Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional „Bitte nicht zurückschicken, vernichten“
Nachrichten Kultur Regional „Bitte nicht zurückschicken, vernichten“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:35 05.07.2009
Musikalische Moden zurück in handgemachte Songs übersetzen: die Band „Freiwillige Selbstkontrolle“.
Musikalische Moden zurück in handgemachte Songs übersetzen: die Band „Freiwillige Selbstkontrolle“. Quelle: Peter Heller
Anzeige

Strümpel lebt in Göttingen und ist Lektor beim renommierten Steidl-Verlag. Er brach mit seinem etwas schelmischen Beitrag zum Abend ein Tabu: Strümpel las aus Briefen, mit denen Autoren ihre unverlangt eingesandten Manuskripte anpriesen. Geschäftspost, die eigentlich nie in der Öffentlichkeit landet. „In der Regel kann man schon am Anschreiben sehen, ob jemand schreiben kann“, meint der Lektor. Lauter Preziosen hat Strümpel aus seinem Kuriositätenschränkchen hervorgeholt, Kostproben, verfasst von Menschen mit enorm viel Selbstbewusstsein, erstaunlicher Naivität oder erschütternder Mimosenhaftigkeit. „Natürlich hätte ich nichts dagegen, wenn das Buch mit einigen Bildern von Udo Lindenberg illustriert wird“, schreibt einer. Ein anderer verfügt: „Bitte nicht zurückschicken, vernichten.“ Ultimativ äußert ein Dritter: „Falls Sie mir antworten wollen, verzichten sie auf jeden Kommentar. Den können Sie sich schenken.“ 

Und einer spricht für viele der verhinderten Literaten: „ Seit vielen Jahren schreibe ich Gedichte. Ich träume davon, Geld damit zu verdienen.“ Ein besonders eigenwilliges Bewerbungsschreiben hatte Strümpel ans Ende seines Vortrags gestellt. Kafka hatte es 1912 an den Rowohlt-Verlag gesandt. Schon damals also taten sich auch große Autoren schwer, ihre Werke anzupreisen.

Arne Rautenberg, ein Oft-Gast des Zentrums, muss sich um einen Verlag, der seine Texte veröffentlicht, nicht mehr sorgen. Von ihm ist Lyrik und Prosa erschienen, er ist journalistisch und bildnerisch tätig. Im Literarischen Zentrum las er Gedichte, eine Reihe von ihnen geschrieben für Kinder (Rautenberg ist glücklicher Familienvater), die auch für Erwachsene funktionieren. Er spielt elegant mit Wörtern, seine Verse knitteln klug, und man merkt ihnen an, dass der Autor sich mit dem Dadaismus befasst hat. Rautenberg liest pointiert, rhythmisch und manchmal fast liedhaft. Ein Lesehäppchen an diesem Abend, das Lust macht auf einen weiteren mit mehr Rautenberg.

Mehr Besuche der Band „Freiwillige Selbstkontrolle“ , kurz: „F.S.K“, in Göttingen wären auch schön. Nach rund 25 Jahren haben sie im Literarischen Zentrum ihr erst zweites Konzert in Göttingen gegeben. Inzwischen um den Schlagzeuger Carl Oesterhelt angewachsen, schraddeln sie nach wie vor auf ihren Instrumenten. Thomas Meinecke (Schriftsteller), Michaela Melian (Künstlerin), Justin Hofmann (Chef des Kunstvereins Wolfsburg) und Wilfried Petzi (Fotograf) sehen ihren Auftrag nicht in der Brillanz ihres Spiels sondern in den Inhalten ihrer Musik. Immer wieder haben sie sich neu erfunden, derzeit übersetzten sie elektronische musikalische Moden wie House zurück in handgemachten Sound. Eine eigenwillige Mischung, die oft den Cha-rakter einer Session hat. Immer noch spielen die von fast allen in gleichen Anteilen gesungenen Texte eine bedeutende Rolle, nach wie vor sind sie eine der Lieblingsbands der internationalen Intelligenzia.

Neben vielen eher jungen Konzertbesuchern war dies-mal auch eine Reihe in Ehren ergrauter Fans dabei. Ge-meinsam hatte man Spaß, das passiert in einem solchen Rahmen nicht oft.

Von Peter Krüger-Lenz