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Regional Ausstellung im Künstlerhaus: Wie wirkt sich Digitalisierung auf die Kunst aus?
Nachrichten Kultur Regional Ausstellung im Künstlerhaus: Wie wirkt sich Digitalisierung auf die Kunst aus?
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09:55 28.10.2019
Der Bezirksverband Südniedersachsen des BBK präsentiert zehn hiesige Künstler in einer Ausstellung „Postdigital – Von A nach B nach A“ im Gewölbekeller des Künstlerhauses. Quelle: Udo Hinz
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Göttingen

Die Welt ist digital geworden – im Alltag und immer mehr in der Kunst. Aber was macht das Digitale aus der bildenden Kunst und aus uns Menschen? Mit dem Thema „Postdigital“ beschäftigten sich Künstler in ganz Deutschland im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Zeitgleich – Zeitzeichen“ des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK). Der Bezirksverband Südniedersachsen des BBK präsentiert zehn hiesige Künstler in einer Ausstellung „Postdigital – Von A nach B nach A“ im Gewölbekeller des Künstlerhauses. Die Eröffnung am Freitag zeigte, wie unterschiedlich sich die Künstler dem Thema nähern – thematisch und stilistisch.

Christel Irmscher stellt eine Grundsatzfrage: Welche Freiheit gibt es, wenn man sich einem System ausliefert? In ihrem Werk „Das Rohe“ spielt sie mit der Rückseite eines Rasenteppichs. Die in Reihen angeordneten Noppen malte sie farbig an und ließ ein buntes Frauenporträt entstehen. Das Werk erinnert an Pointillismus oder den Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein. Im Werk „Das Gekochte“ geht Irmscher einen Schritt weiter: Ein Computer verfremdete automatisiert ein abstraktes Bild.

Der Bezirksverband Südniedersachsen des BBK präsentiert zehn hiesige Künstler in einer Ausstellung „Postdigital – Von A nach B nach A“ im Gewölbekeller des Künstlerhauses. Hier: Werke von Christel Irmscher Quelle: Udo Hinz

Allgegenwart des Handys

Der Bezirksverband Südniedersachsen des BBK präsentiert zehn hiesige Künstler in einer Ausstellung „Postdigital – Von A nach B nach A“ im Gewölbekeller des Künstlerhauses. Hier: Werk von Sabine Harton Quelle: Udo Hinz

Auf die Gefahren des Digitalen verweist eine Videoarbeit von Diana Janecke und Leena Krüger: In der Videoinstallation „Pass auf Dich auf“ tippen zwei Hände permanent den immer gleichen Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“ auf das Display eines Handys. Die tippenden Daumen haben einen Fingerhut auf. Dieser schützt eigentlich beim Nähen davor, gestochen zu werden. Brauchen wir auch etwas Schützendes in der digitalen Welt – in einem Kosmos voller Fakenews und Hass?

Matthias Wallisier zeigt mit „alles gut“ ebenfalls eine Videoarbeit. In einer 24 Sekunden langen Bildsequenz ist ein leerer Holzstuhl zu sehen, um den sich eine digital erzeugte Linie windet – einen Menschen sieht man nicht mehr.

Digitales und Reales verschmelzen

Lilly Stehling zeigt mit „data door“ wie das Digitale mit der realen Welt schon verschmolzen ist. Sie platzierte inmitten eines goldenen Holzrahmens eine echte Leiterplatte in einen gemalten Raum. An den Rändern scheint das Mauerwerk des Gewölbekellers durch – unsere real erlebte Welt ist bereits vom Digitalen okkupiert.

Helmut Boeder führt dem Betrachter mit „Die Wirklichkeit hat keine Chance“ den Unterschied zwischen Echtheit und Kunstwelt vor. Auf weißen Hintergrund platzierte er eine künstliche neben einer wirklichen Rose. Die Plastikrose strahlt mit anonymer Leblosigkeit, die bereits verwelkte echte Rose wirkt wie eine individuelle Persönlichkeit.

Der Bezirksverband Südniedersachsen des BBK präsentiert zehn hiesige Künstler in einer Ausstellung „Postdigital – Von A nach B nach A“ im Gewölbekeller des Künstlerhauses. Hier: Werk von Helmut Boeder Quelle: Udo Hinz

Bei Erhart Schröter verschmilzt analoge Malerei mit digitaler Fotografie: In seinen Bildern übermalte er per Hand digital fotografierte plastische Bauteile aus Blech. Dabei verfremdete er die digitale Vorgabe, gibt ihr durch die mit der Hand gemalte Farbe eine menschliche Dimension zurück. Diese Motive darf der Betrachter gegenständlich oder abstrakt deuten.

Sicherheit und Transparenz

Raumgreifend ist die Installation „Datenträger“ von Hilke Diers. Die Künstlerin präsentiert drei aus Maschendraht geformte Säulen, die unterschiedlich gefüllt sind: mit Zeitungspapier, Computerausdrucken und Kunststoff-Luftpolstern. Die dreiteilige Plastik inspiriert über die Verbindung von analogen und digitalen Datenträgern, über Sicherheit und Transparenz des Daten- und Informationsflusses nachzudenken.

Folke Lindenblatt spielt mit Erwartungen: Ihre Bilder zeigen aus Zahlen geformte Wellen. Der Blick aus der Ferne lässt vermuten, dass diese Motive aus Computer-Algorithmen entstanden sind. Doch der Blick aus der Nähe zeigt, dass jede Zahl per Hand gezeichnet ist.

Die Ausstellung macht Mut. Die Künstler zeigen, dass man auch in unserer völlig digitalisierten Welt spielerisch mit dem Digitalen umgehen kann. So erkämpft man sich aus fremdbestimmten Netzwerken und Datenflüssen eine neue eigene Autonomie.

Bis 10. November zu sehen

Die Ausstellung „Postdigital – Von A nach B nach A“ ist bis zum 10. November 2019 im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1, Göttingen zu sehen. Öffnungszeiten: Di.-Fr. 16-18 Uhr, Sa.-So 11-16 Uhr.

Von Udo Hinz

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