Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Ausstellung im Künstlerhaus: Aus Schlagzeilen wird Kunst
Nachrichten Kultur Regional Ausstellung im Künstlerhaus: Aus Schlagzeilen wird Kunst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:53 22.03.2019
Die Göttinger Künstler Diana Janecke, Matthias Walliser und Leena Krüger (v.l.) zeigen im Künstlerhaus „Wir betreten feuertrunken, Himmlische, deine Eurozone“.
Die Göttinger Künstler Diana Janecke, Matthias Walliser und Leena Krüger (v.l.) zeigen im Künstlerhaus „Wir betreten feuertrunken, Himmlische, deine Eurozone“. Quelle: Markus Hartwig
Anzeige
Göttingen

Der Weiße Saal im Göttinger Künstlerhaus gebe sich zwischen den Ausstellungen leer wie ein unbeschriebenes Blatt. Mit diesen Worten eröffnete die Künstlerin Christel Irmscher am Donnerstagabend die aktuelle Schau im Künstlerhaus unter dem Titel „Wir betreten feuertrunken, Himmlische, deine Eurozone“. Der Untertitel gibt sich griffiger: „Wenn sich Überschriften treffen“. Nun aber zeige sich der Weiße Saal ganz anders: Ein großer Teil der Wände im Saal verschwinde unter Schlagzeilen aus Zeitungen. Irmscher: „Die Ausstellung fordert zum Lesen auf, und dazu, die Augen als Scheren zu nutzen und dabei Neues zu inszenieren.“

Leena Krüger, Matthias Walliser und Diana Janecke arbeiten seit 2014 als Künstlergruppe zusammen – neben ihrer Tätigkeit als Solo-Künstler. Sie haben bereits in Göttingen, Hannover sowie Braunschweig ausgestellt. 2017 starteten die Grafikerin und Malerin Leena Krüger, der Maler und Fotograf Matthias Walliser sowie Diana Janecke, die seit 2004 ihr Atelier im Atelierhaus Göttingen betreibt, ihre Arbeiten zur aktuellen gemeinsamen Schau.

Konzeptionelle Arbeit zum Thema Kommunikation und Interaktion

Zum Zustandekommen dieses Projekts sei nicht viel notwendig gewesen, fuhr Irmscher fort: Tageszeitungen, Scheren, Computer sowie für jeden ein bequemer Stuhl. „Das fertige Gebilde gab es erst am Ende zu lesen.“ Seit Mitte 2017 haben sich die drei Göttinger Künstler intensiv mit Überschriften aus Tageszeitungen auseinandergesetzt. Herausgekommen ist eine konzeptionelle Arbeit zum Thema Kommunikation und Interaktion, bei deren Entstehen Krüger, Walliser und Janecke jeweils assoziativ auf das Vorherige reagiert haben.

In der Ausstellung „Wir betreten feuertrunken, Himmlische, deine Eurozone“ ergeben sich Schriftbilder aus Schlagzeilen. Quelle: Markus Hartwig

Zu abgesprochenen Zeiten haben die Künstler gemeinsame Aktionen gestartet, bei denen sie sich per E-Mail Schlagzeilen aus verschiedenen Tageszeitungen in einer festgelegten Reihenfolge zusendeten, und so Gedichte tagesaktuellen Inhalts entstehen ließen: Die erste Person sendete eine Überschrift an Person Nummer zwei, die wiederum reagierte mit einer für sie passenden Überschrift per E-Mail an Person Nummer drei, die wiederum eine an Person Nummer eins sendete. So entstand ein nicht endender „Kreislauf der Schlagzeilen“, bei dem bis zuletzt keiner der Akteure den vollständigen Überblick über das jeweils Entstehende hatte. Diese Rundmail-Aktionen bildeten den Rahmen für das Projekt, in dessen Verlauf sich Schriftbilder entwickelten, die sowohl visuell als auch inhaltlich den Raum vereinnahmen sollen.

Zufällige Satzkonstruktionen

Themen dabei sind Zeit, Kommunikation sowie die Umbrüche zwischen digital und analog. Fragen nach dem Wahrheitsgehalt von Nachrichten interessieren die Künstler dabei ebenso wie die Alltagspoetik. Diese Arbeit entwickelte sich durch kontinuierlichen Gedankenaustausch, und nähert sich spielerisch der täglichen Informationsflut. Herausgekommen sind zum Beispiel aus Zeitungsschlagzeilen erstellte Texte, die wie Gedichte erscheinen.

„Dabei ergeben sich neue Deutungen und Bedeutungen“, so Irmscher weiter in ihrer Eröffnungsrede. Sie schlug eine Brücke zur „Cut-Up-Technik“, die zufällige Satzkonstruktionen als Ergebnis hat. Es sei eine Art Gegenstrategie zu Gedankenkontrolle und Manipulation. Irmscher: „Es ist ein ästhetisches Vergnügen, diese Strophen zu lesen.“

Vortragsaktion am 29. März

Parallel zur Ausstellung gibt es am Freitag, 29. März, ab 19 Uhr an gleicher Stelle eine szenisch-spielerische Vortragsaktion „Ich, Kurt Schwitters!“ von Werner Zülch, Aktionstheater Kassel. „An Anna Blume. O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne …“ – so beginnt ein bekanntes Gedicht von Schwitters. In seiner darstellerischen Aktion aus visuellen Elementen und performten Situationen spürt Zülch den künstlerisch-literarischen Aussagen Schwitters nach.

„Wir betreten feuertrunken, Himmlische, deine Eurozone – Wenn sich Überschriften treffen“ ist vom 21. März bis zum 21. April bei freiem Eintritt Dienstag bis Freitag von 16 bis 18 sowie Sonnabend und Sonntag von 11 bis 16 Uhr geöffnet im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1.

Von Markus Hartwig