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Regional Ariel Doron beeindruckt mit einem Krieg im Kinderzimmer
Nachrichten Kultur Regional Ariel Doron beeindruckt mit einem Krieg im Kinderzimmer
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16:24 22.02.2019
Unschuldig dem Tod ins Auge schauen: Ariel Doron und sein Plüschtiger Plastic Heroes Figurentheatertage
Unschuldig dem Tod ins Auge schauen: Ariel Doron und sein Plüschtiger Plastic Heroes Figurentheatertage Quelle: Fotos: Linnhoff
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Göttingen

Wer ist der Feind und was das Ziel? Ariel Doron lässt in seinem Stück „Plastic Heroes“ die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und verlegt seinen Kriegsschauplatz in ein Kinderzimmer. Als Protagonisten fungieren bei seinem ironischen Aufmarsch im ausverkauften Apex ein Plüschtiger und lauter Plastikspielzeug.

Der israelische Regisseur und Puppenspieler studierte Figurenspiel und Film in Jerusalem und Tel Aviv bevor er sich zusätzlich in Workshops unter anderem bei Neville Tranter, der mit seinen lebensgroßen Klappmaulpuppen ebenfalls auf den Figurentheatertagen vertreten war, stilistisch weiterbildete. Seine Stücke präsentiert Doron inzwischen auf Festivals in der ganzen Welt. Schon der Schauplatz und die Darsteller sind absurd. Ein schlichter Tisch dient als Schlachtfeld, auf dem sich fortan ein Plüschtiger, Barbiepuppen, Plastiksoldaten und weiteres Kriegsspielzeug tummeln. Wer dort gegen wen kämpft ist irrelevant. Doron setzt in seiner Inszenierung ausschließlich industriell gefertigtes Spielzeug ein.

Das Kinderzimmer wird zum Kriegsschauplatz, wenn er die Spielzeugfiguren zum Leben erweckt. Einen großen Plüschtiger lässt er aufmerksam beobachten, was in seinem Wüstenrevier so vor sich geht. Interessiert aber auch irritiert sieht dieser dem Anrollen eines Miniaturpanzers zu, beäugt ihn von allen Seiten, spielt mit ihm wie eine Katze mit der Maus und legt fast zärtlich seine Pfote auf das Kriegsgerät. Für Doron symbolisiert der Tiger die Unschuld. Er sieht die Dinge, aber scheint sie nicht zu verstehen. Zu Fanfarenklängen und zackigen Befehlstönen lässt Doron Panzer anrollen und Soldaten aufmarschieren. Dann erfolgt ein abrupter Szenenwechsel. Es ist nur noch das Zirpen von Grillen zu hören, wenn er einen Soldat minutenlang an einer Mauer patrouillieren lässt. Allein diese Szene dokumentiert mit einfachsten Mitteln die Trost- und Sinnlosigkeit des Krieges. Zwischendurch wird der Zuschauer akustisch Zeuge, wie der Soldat sich auf dem Handy Pornos anschaut, um anschließend, nach dem Genuss einer Cola, seine Blase in Richtung Publikum zu entleeren. Dieser Moment ist urkomisch und besonders für die Besucher in den ersten Reihen auch spürbar in Szene gesetzt.

Mittels einer Alarmsirene und Granatengeräuschen schreckt Doron den Tiger wieder auf, der verstört mitansehen muss, wie Hubschrauber mit lauten Rotoren in seinem Refugium landen und erneut Soldaten aufmarschieren. Herrlich demaskierend zeigt Doron mit Hilfe zweier I-Pads eine Skype-Video-Konferenz zwischen einem Soldaten und seiner Familie, in der sich beide Seiten nur Belanglosigkeiten zu erzählen haben.

In der nächsten Szene lässt er drei Soldaten per Batteriebetrieb über das imaginäre Schlachtfeld robben und verleiht ihnen eine zackige Stimme, wenn sie sich per Funk verständigen. Einer von ihnen desertiert und will fortan kein Soldat, sondern lieber ein Star sein. Zu heißer Musik dreht sich eine Diskokugel, bis diese Szenerie abrupt krachend von einem Feuergefecht unterbrochen wird. Zurück bleibt ein Schlachtfeld mit einem toten Tiger und brennenden Panzern und Hubschraubern, zwischen denen Soldaten tanzen. Edwin Stars „War“ beendet den Spuk lautstark.

Auf faszinierende Weise mit einfachsten Mitteln in Szene gesetzt, ist Dorons Stück ein Werk feinster Ironie im Kontext von absurd medial aufbereiteter heroischer Kriegswelten und deren Demontage, komisch, aufrüttelnd und erschreckend zugleich. Applaus bekommt er dafür reichlich. Beide Abende im Apex waren ausverkauft.

Von Jörg Linnhoff