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Regional Angewidert vom sozialen Schauspiel: „Der Vortrag“ im DT Göttingen
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10:00 23.01.2020
„Pellet seziert die Verhältnisse, in denen wir leben“: Regisseur Gerhard Willert (l.), Schauspieler Bastian Dulisch. Quelle: Richter
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Göttingen

Gerhard Willert inszeniert im Deutschen Theater Göttingen die Deutschland-Premiere des Stücks „Der Vortrag“ des französischen Autors Christoph Pellet. Am Freitag, 24. Januar, interpretiert Schauspieler Bastian Dulisch den Protagonisten, der fürs Theater in Frankreich schreibt und – angewidert ins Ausland flieht.

Die Hauptfigur des Stücks ist gleichzeitig Solist: Der halbwegs erfolgreiche Texter Thomas Blanguernon kehrt dem Schauspiel (dem im Theater und dem, das die Gesellschaft ihm aufhalst) den Rücken und versucht sein Glück im Nachbarland. Er findet Asyl in Berlin. Als ihm das Geld ausgeht, geht er zurück in die ursprüngliche Bredouille: Der Stückeschreiber akzeptiert die Einladung zu einem Vortrag auf der Konferenz einer Kulturinstitution des französischen Staats – er taucht wieder auf im Milieu, das er verachtet. Sein Tema: die Krise des Theaters.

Autor Pellet hat das Buch mit dem Titel „Der Vortrag“ 2009 im Verlag L’Arche veröffentlicht. Regisseur Willert sagt, Autoren zu entdecken, „ist eine meiner großen Leidenschaften“. Den Hinweis auf Pellet habe er von einem englischen Dramatiker erhalten. Der Tipp sei so „großartig“ gewesen wie der französische Autor und dessen Werk: „Ich liebe den Text.“

Der Regisseur: Für Schauspieler Dulisch ist der „Vortrags“-Text „ideal“

Willert traf Pellet in Berlin. Nach einem zweistündigen Gespräch habe er den ihn gefragt, „ob ich das Buch übersetzen darf. Er sagte, es sei ihm ein Vergnügen.“ Die deutschsprachige Premiere inszenierte Willert im Oktober 2018 in Linz. Seit 1998 ist er Schauspieldirektor am Landestheater in der oberösterreichischen Stadt – und Dulisch war damals Ensemblemitglied. Für den DT-Schauspieler, so Willert, sei der „Vortrags“-Text „ideal“.

Der Regisseur versucht, dem „Text auf den Grund zu gehen, den Kern der Geschichte“ wiederzugeben. Die Bezeichnung Werktreue scheue er zwar, „weil der Begriff sehr unscharf benutzt wird“; allerdings komme die künstlerische Gestaltung einer werkgetreuen Inszenierung sehr nahe. Als er das Buch zum ersten Mal las, habe ihn das Stück „angesprungen: Es macht physisch etwas mit mir. Es für andere zu inszenieren, kann man werkgetreu nennen.“

Willert inszeniert 2018 Ibsens „Ein Volksfeind“ im Deutschen Theater

Willert und Bulisch haben den „Vortrag“ etwa zehnmal in Österreich auf Bühnen gebracht – jetzt folgt die Erstaufführung in der nördlichen Bundesrepublik. Der Ort des Geschehens ist Willert bekannt: 2018 hat er Ibsens „Ein Volksfeind“ am Deutschen Theater inszeniert. Regisseur und DT-Intendant kennen sich „schon lange“, sagt Erich Siedler – von Inszenierungen Siedlers in Linz.

Für ihn sei es attraktiv, unterschiedlichste Regisseure zu engagieren („vom Alter bis zur Sozialisation“), die mal einen anderen Ansatz ins Spiel bringen. „Willert arbeitet sehr stark an der Rolle und mit dem Schauspieler.“ In Kombination mit dem Stück, das „einen reizvollen Rundblick, ein Panorama“ auf Theaterbetrieb und Gesellschaft biete, sei das Gesamtpaket mehr als interessant.

„Willert arbeitet sehr stark an der Rolle und mit dem Schauspieler“, sagt DT-Intendant Erich Siedler. Quelle: Richter

Im Ankündigungstext des Stücks heißt es unverblümter: „Auf hinterhältige Art und Weise benutzt Pellet in diesem Text die Matrix des Theaters als Sprungbrett für eine radikale Kritik unserer neoliberalen, konsumtrunkenen gesellschaftlichen Verfasstheit.“ Protagonist Dulisch/Blanguernon liefere „ein so virtuoses wie furioses, so gallig komisches wie abgrundtief trauriges Solo der Verfluchung und Verwünschung“.

Pellet seziert die Verhältnisse, in denen wir leben“

Pellet „seziert die Verhältnisse, in denen wir leben“, sagt Willert. Er attackiere den „Konsumrausch, die Ellbogengesellschaft, in der das Abweichende in der Tendenz immer weggebügelt wird“ – ein Angriff „mit Thomas Bernhardscher Vehemenz“.

Tickets für die Aufführungen sind an der Theaterkasse, 0551/4969-300, erhältlich. Die Deutschland-Premiere am Freitag, 24. Januar, beginnt um 20 Uhr. Weitere Aufführungen im Deutschen Theater: Freitag, 31. Januar, und Donnerstag, 27. Februar – jeweils um 20 Uhr.

„Der Vortrag“ zur Krise des Theaters – vom Staat ausgezeichnet

Autor Christoph Pellet, 1963 in Toulon geboren, studierte Literatur in Aix (Provence) und Drehbuchschreiben in Paris. Seine ersten Texte seien für den Rundfunk entstanden. Zudem drehe er Filme „jenseits des Mainstreams, die unter anderem im Centre Pompidou gezeigt werden“, heißt es auf der Homepage des Theater Phönix Linz. Und: Dass Pellet mit dem 2009 veröffentlichten Stück „Der Vortrag“ die aktuell „tobende Migrationsdebatte scheinbar wie nebenbei aufgespießt hat, kann man nur als visionär bezeichnen“. Ironischerweise sei er für den „Vortrag“ vom französischen Kulturministerium mit dem Grand Prix de Littérature Dramatique ausgezeichnet worden.

Für die deutschsprachige Erstaufführung von „Der Vortrag“ habe sich das aus dem Landestheater Linz hervorgegangene „Nachtspiel“ mit Harald Gebhartl (Theater Phönix) und Willert (langjähriger Schauspieldirektor des Linzer Landestheaters) vernetzt. Gerhard Willert hat in Großbritannien, an zahlreichen deutschen Häusern (unter anderem am Thalia Theater und am Mannheimer Nationaltheater), am Schauspielhaus Wien inszeniert. Ab 1998 ist der 62-Jährige Schauspieldirektor am Landestheater Linz.

Von Stefan Kirchhoff

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