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20:43 09.01.2018
Artem Gurvich Quelle: Foto: Hinzmann
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Göttingen

Die Ausstellung „Religramme“ ist am Dienstagabend in der Aula des Max-Planck-Gymnasiums am Theaterplatz in Göttingen eröffnet worden. Angehörige dieser Religionen, darunter der gebürtige Russe Artem Gurvich, der in Göttingen lebt, schildern ihr Leben mit dem Glauben. Die Schau bietet die Möglichkeit, mit ihm und den anderen Angehörigen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften real und virtuell in Kontakt zu treten.

Seit sieben Jahren lebt Artem Gurvich in Göttingen. Geboren allerdings ist er er in Moskau, sein Vater Jude, seine Mutter nicht. Inzwischen ist Gurvich, der seit Juli 2017 einen deutschen Pass besitzt, zum Judentum übergetreten - gleich zweimal. Seine geistliches Zuhause ist die Liberale jüdische Gemeinde in Göttingen.

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Ausschlaggebend für seine Beschäftigung mit dem Judentum seine - nichtjüdische - Mutter gewesen, erzählt Gurvich vor der Eröffnung der Wanderausstellung „Religramme“. Auf dem Kopf trägt er eine Kippa, das Haar kurz geschnitten. Sie habe „zum richtigen Zeitpunkt verstanden, dass die jüdische Philosophie sehr tief ist“ und ihm nahegelegt, sich damit zu beschäftigen. Schon in Moskau nahm Gurvich dann Kontakt mit einem Rabbiner auf, 17 oder 18 Jahre alt sei er damals gewesen. Seine Entwicklung hin zum Judentum sei nach und nach passiert. Das habe mit Reife zu tun, mit dem Verständnis des tieferen Sinns.

Prozedur zwei Mal unterzogen

Seinen erste Giur, den Übertritt zum jüdischen Glauben, habe er nach dem reformierten Verfahren absolviert. Kein Problem, wenn man von einer jüdischen Mutter geboren worden sei, erläutert er. Sein Problem war allerdings, dass das liberale Ritual von den orthodoxen Juden nicht anerkannt werde, berichtet Gurvich. Also unterzog er sich ein zweites Mal der Prozedur, diesmal mit strengeren Regeln. Die bewusst gewählte Folge: „Man macht mehr, man begrenzt sich mehr.“

Gesichter der Religionen

„Unkompliziert, fundiert und authentisch“, so wollen die Organisatoren der Ausstellung „Religramme“ den Zugang zu den sechs großen Weltreligionen ermöglichen. Mit Angehörigen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften sollen die Besucher real und virtuell in Kontakt zu treten können. Wolfgang Reinbold entwickelte die Konzeption, die auf drei Komponenten basiert: Der Ausstellungskorpus besteht aus den Porträts von 20 niedersächsischen Frauen und Männern, die sich und ihre Religion vorstellen. In Statements erzählen sie von ihrem Glauben und welche Bedeutung er für ihren Alltag hat. Dazu sind Gegenstände aus unterschiedlichen Religionen ausgestellt, es gibt interaktive Stationen und Originaltöne zu hören. Die zweite Komponente existiert im virtuellen Raum: Auf Instagram unter #religramme_ausstellung können Interessierte mit den Porträtierten und den Religionsgemeinschaften Kontakt aufnehmen, Bilder geposten oder Fragen stellen. Die dritte Komponente ist ein begleitendes Rahmenprogramm, in Göttingen von vielen Menschen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften gestaltet. Die Ausstellung ist bis Mittwoch, 7. Februar, montags von 13 bis 17 Uhr, dienstags bis freitags von 11 bis 19 Uhr in der Aula des Max-Planck-Gymnasiums, Theaterplatz 10 in Göttingen, zu erleben. Schulklassen können sie nach Anmeldung unter religramme@esg-goettingen.de auch wochentags von 8 bis 13 Uhr besuchen.

Die Prüfung, die Kandidaten vor dem Übertritt ablegen müssen, ist nicht einfach. „Man muss zeigen, dass man jüdisch lebt“, erläutert Gurvich. Dazu zählen unter anderem das Einhalten des Schabbat und das koschere Essen. Die drei Rabbiner des Hauses der Gesetze, wie Gurvich es nennt, legen den Zeitraum fest, über den der Proband seine Tauglichkeit belegen muss. Die Rabbiner führen während der Zeit Interviews, um die Motivation für den Übertritt zu ergründen. Wer nur jüdisch heiraten wolle, schaffe diese Hürde nicht, sagt Gurvich. Auch lerne man das jüdische Gesetz im Detail, erklärt Gurvich, „ziemlich krasse Details“.

