit daran, seinen Traum zu erfüllen: der Orgelmusik in der jüdischen Synagoge wieder eine Heimat zu geben.

Das alles hat Arno Beyer sich von Izsák erzählen lassen und in einer knappen, humorvollen Sprache niedergeschrieben, die ohne Zweifel viel von Izsáks Wesen verrät. Man bewundert die Kraft, mit der sich Izsák gegen Widerstände von allen Seiten durchsetzt, bis es schließlich zur Gründung des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik kommt, das seit 1992 in Hannover angesiedelt ist (www.ezjm.hmtm-hannover.de). Diese spannende Lebensgeschichte ist zugleich ein fesselndes Zeitbild.

Arno Beyer: Andor der Spielmann. Ein jüdisches Musikerleben. 279 Seiten, Olms Verlag, Hildesheim 2011, 19.80 Euro.

Von Michael Schäfer