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Regional „Außer Kontrolle“ feiert Premiere im Deutschen Theater
Nachrichten Kultur Regional „Außer Kontrolle“ feiert Premiere im Deutschen Theater
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16:44 24.02.2019
Viel los in der Suite: Der Minister (links, Christoph Türkay) muss mit Hilfe von Herrn Weber (Maco Matthes) die Leiche (Lutz Gebhardt) ensorgen. Des Ministers Lover (Daniel Mühe) entfleucht durchs Fenster. Quelle: Isabel Winarsch
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Göttingen

Hinsetzen, anschnallen, lachen: Im Deutschen Theater hat das Stück „Außer Kontrolle” Premiere gefeiert – mit einem begeisterten Publikum. Viele Besuchern hatten, als sie in die Pause gingen und nach Vorstellungsende, ein sehr, sehr breites Lächeln im Gesicht.

„Kabarett der Konservativen“: Ein Tänzchen mit der vermeintlichen Leiche. Quelle: E-Mail-GTB

Tempo, Witz und eine schwindelerregende Rasanz hat Regisseurin Antje Thoms in das Stück gepackt. Angelegt wie ein klassisches Boulevardstück – Tür auf, Tür zu, ab in den Schrank – ist es doch viel mehr. Herrlich: die spitze Überzeichnung der Charaktere und das überraschende Ende.

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Das sind der „Herr Minister” (Christoph Türkay) und sein Mitarbeiter, der es natürlich gewohnt ist, bis zur Selbstaufopferung die unschönen Seiten der Arbeit für den Chef zu erledigen. Wunderbar, wie spießig Marco Matthes in der Rolle des Herrn Weber die Bühne betritt. Mit seinem Fahrradhelm unterm Arm und dem reflektierenden Klettband, das das Hosenbein ebenso zusammenhält wie Weber bislang die Moral im Büro. Den Oskar für die beste Nebenrolle des Abends erhält: Die Leiche. In Cordhose hängt Lutz Gebhardt so schön schräg im Schrank, dass er sogar ohne Worte (erst in der zweiten Hälfte darf er sprechen) unglaublich witzig ist.

Eine Liebhaber wie aus dem Ralf-König-Comic

Die Geschichte, die der Brite Ray Conney in seiner Farce 1991 noch mit einer Frau als Affäre des Ministers geschrieben hat, erzählt Thoms mit einem Mann als Lover – der aus der Opposition des Niedersächsischen Landtags kommt. Daniel Mühe als Liebhaber wirft, als er sich aus seinem rosafarbenen Anzug pellt, lasziv eine Krawatte auf den Boden und räkelt sich einer dunkelroten Unterhose wie aus einem Ralf-König-Comic auf dem Sofa.

Der Minister und sein Lover. Quelle: Isabel Winarsch

Natürlich ist auch er verheiratet, im Gegensatz zum Minister aber mit einem eifersüchtigen Mann. Und dann hängt da plötzlich die Leiche, eingeklemmt im Fenster, hinter dem Vorgang. Das Fenster, das die heimliche Hauptrolle der Geschichte übernimmt, wird noch häufiger mit einem lauten Knall wie eine Mausefalle zuschnappen.

„Minister bei Homosex-Orgie“

Immer, wenn der Hotelmanager (Nikolaus Kühn) das Hotelzimmer betritt, ist im Laufe der Handlung irgendjemand in eine mehr oder weniger kompromittierende Situation verstrickt. „Minister bei Homosex-Orgie mit Opposition und Leiche erwischt”: Diese Schlagzeile will der Politiker vermeiden und das turbulente Spiel nimmt seinen Lauf.

Alfons-Edgar (Paul Wenning, Mitte), betagter Page. Quelle: Isabel Wilnarsch

Der arg in die Jahre gekommene Hotelpage Alfons-Edgar (Paul Wenning) wird nicht müde, stets den „rassig-mineralischen” 2013er Weißwein in einem runtergeleierten Singsang aus Weinkenner-Phrasen anzupreisen, wenn er sich in seinem roten Anzug wie ein solcher Faden durch die Handlung zieht: „Haben Sie bemerkt, dass wir hier auch Türen haben?” fragt er in die Runde, die sich im Zimmer angesammelt hat und häufig das Fenster als Ausgang der Wahl bevorzugt.

Sowohl durch die Türen als auch durch das Fenster geht es ständig rein und raus. Das Bühnenbild von Florian Barth: Eine Suite des Maritim-Hotels in Hannover im schicken 60er-Jahre-Look, Ausblick auf den Airport durch das Fenster, das den einen oder anderen Blackout verursacht. Auch die farbigen aber klassischen Anzüge (Kostüme: Thoms und Ilka Kops) lassen das Stück zeitlos erscheinen. Manchmal spielt Jan-S. Beyer auf der Hammond-Orgel vor der Bühne Lieder wie Killing me softly im Retrosound.

Unverzichtbar: Der Wandschrank

Die linke Tür des Bühnen-Hotelzimmers führt auf einen Flur und in Richtung der gegenüberliegenden Suite (in der nicht nur Herr Weber ab und zu zwischengelagert wird). Die rechte führt ins Schlafzimmer. Und dann gibt es ja noch den unverzichtbaren Schrank und eine Sofa-Garnitur. Mehr ist nicht nötig.

Außer dem Minister und Herrn Weber treten auf: Der Lover des Ministers und dessen rasend eifersüchtiger, aber auch zu Tränen neigender Gatte (Roman Majewski). Der hat einen Detektiv beauftragt, um den Ehemann zu überwachen (Gebhardt). In der zweiten Hälfte kommen auch zwei Frauen ins Spiel, nämlich die Gattin des Ministers (Mirjam Sommer) und die Krankenschwester von Webers Mutter (Gaby Dey). Um dem Minister den Ruf zu retten, übernimmt Weber unter anderem die Funktion des Ehemanns des Ministerlovers, was den echten Ehemann rasen lässt, und die Rolle des Arztes des komatösen Bruders. Als solchen versuchen Weber und Minister die vermeintliche Leiche, die im Fenster hängt, in einem Rollstuhl im Moor zu entsorgen. Unübersichtliche Lage? Genau.

Was für ein Spaß

Es ist jede Sekunde ein unglaublich unterhaltendes Spiel, das Thoms auf die Bühne gebracht hat. Die Zuschauer lachen, manchmal gibt es kleine Zwischenrufe, wenn jemand erwartet, dass das Fenster zuschnappt – es aber gerade dann nicht passiert. Das Publikum geht mit, hat Spaß und belohnt das turbulente und schweißtreibende Spiel der Schauspieler mit langem und intensiven Applaus. Was für ein Spaß.

Das Stück „Außer Kontrolle“ ist demnächst im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11, zu sehen um 19.45 Uhr am Freitag, 1. März, Freitag, 15. März, und Sonnabend, 30. März. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, sowie unter gt-tickets.de erhältlich.

Von Britta Bielefeld