Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Autorin Ruth Klüger feiert ihren 80. Geburtstag
Nachrichten Kultur Regional Autorin Ruth Klüger feiert ihren 80. Geburtstag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:35 28.10.2011
2010 bei der Verleihung der Göttinger Ehrenmedaille: Ruth Klüger. Quelle: Vetter
Anzeige
Göttingen

Ihr Buch „weiter leben – Eine Jugend“ erschien, zunächst mangelnder literarischer Qualität wegen vom Suhrkamp-Verlag abgelehnt, im Göttinger Wallstein-Verlag und machte Autorin und Verlag berühmt.

Susanne Ruth Klüger, 1931 als Tochter eines jüdischen Gynäkologen in Wien geboren, durfte sich schon als Siebenjährige auf keine Parkbank mehr setzen. Damals wollte sie aus Trotz nicht mehr Susanne genannt werden, sondern entschied sich für ihren zweiten Namen: Ruth. Mit elf wurde sie mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert, von dort nach Auschwitz gebracht und schließlich ins Arbeitslager Christianstadt überstellt. Ihr Vater und ihr Halbbruder wurden ermordet. Mutter und Tochter konnten Ende des Krieges auf einem „Todesmarsch“ fliehen.

Anzeige

„Ich habe den Verstand nicht verloren, ich habe Reime gemacht“, sagt sie stets, wenn man sie fragt, wie sie die Konzentrationslager überlebt habe. Die gebundene Sprache der Lyrik gab ihr Halt, Gedichte wurden zu ihrer Überlebensstrategie. Das Weiterleben widmete sie der Wahrheitsfindung mittels Literatur, wie sie später ihre wissenschaftliche Arbeit als Germanistin beschrieb: „Literatur interpretiert das Leben.“

Ins bayerische Straubing verschlagen, machte sie nach dem Krieg das Notabitur und studierte anschließend in Regensburg. Dort schloss sie Freundschaft mit ihrem Kommilitonen Martin Walser. Als der Schriftsteller 2002 den Roman „Tod eines Kritikers“ veröffentlichte, kritisierte sie dessen antisemitische Tendenz in einem offenen Brief: „Gerade in seiner Unterschwelligkeit folgt Deine Darstellung einem geradezu klassischen Muster der Diskriminierung.“

Ruth Klüger hatte es nicht lange in Deutschland gehalten: 1947 war sie in die Vereinigten Staaten emigriert. In New York studierte sie Bibliothekswissenschaften, im kalifornischen Berkeley Germanistik. Sie heiratete den Historiker Werner Angress, wurde Mutter zweier Kinder und promovierte 1967 nach ihrer Scheidung über die Lyrik des Barock. 1980 übernahm sie einen Lehrstuhl für Germanistik an der Princeton University, 1986 folgte sie dem Ruf an die University of California in Irvine. Obgleich sie deutsche Literatur lehrte, über Lessing und Kleist forschte, hatte sie bis dahin nur in Englisch publiziert.

Als sie 1988 als Gastprofessorin an der Georg-August-Universität Göttingen nach Deutschland zurückkehrte, näherte sie sich auch wieder emotional ihrer Muttersprache. Den Göttinger Freunden widmete sie 1992 ihre Erinnerungen an ihre Jugend im Nationalsozialismus. Der Wallstein Verlag konnte mit „weiter leben“ einen spektakulären Erfolg verbuchen. „Ruth Klüger liebt die Stille, die alarmierende freilich, die Knappheit, die provozierende, das Understatement, das schreiende“, schrieb der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki über sie. Sein Kollege Hannes Stein schrieb in der Frankfurter Allgemeinen: „Es fällt schwer, nicht seitenweise aus diesem Buch zu zitieren, das Formulierungen enthält, bei denen jedem wachen Leser das Herz lacht trotz aller Traurigkeit.“

In ihrem Essayband „Katastrophen“ (1993) spürte Ruth Klüger den jüdischen Gestalten in der deutschen Literatur nach. Unter dem Titel „Frauen lesen anders“ veröffentlichte sie 1996 ihre feministischen Vorträge und Aufsätze. Noch im selben Jahr rechnete sie in ihrem Traktat „Von niedriger und hoher Literatur“ mit Holocaust-Kitsch ab.

Vor drei Jahren erschien ihr zweites Erinnerungsbuch unter dem Titel „unterwegs verloren“, in dem sie sich über ihr Leben in Amerika Rechenschaft gibt. Analytische Schärfe und sachliche Nüchternheit zeichnen die Arbeiten dieser Autorin aus. Sogar Reich-Ranicki hat nach eigenem Bekunden von ihr gelernt. Und er weiß auch, warum: Ruth Klüger betrachte die Literatur „liebend und kritisch zugleich“.

2010 erhielt Ruth Klüger die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen. Dies dokumentiert ihre enge Verbindung mit der Universitätsstadt.

Von Claudia Schülke und Michael Schäfer