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Regional Bad Hersfelder Festspiele: „Nathan der Weise“ in der Regie von Holk Freytag
Nachrichten Kultur Regional Bad Hersfelder Festspiele: „Nathan der Weise“ in der Regie von Holk Freytag
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16:48 29.07.2014
Von Peter Krüger-Lenz
Begegnung der Religionen: oben der Jude Nathan, unten der Muslim Saladin, beide auf Augenhöhe.
Begegnung der Religionen: oben der Jude Nathan, unten der Muslim Saladin, beide auf Augenhöhe. Quelle: Iko Freese / drama-berlin.de
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Bad Hersfeld

Die Bad Hersfelder Festspiele sind jetzt mit dem epochalen Werk eröffnet worden. Festspiel-Intendant Holk Freytag hat es inszeniert.

1783 schrieb Lessing sein Stück als Reaktion auf das Verbot seiner Streitschriften gegen einen orthodoxen Pastor. Vehement fordert Lessing mit dem Werk das Ideal der Humanität statt Intoleranz. Nicht vom äußerlichen Glaubensbekenntnis hänge der Wert eines Menschen ab, sondern von seinem Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft, lautet Lessings Botschaft.

Bemerkenswert. Immerhin schrieb er den Text vor 230 Jahren. Der Kommentar von Regisseur Freytag zur Aktualität des Stoffes: der ohrenbetäubende Lärm eines Kampfhubschraubers donnert zu Beginn über die Bühne und vertreibt drei orientalische Hirten, die dort an Feuern sitzen.  Ohne diesen Zaunpfahl wär auch klar geworden: Ja, über das Thema muss auch heute noch gesprochen werden.

Ein reicher Jude

Nathan ist ein reicher Jude. Seine Tochter Rachel ahnt nicht, das sie als Christin geboren und von dem Juden aufgezogen wurde, dem Christen kurz zuvor seine Familie mit sieben Söhnen niedergemetzelt hatten. Ein Tempelherr, ein Christ also, rettet das Mädchen aus dem brennenden Haus Nathans. Den Dank dafür lehnt er erst ab, denn er kommt von einem Juden. Den Islam bringt Sultan Saladin ins Spiel, das Lessing klug angezettelt, manchmal arg konstruiert und hollywoodmäßig aufgelöst hat.

Freytag vertraut dem Stück und seinen Schauspielern – er lässt beide auf der nackten riesigen Bühne alleine. Ein Bühnenbildner ist nicht verzeichnet auf der Liste des Produktionsteams. Lediglich drei Feuer lodern aus dem Boden.  Dieses Gottvertrauen wird belohnt. Stephan Schad ist als Nathan unglaublich präsent.

Er ist gerade so jüdisch, dass die Figur auch nicht ansatzweise klischeehaft oder karikierend wirkt.  Dirk Gloddes Sultan tänzelt elegant auf der Grenze hin zur Parodie, die er aber nie überschreitet. Glodden findet einen ganz eigenen, sehr schönen Zugang zu dieser Rolle. Stephan Ullrich ist ein etwas älterer junger Tempelherr, auch er spielt sehr pointiert und emotional.

Jeder der Drei ist in der Lage, den gewaltigen Raum Stiftsruine zu füllen. Unterstützt werden sie von einem Frauentrio, aus dem Charlotte Puder als Nathans Tochter Recha herausragt.

Keine Frage, die Sprache Lessings ist für heutige Ohren gewöhnungsbedürftig, aber sie ist auch groß. Gut zwei Stunden dauert die Vorstellung, Lessing und der Schauspielern dabei zu folgen, fordert Anstrengung. Doch die zu investieren lohnt sich unbedingt. Dann wird die Zeit auch nicht lang.

Elf weitere Vorstellungen von „Nathan der Weise“ folgen bis zum Ende der Bad Hersfelder Festspiele am Sonntag, 11. August. Kartentelefon: 0 66 21 / 64 02 00.