Shlomo – sein neuer Vorname

Am Ende stehe dann eine einstündige Prüfung, für die viel auswendig zu lernen sei, er kenne das, er habe Medizin studiert. Für Männer stehe dann die Beschneidung an. „Wenn die Wunden verheilt sind, folgt die Mikwa, das rituelle Bad. Gurvich: „Man geht hinein als Nichtjude, taucht unter und kommt wie ein neugeborener Mann mit einer neuen jüdischen Seele wieder heraus.“ Seit er übergetreten ist, stellt er sich zumindest in jüdischen Kreisen als Shlomo vor, sein neuer Vorname. Mit dem Übertritt sei die Entwicklung allerdings längst nicht abgeschlossen. Das wird sie. Nie sein, meint Gurvich: „Der Weg ist das Ziel. Man lernt immer weiter. Das ist endlos.“ Allerdings kommt ihm dieser Umstand wohl entgegen. „Ich habe einen inneren Drang zu lernen“, sagt er von sich und blickt dabei auch auf andere Religionen.

Gerade in dieser Zeit kämen Vertreter unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammen an einen großen Tisch, schildert Gurvich sein Erleben. Eine Vermischung allerdings lehnt er konsequent ab. „Das Ziel kann gleich sein“, sagt er, „doch die Wege sind unterschiedlich“. Gurvich begründet das mit der „Idee von Tradition“. Über Generationen werden die Rituale ausgeführt, auf immer gleiche Weise. „Sie haben einen spirituell klaren Weg angelegt“, sagt Gurvich, „sehr definiert, sehr klar“. Die Religionen kämen zum Austausch zusammen, nicht zum Vermischen. Und: „Es ist einfacher, sich zu verlieren, wenn man seinem Weg nicht klar folgt.

Jesidentum: Akeptanz der anderen

Tahli Burunacik hat eine ganz große Familie. „Für uns sind alle Menschen Geschwister“, sagt sie. Der Grund: Burunacik ist Jesidin und sagt: „Wir akzeptieren alle anderen Religionen.“

Tahli Burunacik Quelle: r

Ihre Eltern kamen Mitte der 80er-Jahre aus der Türkei nach Deutschland, „weil sie ein Leben ohne Angst und in Freiheit“ wollten. Ihr Weg zur Religion war klar : „Jesidin wird man durch Geburt und nur durch Geburt“, erklärt sie. Die Voraussetzung: Beide Elterteile sind Jesiden und stammen aus der gleichen Kaste.

Burunacik besuchte eine katholische Bekenntnisschule mit entsprechendem Religionsunterricht. Das gehöre für sie zur Allgemeinbildung. Am Jesidentum gefällt ihr besonders, dass „wir eine große Gemeinschaft sind, wir feiern zusammen Feste und Rituale. Das gibt mit Geborgenheit und Rückhalt“. Ihr Glaubensleitsatz: „Jeder Jeside kann ein guter Mensch sein. Aber um ein guter Mensch zu sein, musst du kein Jeside sein.“ Für die Zukunft wünscht sie sich, dass die Jesiden in Deutschland als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden. Burunacik: „Wir gehören genauso zu Deutschland wie jeder andere auch.“

Lebensweg Hinduismus

Der Meeresbotaniker Balasubramanian Ramani ist in Indien geboren. Heute lebt er in Hannover. Seit 2010 arbeitet er im Hochschulbüro für Internationales an der Leibnitz-Universität. „Hinduismus ist keine Religion, Hinduismus ist ein Lebensweg“, sagt Ramani.Religramme - Vertreter der großen Weltreligionen: Hindusr

Er habe in seiner Heimat verschiedene Religionen kennengelernt. Er habe christliche Schulen und Hochschulen besucht, und in seinem Heimatort seien die meisten Bewohner Muslime. Den Hinduismus finde er sehr spannend. Dabei gehe es nicht um Gott, sondern um eine Lebensweise. Dazu gehöre es, regelmäßig zu fasten und Bedürftigen zu helfen. Zwei für ihn bedeutsame Sätze führt Ramani an. Aus der Bhagavadgita, einem Buch, das für Hindus so wichtig sei wie die Bibel für Christen, zitiert er: „Gott ist nicht irgendwo, sondern Gott ist im Selbst.“ Von Ghandi stamme der Satz: „Wir müssen die Veränderungen sein, die wir uns wünschen.“

Ramani engagiert sich parteipolitisch und ist Mitglied im Vorstand des Indischen Vereins Hannover. Und er gehört zu einem Verein, der einen Hindu-Tempel in Hannover betreibt.

Buddhas Lehre

In seinem Heimatland Vietnam herrschte Krieg, also ging Ngoc-Diep Ngo 1969 zum Studium nach Deutschland. Später arbeitete er als Entwicklungsingenieur. Heute hilft der Mittsechziger als Heilpraktiker für Psychotherapie Menschen in schwierigen Situationen. Sein Glaubenscredo: „Buddhas Lehre zeigt uns: Ich bin, was ich war, und ich werde, was ich jetzt tue.“ Seine Gemeinde ist die Pagode Vien Giac, Congregation der Vietnamesisch Buddhistischen Kirche in Hannover. Mit der Eroberung Südvietnams durch das kommunistische Nordvietnam fühle er sich heimatlos. Er wandte sich dem Buddhismus zu, um Halt zu finden.Religramme - Vertreter der großen Weltreligionen: Buddhistenr

