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Regional Berliner Soziologin: Vorurteile gegen Ostdeutsche und Migranten ähneln sich
Nachrichten Kultur Regional Berliner Soziologin: Vorurteile gegen Ostdeutsche und Migranten ähneln sich
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18:00 09.11.2019
Migrationsforscherin Naika Foroutan stellt in Göttingen ihre Studie vor, in der sie Vorurteile gegenüber Ostdeutschen und Migranten verglichen hat. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Die Vorurteile der Westdeutschen gegenüber Ostdeutschen und Migranten ähneln sich. Darüber hat die Berliner Soziologin Naika Foroutan eine Studie initiiert, über deren Ergebnisse sie am Donnerstag im Göttinger Literarischen Zentrum berichtet hat.

Gesprächspartner der Wissenschaftlerin, die 2004 an der Universität Göttingen bei Prof. Bassam Tibi promovierte, war Robert Pausch, Politikredakteur der „Zeit“, ebenfalls mit Göttinger Studier-Vergangenheit. Er eröffnete den Abend mit drei Beobachtungen der jüngsten Tage, die, so Pausch, auf „die Widersprüchlichkeit der aktuellen Lage“ verwiesen. Zum Ersten hätten Abgeordnete der Thüringer CDU Gespräche mit der AfD befürwortet, zum Zweiten habe der frühere Berliner Bürgermeister Walter Momper („ein Fossil, das sich zu Wort meldet“) über die Ostdeutschen lamentiert: „Was, wollen die denn noch mehr?“.

Damit zeige sich, dass der „Typus des herrischen Westdeutschen“ noch nicht tot sei. Zum Dritten seien nach den Recherchen im aktuellen „Glücksatlas“ die Deutschen „zufrieden wie noch nie“, was sogar überproportional auf die Ostdeutschen zutreffe.

Gesellschaft im Umbruch

Der Beobachtung der Widersprüchlichkeit stimmt Foroutan nachdrücklich zu. Wie sie gegen Ende des Abends präzisiert, befinde sich die Gesellschaft derzeit in einer „fundamentalen Neuordnungssituation“. Viele der Prämissen, die lange Zeit unangefochten gegolten hätten, würden heute infrage gestellt.

Eine dieser Prämissen sei Artikel 3 des Grundgesetzes, nach dem alle Menschen gleich seien, unabhängig von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben, religiösen oder politischen Anschauungen. Zwar meinten viele, dass unser Land diese Norm erfülle. Doch stehe dagegen die empirische Ungleichheit auf vielen Gebieten.

Schließung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund

Dafür führt Foroutan etliche Beispiele an. Die meisten Ungleichheiten, etwa was die Benachteiligung von Frauen angehe, seien eine „Missrepräsentation“: Frauen sei der Zugang zu wirtschaftlichen Führungspositionen nicht prinzipiell verwehrt, er finde eben nur nicht statt. Darüber hinaus gebe es aber auch eine „Schließung“ des Zugangs zu Machtpositionen in der Gesellschaft, was vor allem Menschen mit Migrationshintergrund betreffe.

Die Studie hat ergeben, dass fast 34 Prozent der Westdeutschen (und knapp 48 Prozent der Ostdeutschen) Probleme hätten, wenn Musliminnen und Muslime in Führungspositionen aufsteigen würden. Ausgeprägte Ängste gebe es auch im Bereich der Bildung: 33,1 Prozent der Westdeutschen und 40,4 Prozent der Ostdeutschen hätten die Aussage bejaht, wir müssten aufpassen, dass die Bildungserfolge von Muslimen nicht zulasten der Bildungschancen der Restbevölkerung gingen.

Analogien zwischen Ostdeutschen und Migranten

Analogien der strukturellen Ungleichheit von Ostdeutschen und Migranten, so die Studie, gebe es beim Nettoeinkommen. 26,5 Prozent der Ostdeutschen und 29,5 Prozent der Migranten seien tendenziell stärker im untersten Einkommenssegment vertreten, bei den Westdeutschen liege die Zahl lediglich bei 18,8 Prozent. Beiden, Ostdeutschen wie Migranten, werde häufig vorgeworfen, sie sähen sich ständig als Opfer. Das gelte auch für den Vorwurf der Nähe zum Extremismus und die Aussage, sie – Ostdeutsche wie Migranten – seien „noch nicht richtig im heutigen Deutschland angekommen“.

Foroutan diagnostiziert bei der heutigen Gesellschaft eine „große Gereiztheit“, eine „Angespanntheit“. Die interne Ungleichheit habe zugenommen, ebenso der Fatalismus, angesichts der Weltuntergangsszenarien nichts zu unternehmen, sondern sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, wir seien „nicht mehr wirkmächtig“. Pausch konstatiert, wir befänden uns heute in einem „Gefühl des Übergangs“. Zwar gebe es neue Sensibilitäten, aber auch eine neue Wut.

Kein Patentrezept

In der ausgesprochen lebendigen Schlussdiskussion fragt ein Zuhörer die Soziologin, was wir gegen alle diese Gefahren unternehmen könnten. Dagegen kann Foroutan kein Patentrezept nennen. Sie plädiert stattdessen für eine Politik der kleinen Schritte, die bestehenden Ungleichheiten abzubauen unter der Prämisse „Man muss sich strategisch besser organisieren“.

Die Studie zum Nachlesen

Die vollständige Studie gibt es im Internet zum Nachlesen.

Die jüngste Buchveröffentlichung von Naika Fotoutan:

„Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie“. transcript Verlag, Bielefeld 2019, 276 Seiten, 19,99 Euro.

Von Michael Schäfer

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