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Regional Bewegende Intensität des Ausdrucks
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18:00 28.05.2017
Von Michael Schäfer
Quelle: Schäfer
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Göttingen

Der Knabenchor-Gründer Herzog war ein fruchtbarer Komponist. Seine Tonsprache ist, wie das Konzert zeigte, gemäßigt modern. Wenn sie manchmal auf den ersten Blick etwas sperrig wirkt, so merkt man rasch, dass dies der Textausdeutung, der Intensität des Ausdrucks geschuldet ist.

Für fünf Sololieder Herzogs auf Texte von Rainer Maria Rilke war der junge Hamburger Bariton Timotheus Maas engagiert. Er erwies sich als ein glänzender Interpret dieser hochexpressiven Lieder, konnte dabei sein in den tiefen Lagen besonders sonores Stimmfundament zeigen und seine Fähigkeit, die Feinheiten des Ausdrucks mit differenzierten Klangfarben darzustellen.

Seine höchst kompetente Klavierpartnerin war Natalia Bachmann, früher Schülerin des Göttinger Otto-Hahn-Gymnasiums, die heute in Melsungen als Klavierpädagogin arbeitet. Sie hatte die von schwierigen Sprüngen durchsetzte und zum Teil rhythmisch komplizierte Klavierstimme gründlich studiert und spielte ihren Part dort, wo es angemessen war, auch durchaus musikalisch selbstbewusst.

Im Wechsel mit dem Solo-Bariton Maas sang der Knabenchor unter seinem heutigen Leiter Michael Krause eines der späten Hauptwerke Herzogs, den von Natalia Bachmann am Klavier professionell begleiteten Zyklus „Fluch des Kriegs“ nach Gedichten von Li Tai-Pe in den Nachdichtungen von Klabund.

Dieser Zyklus – vorgetragen wurde die 1980/81 entstandene dritte Fassung – ist ein tief bewegender Friedens-Mahnruf mit hart-aggressiven wie mit leise-lyrischen Passagen. Diese Ausdruckswerte arbeitete Krause mit seinen Choristen sehr fein heraus, auch wenn sich stellenweise zeigte, dass Herzog ziemlich hohe Ansprüche an seine Sänger gestellt hat.

Chorsätze aus Händels Solomon, Samson, Belshazzar, Saul, Joshua und Jephtha setzten barocke Kontrapunkte und verstärkten vehement die Aussagen der Gedichte von Li Tai-Pe. Wenn etwa von den Tränen einer jungen Frau die Rede ist, deren Mann im Krieg gefallen ist, und darauf ein Chor mit den Worten „Hör, großer Gott, hör der Klage Schmerz“ folgt, dann ist es, als gehörten diese Musikstücke unmittelbar zusammen.

Das Arrangement des Orchesterparts spielten Frank Scheller (Violoncello), Maria Soltesz (Kontrabass) und Antonius Adamske (Truhenorgel) lebendig und temperamentvoll.

Abgeschlossen wurde das Konzert von dem sehr eindringlichen Herzogschen Chor „Ruf und Gebet mit Pater noster“. Der Beifall für dieses von Krause intelligent zusammengestellte, abwechslungsreiche Konzert wollte kaum enden.

© Schäfer

Wenige Tage vor dem Geburtstagskonzert ist die Monographie „Franz Herzog – ein Kruzianer in Göttingen. Chordirigent und Komponist“ erschienen. Autor ist der Dresdner Musikwissenschaftler Vitus Froesch.

Bislang gab es Informationen über das Leben und Schaffen Herzogs nur in verstreuten Quellen, etwa in Festschriften des Göttinger Knabenchors. All dies hat Froesch zusammengetragen und mit weiteren Materialien ergänzt, die er gründlich durchgesehen und verarbeitet hat. Die wichtigsten Quellen waren bislang öffentlich nicht zugänglich: die zumeist handschriftlich überlieferten Kompositionen Herzogs aus seinem Nachlass. Sie hat Frosch in seiner Monographie in einem ausführlichen Werkverzeichnis (FHWV) erfasst.

Deutlich wird überdies eine wichtige musikalische Verbindungslinie zwischen Göttingen und Dresden. Denn Herzog gehörte in seiner Jugend dem Dresdner Kreuzchor an und hat seine dort gewonnenen Erfahrungen im Aufbau des Göttinger Knabenchors verwertet. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Göttinger Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Vitus Froesch: Franz Herzog – ein Kruzianer in Göttingen (= Dresdner Schriften zur Musik, Band 10). Tectum Verlag Baden-Baden, 176 Seiten, 24,95 Euro.