Ngo blickt allerdings auch auf andere Religionen und entdeckt so viele Gemeinsamkeiten: „Kernpunkt aller Religionen ist das Glück des Menschen und das Leben miteinander und füreinander.“ Und: „Der Schwerpunkt liegt immer auf dem Menschen.“ 1985 sei er an einem Burnout-Syndrom erkrankt. Erst sei die linke Körperhälfte ­gelähmt gewesen, dann sei er für zwei Wochen ins Wachkoma ge­fallen. „Ohne die Lehre des ­Buddhas wäre ich da nicht herausgekommen.“

Islam: Der Mensch im Zentrum

Der Vater von Camalettin Karatas kam in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter nach Salzgitter. Sein Sohn Camalettin folgte erst 1990 mit zehn Jahren. Er ist in Diyarbakir geboren, im Kurdengebiet in der Osttürkei. Als alevitische Türken seien sie „eine Minderheit in der Minderheit“ gewesen. Er wuchs in einem alevitischen Dorf mit Versammlungshaus auf. Donnerstagsabends sei er mit seiner Mutter dort hingegangen. Das habe ihn geprägt, sagt Karatas.Religramme - Vertreter der großen Weltreligionen: Muslimer

Besonders wichtig für Aleviten sei es, alles vom Menschen her zu denken. Karatas: „Es ist fast schon Gotteslästerung, wenn ich meine, Gott begreifen zu können. Wir müssen von seinem Ebenbild ausgehen, vom Menschen.“ Den Satz eines alevitischen Dichters schätze er: „Ich bin ein Instrument, durch das Gottes Liebe ertönt.“ Dass er Alevit sei, erkenne seine Umgebung in der Fastenzeit, in der er sich nicht rasiere, erklärt der Lehrer. Und donnerstags sei er immer im Versammlungshaus. Seine Mutter habe ihn alevitisch geprägt. In Salzgitter habe er sich in einem christlich-sunnitischen Umfeld damit auseinandergesetzt, was ihn von seinen Freunden unterscheide.

Christentum: Religion und Gemeinschaft

Ihre Muttersprache ist Deutsch, geboren ist die Serbin Gordana Plavsic in Hannover. Sie bewegt sich in serbisch-orthodoxer Tradition in ihrer Kirchengemeinde in Hannover. „Was ich besonders schätze an meiner Religion, das ist die Gemeinschaft“, sagt die Mittdreißigerin. Religramme - Vertreter der großen Weltreligionen: Christenr

Plavsic studiert und arbeitet als Beraterin in der nachhaltigen Wirtschaftsförderung. Viereinhalb Jahre sei sie in Südosteuropa in der Entwicklungszusammenarbeit tätig gewesen. In der Gemeinde sei sie sehr aktiv, erklärt Plavsic. Sie ist Vorstandsmitglied und geht sonntags in die Kirche. Daher gehe sie sonnabends auch nicht unbedingt weg, was ihre Freunde akzeptieren. Zeichen ihres Glaubens wie religiösen Schmuck trage sie nicht, sagt Plavsic. Doch sie glaube, dass sie als gläubig wahrgenommen werde. Sie sei manchmal sehr moralisch.

Die Vernetzung mit anderen Religionen schaffe sie über Freunde. Vor allem zur katholischen Kirche gebe es viele Bezüge. Und: „Ich habe auch viele Freunde, die den islamischen Glauben haben.“ Der serbisch-orthodoxe Glaube sei der ihrer Eltern, erläutert Plavsic. Sie habe ihn übernommen und lebe ihn.

Das Programm

„Die Ausstellung hat die Menschen bewegt“, sagt Pastorin Eva Jain von der Evangelischen Studierendengemeinde Göttingen. Jain meint damit jene, die sich die Schau „Religramme“ angesehen haben, sie meint aber auch die Vertreter der verschiedenen Religionen in Göttingen, die sie organisiert haben. Austausch und Kooperationen seien daraus hervorgegangen. Das Begleitprogramm spiegelt das wider. So wird es zwei Podiumsdiskussionen an den Donnerstagen 18. Januar und 1. Februar, um 19.30 Uhr in der Alten Mensa am Wilhelmsplatz geben, bei denen es um die Frage nach der Berechtigung und Relevanz von Religiosität an der Universität geht. Ins Gespräch kommen hier unter anderem Prof. Friedemann Nauck (Palliativmedizin) und Prof. Riem Spielhaus (Islamwissenschaften). Am Sonnabend, 20. Januar, um 19.30 Uhr gibt es im Zentralen Hörsaalgebäude einen interreligiösen Poetry-Slam. Am Donnerstag, 25. Januar, gibt es eine lange Nacht der offenen Gotteshäuser. Ab 19.30 Uhr beteiligen sich die DITIB-Moschee, die liberale Jüdische Gemeinde sowie die Kirchen St. Michael und St. Johannis dran.

Das komplette Programm gibt’s hier.

Von Peter Krüger-Lenz

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